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Zwischen Sponsoren und öffentlicher Hand

Hans Georg Hofmann ist beim Kammerorchester Basel zuständig für künstlerisches Management, Dramaturgie und Medien.
(Bilder: Codex flores)

Die privat organisierten Orchester stehen angesichts der Wirtschaftskrise vor speziellen Herausforderungen. Dennoch setzen sie künstlerisch immer mehr eigenständige Akzente. Über das Spannungsfeld von privater Initiative und öffentlicher Hand hat sich Codex flores mit Hans Georg Hofmann, dem künstlerischen Leiter des Kammerorchester Basel unterhalten.

Codex flores: Das Kammerorchester Basel ist einer der renommiertesten Schweizer Klangkörper, der auf privater Basis organisiert ist. Sein jährlicher Umsatz beläuft sich auf rund sechs Millionen Franken, bei einer Subvention von zirka 400'000 Franken, er ist also bedeutend geringer als der eines typischen städtischen Sinfonieorchesters. Wie würden Sie das Ensemble in zwei, drei Sätzen künstlerisch charakterisieren?
Hans Georg Hofmann: Das Orchester zeichnet sich durch eine sehr flexible Spielweise aus. Es pflegt sowohl die alte Musik auf historischen Instrumenten als auch das zeitgenössische Musikschaffen. Es arbeitet mit Sängerinnen wie Cecilia Bartoli oder Angelika Kirchschlager eng zusammen, überrascht aber auch immer wieder mit erfrischenden Ensembleproduktionen, wie die Concerti grossi op. 3, die gerade erschienen sind, unterstreichen. Gezeigt hat sich das in den letzten Jahren auch in der Zusammenarbeit mit dem italienischen Dirigenten Giovanni Antonini, den man vor allem als Chef des Barockensembles Giardino armonico kennt. Mit dem Kammerorchester Basel hat Antonini eine ganz eigene Gesamteinspielung der Beethoven-Sinfonien realisiert.

Mit dieser Philosophie kommt das Orchester zur Zeit sicherlich auch dem Trend entgegen, barocke Musik zwar auf modernen Instrumenten zu spielen, aber die Erkenntnisse zu den historischen Spielweisen in die eigenen Interpretationen zu integrieren.
Die Auseinandersetzung mit Alter Musik kann schnell museal werden, wenn es nur darum geht, historische Spielweisen zu rekonstruieren. Mindestens genauso interessant ist es, aufgrund dieses Wissens intelligente Interpretationen für heutige Hörer zu erarbeiten. Das Kammerorchester Basel tut sich hier sicherlich hervor. Es greift im Bedarfsfall aber eben auch auf historische Instrumente wie Naturhörner zurück, oder die Streicher spielen – wie etwa im Falle der Beethoven-Einspielungen – auf Darmsaiten.

Wirkt sich da die Nähe zur Schola Cantorum Basel aus, die ja eines der Gravitationszentren der Pflege Alter Musik in Europa bildet?
Nicht nur. Es hat auch mit den Dirigenten zu tun, mit denen das Orchester arbeitet. Die Zusammenarbeit mit Antonini gibt es seit 10 Jahren, daneben arbeiten andere renommierte Spezialisten aus der Alte-Musik-Szene, wie Paul McCreesh oder Paul Goodwin häufig mit dem Orchester zusammen. Prägend für das Profil des Orchesters war vor allem aber auch die Zusammenarbeit mit Christopher Hogwood.

Und was macht das Kammerorchester Basel in Bezug auf die Moderne einzigartig?
Da hat das Ensemble als Partner der Basler Sacher-Stiftung einen privilegierten Zugang zu dem Repertoire, das dank Aufträgen Paul Sachers entstanden ist. Die Zusammenarbeit hat zur Herausgabe der CD-Reihe «Klassizistische Moderne» mit Kompositionen von Strawinsky, Martinu, Copland Malipiero, Britten und anderen geführt, deren Partituren in der Stiftung aufbewahrt werden. In der vergangenen Saison gab es aber zum Beispiel auch ein Programm, in dem Heinz Holliger Werke Elliott Carters für Paul Sacher und Holliger mit Musik von Mozart konfrontierte.

«Wenn man den Weg des rein Unterhaltenden einschlägt, wird es immer schwieriger, auch neue Musik zu programmieren.»


Ist das Kammerorchester Basel nicht sogar der direkte Nachfolger von Paul Sachers eigenem Basler Kammerorchester?
Nicht direkt. Sacher hat sein Ensemble 1987 aufgelöst. Zehn Jahre später taufte sich die 1984 gegründete Serenata Basel in «Kammerorchester Basel» um. Es ist also nicht der direkte Nachfolger, sieht sich aber in gewisser Hinsicht in der Tradition von Sachers Basler Kammerorchester.

