Satie, von Einem und Weill im Leipziger Bordell Nachricht vom 19.11.2009
Johann Sebastian Bach als Gast im Technoclub «Berghain» in
Berlin: das klingt nach einer eher «seriösen» Veranstaltung verglichen mit dem
Bordellkonzert mit moderner Klassik vom 20. November im Eros Center zu Leipzig, welches sich der «liederlichen Lieder und Balladen» von Satie, von Einem und Weill unter anderem annahm, das heisst Musik und Gesänge, die «von sexuellen Praktiken» handeln.
Klassische Musik auf der Flucht aus dem Konzertsaal oder Flucht vor sich selbst? Ortswechsel waren schon immer mal üblich, mit mehr oder minderem Erfolg. Solche Ausflüge gehören zur aktuellen Event-Logik und liegen mit ihren jähen Sprüngen völlig im Trend - aber ihre Wirkung verpufft meist schon am Abend selbst, ähnlich einem Streichhölzchen, das man nur einmal
entflammen kann.
Keine Frage: die Klassische Musik hat ihren Platz in der
«Beschleunigungsgesellschaft» mit ihren permanenten Trendwechseln einstweilen
noch nicht gefunden.
Und wo liegt das Problem? Klassische Musik ist fordernd, verlangt Zuneigung und Verständnis, sonst fällt sie ins Leere, Als reine Weghörmusik stört und nervt sie, ihre innere und äussere Dynamik geht an die Nieren... und das ist nicht jedermanns Sache.
Armin Brunner
8702 Zollikon
Beethovens «Elise» ist angeblich identifiziert Nachricht vom 01.07.2009
Es gibt keinen Beweis einer Beziehung zwischen Beethoven und Elisabeth
Röckel (damals schon verheiratete Hummel), die über eine lose Bekanntschaft
hinausgeht. Im Wien des frühen 19. Jahrhunderts nannte sich jede Elisabeth
«Elise». Das entsprach der damaligen Mode. Jede Caroline nannte sich
«Charlotte» und jede Aloysia «Louise».
Herr Kopitz selbst fand im «Archiv des Wiener Stephansdoms» (das es unter
dieser seltsamen Bezeichnung gar nicht gibt) nichts, denn er hat dieses
persönlich nie betreten. Das von ihm veröffentlichte Datum der Taufe
von Hummels Sohn Eduard im Jahr 1814 ist ausserdem falsch.
Das Klavierstück «Für Elise» erhielt seinen Namen im Jahr 1865 vom
deutschen Beethoven-Forscher Ludwig Nohl, der das Autograph bei einer
gewissen Babette Bredl in München fand und es abschreiben durfte. Da das
Manuskript verschollen ist, wissen wir bis heute nicht, dass der Titel «Für
Elise» korrekt ist. Babette Bredl besass noch weitere Beethoven-Stücke in
der Handschrift von Beethovens Freundin Therese Malfatti, weswegen es sehr
wahrscheinlich ist, dass der Titel von Nohl falsch abgeschrieben wurde und
eigentlich «Für Therese» lautete. Beethoven hatte im Jahr 1810 die Absicht
Therese Malfatti zu heiraten. Daraus wurde aber nichts, da er als
Nicht-Adeliger keine standesgemässe Partie war. Dass Therese Malfatti diese
«Elise» war, galt nie als ausgemacht, es ist nur die plausibelste aller Erklärungen.
Kopitz agiert nur mit Wunschdenken. In seiner Begeisterung dichtet er
Therese Malfatti sogar einen nicht existenten Bruder namens «Franz
Mora-Malfatti» an, obwohl diese aus Italien stammende Person mit Therese
absolut nichts zu tun hatte. Und Kopitz kann vor allem nicht erklären, wie
das Autograph von «Für Elise» noch zu Lebzeiten Elisabeth Hummels nach
München kam. Frau Hummel in Weimar behielt Beethovens Haarlocke,
verschenkte aber das wertvolle Notenblatt schon 20 Jahre vor ihrem Tod? Das
ist absurd und reicht bestenfalls für eine kuriose Zeitungsmeldung, aber
nicht für den Beweis eines historischen Faktums. Eine Beziehung zwischen
Frau Hummel (Röckel) und Frau Bredl kann Kopitz nicht herstellen und alle
seine Überlegungen zu dieser Frage triefen von Unwissenschaftlichkeit.
