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Leserbriefe

Martha Argerich reduziert ihre Konzerttätigkeit
Nachricht vom 12.07.2011

Sie erinnern sich sicher an die berühmten Zeilen von Mark Twain an den Verleger: «Das Gemunkel über meinen Tod ist stark übertrieben.»

Ich würde auch den großen Slava Rostropovich zitieren, der genau wusste, dass die einzige Rechtfertigung für eine Auslandsreise mit der Gattin zu Sowjet-Zeiten ein «instabiler Gesundheitszustand» sein könnte. Anstatt diese Karte auszuspielen, verwendete er jedoch die folgende Formulierung, um ein Ausreise-Visum für seine Frau zu bekommen: «Liebe Kameraden, da ich mich sehr wohl fühle und keinerlei gesundheitliche Probleme habe, frage ich Sie um Erlaubnis, dass mich meine Gattin, die Sängerin Galina Vishnevskaya, auf meiner nächsten Konzertreise begleiten darf.»

Nachdem Ihre Website eine fragwürdige Aussage des Verbier Festivals veröffentlicht hat, dass meine Absage aus «gesundheitlichen Gründen» erfolgt sei, habe ich zahlreiche e-Mails von bekannten und unbekannten Freunden erhalten, die sich alle um mein Wohlergehen sorgen.

Meine heutige Absicht ist, Ihre Website zu nutzen, um alle Interessenten davon zu überzeugen, dass es mir sehr gut geht. «Müde» sein heißt, nicht wirklich krank sein. Es heißt eigentlich das genaue Gegenteil: Müdigkeit kann als Erweiterung eines gesunden Zustands betrachtet werden. Deshalb muss ich leider jenen widersprechen, die versuchen, mich krank aussehen zu lassen.

Liebe Freunde und Musikliebhaber,
mir geht es immer noch sehr gut. Mehr noch – ich hoffe, dass ich noch eine ganze Weile unter Euch weilen werde. Es tut mir leid, wenn diese Behauptung wie eine Provokation aussieht. Es gibt viele Künstler, die sich «gut verhalten», die den ihnen auferlegten «Spielregeln» folgen, um «erfolgreich» zu sein. Manche dieser Künstler sind (für mich) offensichtlich Opfer unserer heutigen Musikindustrie.

Als Musiker mit einem bestimmten Bekanntheitsgrad verzichte ich auf die Teilnahme beim Verbier Festival. In letzter Zeit bin ich etwas befremdet (und verliere daher ein wenig Sympathie) von einigen Künstlern, die der Versuchung nicht widerstehen können ihr Talent für eine «symbolische» Anerkennung im Himmel der «Stars» einzutauschen.

Ich selber will mich jedenfalls vom Hype um die «ereignisreichen Zusammenkünfte» distanzieren. Mein Ziel war und ist seit Jahrzehnten, der Musik und den Komponisten zu dienen. Organisatoren, Managern und der Masse zu gefallen ist eine andere Angelegenheit.

Mein Brief an die angesehenen Organisatoren des Verbier Festivals sagt all dies deutlicher. Ich möchte mit dem heutigem Brief an sie nur noch einmal auf die wahre «Krankheit», die sich stark verbreitet (und dabei nicht immer «sichtbar» ist) aufmerksam machen.

Wir müssen alle auf die Gefahr achten, die junge Talente heutzutage umgibt. Sie werden zu schnell Opfer der Werbung und des Erfolgs, vor allem wenn letzterer sich all zu schnell einstellt. Es gibt eine gewisse Tendenz, nach brillanten Instrumentalisten Ausschau zu halten, und in ihnen «Persönlichkeiten» (die sie häufig nicht sind) zu sehen.

Warum?

Weil viele von ihnen fähig sind, schwierige Partituren mit Leichtigkeit zu bewältigen, aber dabei wenig «zu sagen» haben. Gott sei Dank, gibt es auch diejenigen, die in die Tiefen des Musizierens vordringen. Um ein wirklicher Künstler zu werden, um sein Talent zu pflegen und seinen eigenen Weg im Leben und der Musik zu finden, braucht es ZEIT und MÜHE.