Das Ensemble scheint viel künstlerischen Freiraum zu haben. Das ist vielleicht etwas überraschend. Traditionellerweise haben doch die öffentlichen Orchester den berühmt-berüchtigten Kulturauftrag und die privaten den Ruf, mit ihren Programmen nach dem Brot zu gehen. Zur Zeit hat man aber den Eindruck, dass sich das Verhältnis etwas verschiebt. Die städtischen Sinfonieorchester werden immer populärer, und die privaten leisten sich immer mehr ästhetisch interessante eigene Projekte.
Das hängt damit zusammen, dass die öffentlichen Ensembles im Zugzwang sind. Ihnen droht das traditionelle Publikum wegzubrechen. Da werden die Kräfte stärker, die davon ausgehen, dass man dieses nur zurückgewinnen kann, wenn man sich einer populäreren Programmierung öffnet.

Führt das tatsächlich zum Erfolg?.
Wenn man den Weg des rein Unterhaltenden einschlägt, wird es immer schwieriger, auch neue Musik zu programmieren. Es ist wichtig, den Anspruch, den man hat, auch zu vermitteln. Die freieren Orchester sind da vielleicht eher offen, neue Wege zu beschreiten und zu experimentieren.

Schlägt sich das im Verhalten der Konzertbesucher nieder?
Allgemein ist ein Umbruch zu beobachten, weg vom Abonnement, hin zu spontanen Konzertbesuchen. Interessanterweise haben wir aber in der neuen Saison einen Anstieg der Abonnementszahlen um 25 Prozent zu vermelden.

Eindeutig ist dieses Bild offenbar nicht. Das Luzerner Sinfonieorchester zum Beispiel hat für diese Saison gerade eine Rekordzahl von Abonnenten gemeldet.
Luzern ist mit seinem fantastischen Konzertsaal im KKL sicherlich in einer Sondersituation. In Basel sind wir da nicht gerade verwöhnt. Auf ein junges Publikum wirkt ein traditioneller Casinosaal alles andere als einladend. Was für eine Rolle die Architektur spielt, hat sich etwa auch beim Freiburger Barockorchester gezeigt. Es hat den Grossteil seiner Abonnenten gewonnen, als ein neuer Konzertsaal gebaut wurde.

Wie bewegt sich das Kammerorchester Basel im Spannungsfeld zwischen künstlerischer Freiheit und ökonomischen Zwängen?
Wir müssen natürlich unsere Tourneen finanzieren können. Es gibt aber auch Veranstalter, die mittlerweile grosses Vertrauen in unseren Klangkörper haben und ihm mehr Freiräume zugestehen. Die Wahl der Solisten schafft in einigen Fällen ebenfalls Spielräume. Wenn man mit Publikumslieblingen wie der Cellistin Sol Gabetta auftritt, dann kann man in einem zweiten Konzerteil auch weniger populäre Sachen programmieren.

«Selbst bei den Klassikern kann man ganz neue Facetten entdecken, unbekanntere Werke programmieren.»


Vergibt das Orchester auch Kompositionsaufträge?
Ja, und beileibe nicht an die einschlägigen Publikumslieblinge. Geplant sind für diese Saison Uraufführungen von Werken Martin Jaggis und Roland Mosers.

Entscheidet da eine Programmkommission?
Der Orchesterdirektor Christoph Müller und ich geniessen das Vertrauen der Musiker. Auch die Dirigenten haben ihre Wünsche. Alle Entscheide werden aber vom Orchestervorstand abgesegnet.

Wie bringt man diese musikalische Vielfalt dem Publikum näher?
Zum Beispiel, indem man es überrascht. Selbst bei den Klassikern kann man ganz neue Facetten entdecken, unbekanntere Werke programmieren. Andererseits ist es eine Stärke des Orchester, Stücke, die man meint zu kennen, ganz anders als gewohnt zu interpretieren. Die Vermittlung beginnt aber schon im Vorfeld. Man kann in den Konzerteinführungen oder in Zeitschriften Hintergründe zu den Werken erzählen, mit den Musikern über die Interpretation sprechen oder Beziehungen zu anderen Kunstformen herstellen.

Und das Publikum macht da mit?
Am Anfang hatte ich einige Zweifel, da es gegenüber der «didaktischen» akademischen Vermittlungsform berechtigte Vorbehalte gibt. Es hat sich aber schnell herumgesprochen, dass das bei uns nicht der Fall ist. Inzwischen scheint trotz moderner Informationsflut auch wieder ein Bedürfnis nach Hintergrundswissen da zu sein, das merkt man zumindest am sehr starken Interesse der Konzerteinführungen. Wir arbeiten aber auch mit Kindern, unter anderem solchen aus einer heilpädagogischen Schule zusammen. Da trat zuletzt das ganze Orchester in Erscheinung. Zur Zeit organisieren wir zum Beispiel auch ein Familienkonzert mit Sol Gabetta. Im ersten Teil spielt sie ein Cellokonzert, im zweiten arbeitet sie mit den Kindern und die Eltern können den zweiten Teil des Konzertes geniessen.