Die plausibelste Erklärung ist, dass das Notenblatt zwischen 1851 und 1865
im Besitz des Pianisten Rudolf Schachner nach München kam, dem Therese von
Droßdik (geb. Malfatti von Rohrenbach zu Dezza) im Jahr 1851 ihre
Musikalien und ihr Klavier hinterlassen hatte.
Michael Lorenz
Wien
Alle Blockflötenkonzerte Vivaldis CD-Rezension vom 19.12.2008
Zitat: «Beide 'Gesamtaufnahmen' ignorieren hingegen einen Rekonstruktionsversuch [= RV 312R] eines weiteren Blockflötenkonzertes, den der Musikwissenschaftler Jean Cassignol vor einigen Jahren unternommen hat.»
Auf dem Palimpsest des authentischen dreisätzigen Violinkonzertes RV 312 ist die ausgestrichene Skizze eines Ur-Flautinokonzertes im 1.Satz erhalten geblieben, die wohl von einem unbekannten Solisten der Jahre 1728–1729 für unspielbar gehalten wurde und Vivaldi dazu führte, neue Soloteile für eine violino principale zu schreiben. Vivaldi verfügte vermutlich nicht über hervorragende Blockflötisten wie Dorothee Oberlinger oder Sébastien Marq, die mein rekonstruiertes Konzert auf CD eingespielt haben (D. Oberlinger, Marc Aurel/Raumklang - MA20015; S. Marq, Naïve - OP30371 - sehr beliebt in Frankreich!).
Es ist durchaus angebracht, bizarri - weil flautinogefärbt - geigentechnische Spielfiguren aufzulisten, die in der definitiven Violinfassung vorhanden sind. Einige Indizien deuten aber mit Sicherheit darauf, dass die zwei ersten Sätze für einen Flautino konzipiert wurden und von Vivaldi nur teilweise für die Violine geändert wurden, indem er sie vielleicht von einem ersten, heute verlorenen Manuskript abschrieb. Dies alles wird in einer künftigen Edition von RV 312R dargelegt werden.
Jean Cassignol
Paris
Rekonstrukteur des Konzertes RV 312R 19.04.2009
Wieviel Zynismus verträgt Pro Helvetia? Entgegnung zum Editorial vom 25.04.2008
Wolfgang Böhler bemüht sich in seinem Editorial vom 25.4.08 mit erstaunlicher Hartnäckigkeit, das in meinem Beitrag im Tagi (23.4.08) zu lesen, was dort nicht steht.
Zum Beispiel steht dort nicht, dass in den Förderkommissionen Willkür herrsche, oder dass Pro Helvetia aus Opportunismus den Mainstream fördere. Der Kern meiner Argumentation in «Beschäftigt und befangen» dreht sich darum, dass ein nach aktuellem Muster demokratisch verfasstes System wenig Möglichkeiten bietet, zu eindeutigen und - ganz im Böhlerschen Sinne - radikalen Positionen zu kommen. Da kann man noch so profilierte Persönlichkeiten in die Kommissionen stecken, es resultiert eine Kompromisspolitik nach Art der Giesskanne und eines wie immer gearteten Mainstreams. Oder dann eine Einseitigkeit, die erst recht den Vorwurf von Willkür verdiente.
Möglich, dass die Giesskanne Zeitgeist ist, aber nicht ästhetischer, sondern politischer: einer möglichst grossen Zahl Kulturschaffender das Gefühl der Zugehörigkeit zu geben. Also möglichst geringe Selektion. Das ist die innere Dynamik des Systems, sie gilt nicht nur für Pro Helvetia, wie mein Text Pro Helvetia nur als Beispiel anführt. Auch bei Pro Helvetia dreht niemand einfach den Daumen nach oben oder unten und entscheidet aus purer Laune; im Gegenteil, die Vermeidung von Willkür führt dazu, dass der Kuchen auf immer mehr verteilt werden muss und zuletzt für überhaupt niemanden mehr eine annehmbare materielle Grundlage schaffen kann.