Scheinbar stehen der Musikmarkt und seine «Regeln» der schnellen Förderung dieses kreativen Wachstums im Wege. Deshalb werden viele junge Künstler Opfer eines Erfolgs, der ein wahres Hindernis für sie wird, sich selbst zu entdecken.

All jene, für die Musik mehr ist als nur ein Mittel der Selbstdarstellung oder Unterhaltung sollten an ihre tiefe Bedeutung erinnert werden. Die götzenbildhafte Verehrung und Suche von Namen sollte uns nicht blind oder taub machen - die Musikgeschichte (unterstützt durch viele Tonaufnahmen) sollte uns daran erinnern, was wahre Edelsteine sind und uns deshalb nicht erlauben, künstliche Imitationen zu akzeptieren.

Um es mit den Worten von Friedrich Nietzsche zu sagen: «Ein Leben ohne Musik wäre ein Missverständnis». Keine Zweifel – der große Denker sprach vor allem von der erfüllenden Musik und nicht von dem heutigem Himmel, der mit vielen «rising stars» gefüllt ist und einen Schwerpunkt auf Unterhaltung und Ovationen, die leider zum Teil unserer Kultur geworden sind. Da ich zu dieser Schlussfolgerung gekommen bin, erlaube ich mir, mich stärker und gesünder zu fühlen...

Ich erwarte nicht, dass mein Standpunkt von allen begrüßt wird, bin aber sicher, dass seine Hauptaussage nicht in Beziehung steht mit den «gesundheitlichen Gründen», die das Verbier Festival als Entschuldigung vorbrachte, als es meine Absage bekannt gab.

Nichtsdestotrotz wünsche ich allen Gästen und Musikern dieses Festivals, dass sie die Aufführungen diesen Sommer genießen, die zweifelsohne wie immer «großartig» und bejubelt sein werden.

Es tut mir leid, dass ich mit einigen meiner besten Freunde im Juli nicht auf die Bühne gehen werde. Mit dem gestrigen Abschluss der Lockenhaus Kammermusikfestspiele, die ich heuer zum dreißigsten und letzten mal als Künstlerischer Leiter durchführte, hatte ich aber die Möglichkeit mich wieder zu überzeugen - und das unter den Künstlern wie dem Publikum - wie viele Menschen die wahre Musik als eine Energiequelle empfinden, die uns alle (weit entfernt vom «Star-Rummel») beschenkt.

Diese Musik, die wir alle lieben - und nicht die «Event-Kultur» - wird auch in Zukunft seinen Wert behalten und uns die notwendige Stütze im Leben sein.


Gidon Kremer


Eine Oper über das Leben Vincent van Goghs
Nachricht vom 05.04.2011

Ihre Meldung über die neue Van-Gogh-Oper von Bernard Rands beginnen Sie mit den Worten: «Man kann sich fragen, weshalb da nicht schon früher einer draufgekommen ist:...»

Das ist so nicht richtig - um nicht zu sagen, völlig falsch: Vor Mr. Rands, der nach meinen Informationen 2005 mit seiner Komposition begann, hat sich bereits eine Vielzahl international durchaus auch renommierter Tonkünstler dieses Sujets der Kunstgeschichte für die Opernbühne angenommen:

1975: Rainer Kunad mit «Vincent». Oper in 10 Bildern conatum 63
1975: Grigori Frid mit «Briefe des Van Gogh». Mono-Oper in 2 Teilen und 20 Nummern
1982: James Wilson mit «Letters to Theo». Oper in einem Akt für Bariton-Solo, vierstimmigen gem. Chor und Orchester op. 92
1984: Michele Reverdy mit «Vincent. Sieben Wörter über Leben und Tod Vincent van Goghs». Oper für 3 Soli, Kinderchor, Chor und Instrumente
1987: Monic Cecconi-Botella mit «Il signait ... Vincent». Oper
1990: Einojuhani Rautavaara mit «Vincent». Oper in 3 Akten

Diese Übersicht findet man übrigens auch in meinem Buch Text: «Kompendium der musikalischen Sujets. Ein Werkkatalog» (Bärenreiter Verlag).

Gleichwohl herzlichen Dank für Ihre immer interessanten und sachlich komprimierten Meldungen!