Bleibt bei den Kindern auch etwas dauerhaft hängen?
Unbedingt. Wir haben jetzt noch regen Kontakt mit Schulklassen von früheren Projekten.

Kulturarbeit externer Anbieter in Schulen und Kindergärten liegt im Trend. Besteht da nicht die Gefahr, dass man in den Schulen eine Art Alibifunktion übernimmt? Der Musikunterrricht kann nach aussen delegiert und die Vernachlässigung des Faches Musik im Normalstundenplan damit gerechtfertigt werden.
Für Basel kann ich das nicht sagen, dort gibt es in den Schulen einen Schwerpunkt Musik. Die Arbeit trägt nun auch Früchte. Die Schulklassen melden sich mittlerweile von sich aus bei uns.

«Das Gieskannenprinzip hilft uns nicht wirklich weiter.»


Wie sieht die arbeitsrechtliche Position der Musiker aus?
Die Mitglieder des Orchesters arbeiten auf Projektbasis. Die Gagen liegen rund zehn Prozent unter den üblichen Tarifen. Alles in allem verdient ein Musiker des Kammerorchesters Basel etwa ein Drittel dessen, was ein Angehöriger des Basler Sinfonieorchesters verdient. Dass sich da etwas ändern muss, ist uns natürlich bewusst. Denn es entsteht eine sonderbare Schieflage. Man gastiert mit den grossen Stars in ganz Europa in ausverkauften Musiksälen und wird gefeiert, während der Basler Grosse Rat sich hartnäckig zu einem Sinfonieorchester bekennt, das in den letzten Jahren eher wenige Akzente gesetzt hat. Unter solchen Bedingungen besteht die Gefahr, dass wir die guten Musiker verlieren. Die Mitglieder des Ensembles werden auch älter, und ihre Anspruche steigen damit berechtigterweise.

Wie sieht die Alterstruktur denn heute aus?
Das Durchschnittsalter beläuft sich zur Zeit etwa auf 35 Jahre. Wir sind also noch immer ein relativ junges Orchester.

Der Basler Kulturmanager Cyrill Häring, der für die Neuorganisation des Berner Symphonieorchesters und des Berner Stadttheaters einen Bericht verfasst hat, schreibt darin, Musiker schätzten Teilzeitstellen. Wäre ein Modell mit Teilzeitanstellungen eine Option für das Kammerorchester Basel?
Sicherlich. Vielleicht kommt das ja auch dem Sinfonieorchester entgegen und man ergänzt sich da - jeder nach seinem Interesse.

Wenn es um Finanzierungen geht, ist heute auch oft von der Zusammenarbeit zwischen Privaten und öffentlicher Hand die Rede, sogenannter Private-Public-Partnership.
Sorgen macht uns da das «P» von «Public». Wir haben vor kurzem erfahren, dass wir nur mit geringen Subventionserhöhungen werden rechnen können. Das ist in wirtschaftlich schlechten Zeiten sicherlich konsequent, aber das Giesskannenprinzip hilft uns nicht wirklich weiter. Es sollte eine Kommission geben, die die einzelnen Klangkörper sowohl nach künstlerischen wie auch wirtschaftlichen Aspekten begutachtet und dann dem Grossen Rat Empfehlungen macht. Es ist für uns ernüchternd, wenn man eine Ablehnung erhält, der zuständige Regierungspräsident aber noch kein einziges unserer Konzerte besucht hat.

Wie setzen sich die selber generierten Einnahmen zusammen?
Vor allem über die Konzerte ausserhalb Basels, die rund vier Fünftel unserer Gesamteinnahmen ausmachen. Daneben haben wir das grosse Glück, mit der Credit Suisse einen wichtigen Sponsoring-Partner gewonnen haben, der uns nicht nur finanziell untersützt, sondern viel für die öffentliche Wahrnehmung tut. Auch das private Mäzenatentum ist für uns wichtig. Es erlaubt uns etwa, CD-Produktionen zu realisieren, die wir sonst nicht machen könnten, im Moment zum Beispiel eine Neuaufnahme mit Händels Concerti grossi op. 3. Die käme nicht zustande ohne Unterstützung einer Mäzenatin.

Gibt es eine Koordination zwischen öffentlichen und privaten Geldgebern.
Bis jetzt nicht.

Und wie sieht die Zukunft des Orchesters aus.
Wir hoffen sehr, dass in den nächsten Jahren eine Absicherung der Musiker über feste Verträge möglich ist. Nur so kann mehr Stabilität erreicht werden, die sich letztendlich auch im künstlerischen Ergebnis wiederspiegelt. Das Orchester hat inzwischen ein künstlerisches Niveau erreicht, bei dem die Latte ziemlich hoch liegt, da sind gewisse Sicherheiten notwendig. Wir tendieren dazu, die Tourneen zahlenmässig zurückzufahren, um im qualitativen Bereich noch kompromissloser zu werden.
(wb)


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