Ebenso steht in meinem Text nicht, dass smarte Experten über Fördergelder entscheiden. Die smarten Experten sind jene, welche den Platz der Intellektuellen (die Debatte wurde angestossen durch die Frage, wo die Frischs und Dürrenmatts von heute bleiben?) in der öffentlichen Diskussion einnehmen. Und da sind die künstlerischen Intellektuellen unbestreitbar nicht mehr präsent, dafür allerhand Gesellschaftsforscher und Soziologen und Finanztechniker.
Wolfgang Böhler preist jene, die sich nicht von Förderern aushalten lassen und die deshalb auch nicht verstummen müssten. Schön gesagt, aber wohl zu romantisch. Ich jedenfalls kenne jene Künstler nicht, welche sich ausserhalb des Fördersystems bewegen und ihre Unabhängigkeit zu pointierten Stellungnahmen nutzen. Ich kenne nur jene ungezählten Zuschriften, in denen sie darlegen, wie schwer, fast unmöglich es geworden ist, die materielle Grundlage für die eigene Arbeit sicher zu stellen. Und ich weiss, wie viel Kritik an Pro Helvetia hinter vorgehaltener Hand geübt wird, ohne dass ein potentieller Gesuchsteller es wagt, sie deutlich zu äussern. Er könnte sich das Wohlwollen der Förderer verspielen...
Aber offenbar gibt es (neben den Finanzen) einen Punkt, in welchem Wolfgang Böhler von derselben Sorge umgetrieben wird wie ich: dem Mangel an öffentlicher Auseinandersetzung rund um die Kulturförderung. Statt die Kunst und die Künstler selbst in den Fokus der Auseinandersetzung zu rücken, verlegt Böhler sie dahin, wo die Kulturförderer ausgewählt werden. Deren Profil deckt sich ja erstaunlicherweise mit dem von mir gewünschten. Doch die Besetzung einer Kommission hat noch nie tagespolitische Wellen geschlagen, weil hier derselbe helvetische Meccano zum Tragen käme: die Zauberformel, wonach sich profilierte Menschen in Schach halten. Das ist genau das Wesen einer Kommission.
Wellen werfen hingegen die Wahlen von Intendanten für Kulturhäuser. Hier erwartet man Profil, eine erkennbare Vision. Wieso soll die Kulturförderung nicht auch mit solchen Modellen arbeiten: Kenner einer Szene, welche aufgrund einer Vision gewählt werden und dann für begrenzte Zeit ein Mandat erhalten, eben diese Szene zu fördern? Das dünkte mich transparent, kohärent, nachvollziehbar und realistisch.
Der Ruf nach mehr Kontrolle impliziert mehr bürokratischen Überbau, ob gewollt oder nicht. Mehr Auseinandersetzung resultiert daraus nicht. Und Kulturförderung zu einer Wissenschaft machen hiesse gerade, smarte Experten an die Stelle von Persönlichkeiten zu setzen!
26.02.2010 Die Luzerner Musikhochschule im Umbruch Konflikte rund um die HSLU M illustrieren die Verunsicherungen, welche die Reformen der Fachhochschulen mit sich bringen.
--- Hinweis ---
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Dossier Musikphilosophie
Musik in Goodmans Individuenkalkül
Der Individuenkalkül des Philosophen Nelson Goodmans scheint für formale Beschreibungen musikalischer Strukturen wie geschaffen.
Dossier Akustik
01.12.2009 Bibliothek mit akustischer Erlebniswelt
Das Basler Projekt Irmat zeigt, wie moderne Touchscreens für innovative Musikapplikationen genutzt werden können.
Jubiläen 2010
Frédéric Chopin
Ein paar nützliche Links und Codex-flores-Texte zu Frédéric Chopin
03. 12. 2009 Dossier Musikvermittlung Aspekte einer zeitgemässen Musikkritik Die Praxis der Musikkritik wird theoretisch wenig reflektiert. Über ihre ethischen und stilistischen Regeln sollte aber immer wieder neu nachgedacht werden.