Alexander Reischert
Redaktion ALUAN
Köln



Zum Hinschied Leonard B. Meyers
Editorial vom 04.01.2008

Im Editorial ihres Magazins vom 4.1.2008, das mir unversehens begegnet ist, wird eine Textpassage zitiert, die angeblich dem Buch «Emotion and Meaning in Music» (1956) von Leonard B. Meyer entstammt und auf deren Grund Meyer als ein Bahnbrecher der kognitiven Psychologie gerühmt wird:

«Der wichtigste Faktor in dem Seelenvorgang, welcher das Auffassen eines Tonwerks begleitet und zum Genuss macht, wird am häufigsten übersehen. Es ist die geistige Befriedigung, die der Hörer darin findet, den Absichten des Komponisten fortwährend zu folgen und voran zu eilen, sich in seinen Vermutungen hier bestätigt, dort angenehm getäuscht zu finden. Es versteht sich, dass dieses intellektuelle Hinüber- und Herüberströmen, dieses fortwährende Geben und Empfangen, unbewusst und blitzschnell vor sich geht. Nur solche Musik wird vollen künstlerischen Genuss bieten, welche dies geistige Nachfolgen, welches ganz eigentlich ein Nachdenken der Phantasie genannt werden könnte, hervorruft und lohnt.»

Der Autor dieser Worte ist aber nicht Meyer, sondern Eduard Hanslick. Sie befinden sich im fünften Kapitel seines berühmten Essays «Vom Musikalisch-Schönen» (1854).
Vgl. www.gutenberg.org/files/26949/26949-h/26949-h.htm 133.


Prof. Dr. Ilkka Oramo
Helsinki



Satie, von Einem und Weill im Leipziger Bordell
Nachricht vom 19.11.2009

Johann Sebastian Bach als Gast im Technoclub «Berghain» in Berlin: das klingt nach einer eher «seriösen» Veranstaltung verglichen mit dem Bordellkonzert mit moderner Klassik vom 20. November im Eros Center zu Leipzig, welches sich der «liederlichen Lieder und Balladen» von Satie, von Einem und Weill unter anderem annahm, das heisst Musik und Gesänge, die «von sexuellen Praktiken» handeln.

Klassische Musik auf der Flucht aus dem Konzertsaal oder Flucht vor sich selbst? Ortswechsel waren schon immer mal üblich, mit mehr oder minderem Erfolg. Solche Ausflüge gehören zur aktuellen Event-Logik und liegen mit ihren jähen Sprüngen völlig im Trend - aber ihre Wirkung verpufft meist schon am Abend selbst, ähnlich einem Streichhölzchen, das man nur einmal entflammen kann.

Keine Frage: die Klassische Musik hat ihren Platz in der «Beschleunigungsgesellschaft» mit ihren permanenten Trendwechseln einstweilen noch nicht gefunden.

Und wo liegt das Problem? Klassische Musik ist fordernd, verlangt Zuneigung und Verständnis, sonst fällt sie ins Leere, Als reine Weghörmusik stört und nervt sie, ihre innere und äussere Dynamik geht an die Nieren... und das ist nicht jedermanns Sache.


Armin Brunner
8702 Zollikon






frühere Leserbriefe zu:

Beethovens «Elise» ist angeblich identifiziert
Nachricht vom 01.07.2009
Alle Blockflötenkonzerte Vivaldis
CD-Rezension vom 19.12.2008
Wieviel Zynismus verträgt Pro Helvetia?
Entgegnung zum Editorial vom 25.04.2008
Kontroverse um Marketing der Royal Opera
Nachricht vom 26.03.2008
Jahrestagung 2007 der DGM: Musik und Identität
Ereignis-Rezension vom 27.09.2007
Klaus Miehlings «Gewaltmusik Musikgewalt»
Buch-Rezension vom 31.07.2007
Sting singt Lieder von John Dowland
«im Gespräch» vom 20.10.2006
Markus Stockhausens «istanti infiniti»
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«Mozart & Science» in Baden bei Wien
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«Kampf gegen Zerstörung der Pariser Salle Peyel»
Nachricht vom 19.07.2006
«Der Blick ins musikalische Hirn»
Besprechung vom 12.05.2005

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