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# 111 September 2010
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Leserbriefe

Zum Hinschied Leonard B. Meyers
Editorial vom 04.01.2008

Im Editorial ihres Magazins vom 4.1.2008, das mir unversehens begegnet ist, wird eine Textpassage zitiert, die angeblich dem Buch «Emotion and Meaning in Music» (1956) von Leonard B. Meyer entstammt und auf deren Grund Meyer als ein Bahnbrecher der kognitiven Psychologie gerühmt wird:

«Der wichtigste Faktor in dem Seelenvorgang, welcher das Auffassen eines Tonwerks begleitet und zum Genuss macht, wird am häufigsten übersehen. Es ist die geistige Befriedigung, die der Hörer darin findet, den Absichten des Komponisten fortwährend zu folgen und voran zu eilen, sich in seinen Vermutungen hier bestätigt, dort angenehm getäuscht zu finden. Es versteht sich, dass dieses intellektuelle Hinüber- und Herüberströmen, dieses fortwährende Geben und Empfangen, unbewusst und blitzschnell vor sich geht. Nur solche Musik wird vollen künstlerischen Genuss bieten, welche dies geistige Nachfolgen, welches ganz eigentlich ein Nachdenken der Phantasie genannt werden könnte, hervorruft und lohnt.»

Der Autor dieser Worte ist aber nicht Meyer, sondern Eduard Hanslick. Sie befinden sich im fünften Kapitel seines berühmten Essays «Vom Musikalisch-Schönen» (1854).
Vgl. www.gutenberg.org/files/26949/26949-h/26949-h.htm 133.


Prof. Dr. Ilkka Oramo
Helsinki



Satie, von Einem und Weill im Leipziger Bordell
Nachricht vom 19.11.2009

Johann Sebastian Bach als Gast im Technoclub «Berghain» in Berlin: das klingt nach einer eher «seriösen» Veranstaltung verglichen mit dem Bordellkonzert mit moderner Klassik vom 20. November im Eros Center zu Leipzig, welches sich der «liederlichen Lieder und Balladen» von Satie, von Einem und Weill unter anderem annahm, das heisst Musik und Gesänge, die «von sexuellen Praktiken» handeln.

Klassische Musik auf der Flucht aus dem Konzertsaal oder Flucht vor sich selbst? Ortswechsel waren schon immer mal üblich, mit mehr oder minderem Erfolg. Solche Ausflüge gehören zur aktuellen Event-Logik und liegen mit ihren jähen Sprüngen völlig im Trend - aber ihre Wirkung verpufft meist schon am Abend selbst, ähnlich einem Streichhölzchen, das man nur einmal entflammen kann.

Keine Frage: die Klassische Musik hat ihren Platz in der «Beschleunigungsgesellschaft» mit ihren permanenten Trendwechseln einstweilen noch nicht gefunden.

Und wo liegt das Problem? Klassische Musik ist fordernd, verlangt Zuneigung und Verständnis, sonst fällt sie ins Leere, Als reine Weghörmusik stört und nervt sie, ihre innere und äussere Dynamik geht an die Nieren... und das ist nicht jedermanns Sache.


Armin Brunner
8702 Zollikon



Beethovens «Elise» ist angeblich identifiziert
Nachricht vom 01.07.2009

Es gibt keinen Beweis einer Beziehung zwischen Beethoven und Elisabeth Röckel (damals schon verheiratete Hummel), die über eine lose Bekanntschaft hinausgeht. Im Wien des frühen 19. Jahrhunderts nannte sich jede Elisabeth «Elise». Das entsprach der damaligen Mode. Jede Caroline nannte sich «Charlotte» und jede Aloysia «Louise».

Herr Kopitz selbst fand im «Archiv des Wiener Stephansdoms» (das es unter dieser seltsamen Bezeichnung gar nicht gibt) nichts, denn er hat dieses persönlich nie betreten. Das von ihm veröffentlichte Datum der Taufe von Hummels Sohn Eduard im Jahr 1814 ist ausserdem falsch.

Das Klavierstück «Für Elise» erhielt seinen Namen im Jahr 1865 vom deutschen Beethoven-Forscher Ludwig Nohl, der das Autograph bei einer gewissen Babette Bredl in München fand und es abschreiben durfte. Da das Manuskript verschollen ist, wissen wir bis heute nicht, dass der Titel «Für Elise» korrekt ist. Babette Bredl besass noch weitere Beethoven-Stücke in der Handschrift von Beethovens Freundin Therese Malfatti, weswegen es sehr wahrscheinlich ist, dass der Titel von Nohl falsch abgeschrieben wurde und eigentlich «Für Therese» lautete. Beethoven hatte im Jahr 1810 die Absicht Therese Malfatti zu heiraten. Daraus wurde aber nichts, da er als Nicht-Adeliger keine standesgemässe Partie war. Dass Therese Malfatti diese «Elise» war, galt nie als ausgemacht, es ist nur die plausibelste aller Erklärungen.

Kopitz agiert nur mit Wunschdenken. In seiner Begeisterung dichtet er Therese Malfatti sogar einen nicht existenten Bruder namens «Franz Mora-Malfatti» an, obwohl diese aus Italien stammende Person mit Therese absolut nichts zu tun hatte. Und Kopitz kann vor allem nicht erklären, wie das Autograph von «Für Elise» noch zu Lebzeiten Elisabeth Hummels nach München kam. Frau Hummel in Weimar behielt Beethovens Haarlocke, verschenkte aber das wertvolle Notenblatt schon 20 Jahre vor ihrem Tod? Das ist absurd und reicht bestenfalls für eine kuriose Zeitungsmeldung, aber nicht für den Beweis eines historischen Faktums. Eine Beziehung zwischen Frau Hummel (Röckel) und Frau Bredl kann Kopitz nicht herstellen und alle seine Überlegungen zu dieser Frage triefen von Unwissenschaftlichkeit.

Die plausibelste Erklärung ist, dass das Notenblatt zwischen 1851 und 1865 im Besitz des Pianisten Rudolf Schachner nach München kam, dem Therese von Droßdik (geb. Malfatti von Rohrenbach zu Dezza) im Jahr 1851 ihre Musikalien und ihr Klavier hinterlassen hatte.


Michael Lorenz
Wien



Alle Blockflötenkonzerte Vivaldis
CD-Rezension vom 19.12.2008

Zitat: «Beide 'Gesamtaufnahmen' ignorieren hingegen einen Rekonstruktionsversuch [= RV 312R] eines weiteren Blockflötenkonzertes, den der Musikwissenschaftler Jean Cassignol vor einigen Jahren unternommen hat.»

Auf dem Palimpsest des authentischen dreisätzigen Violinkonzertes RV 312 ist die ausgestrichene Skizze eines Ur-Flautinokonzertes im 1.Satz erhalten geblieben, die wohl von einem unbekannten Solisten der Jahre 1728–1729 für unspielbar gehalten wurde und Vivaldi dazu führte, neue Soloteile für eine violino principale zu schreiben. Vivaldi verfügte vermutlich nicht über hervorragende Blockflötisten wie Dorothee Oberlinger oder Sébastien Marq, die mein rekonstruiertes Konzert auf CD eingespielt haben (D. Oberlinger, Marc Aurel/Raumklang - MA20015; S. Marq, Naïve - OP30371 - sehr beliebt in Frankreich!).

Es ist durchaus angebracht, bizarri - weil flautinogefärbt - geigentechnische Spielfiguren aufzulisten, die in der definitiven Violinfassung vorhanden sind. Einige Indizien deuten aber mit Sicherheit darauf, dass die zwei ersten Sätze für einen Flautino konzipiert wurden und von Vivaldi nur teilweise für die Violine geändert wurden, indem er sie vielleicht von einem ersten, heute verlorenen Manuskript abschrieb. Dies alles wird in einer künftigen Edition von RV 312R dargelegt werden.


Jean Cassignol
Paris
Rekonstrukteur des
Konzertes RV 312R
19.04.2009






frühere Leserbriefe zu:

Wieviel Zynismus verträgt Pro Helvetia?
Entgegnung zum Editorial vom 25.04.2008
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Nachricht vom 26.03.2008
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Besprechung vom 12.05.2005

Dossier
Musikvermittlung
30.04.2010
Komponieren ist auch Handwerk
Der Schweizer Komponist David Philip Hefti im Codex-flores-Interview.

--- Hinweis ---

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Dossier
Musikphilosophie
Musik in Goodmans Individuenkalkül
Der Individuenkalkül des Philosophen Nelson Goodmans scheint für formale Beschreibungen musikalischer Strukturen wie geschaffen.

Jubiläen 2010
Frédéric Chopin
Ein paar nützliche Links und Codex-flores-Texte zu Frédéric Chopin
Robert Schumann
Dasselbe zu Robert Schumann

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01. 06. 2010
Dossier Kulturpolitik


Entwurf einer Bundeskulturpolitik
Eine eigenständige Bundes-Kulturpolitik ist unerlässlich. Helvetia muss dazu aber ein paar alte Zöpfe opfern.

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