Wir bewerten Wahrnehmungen bereits, bevor wir sie in wohlunterschiedene Objekte eingeteilt haben. Diese enge Verschränkung von Erkennen und Fühlen liefert den Schlüssel zum Ausdrucksvermögen der Musik. (Bild: Codex flores)
Moderne Emotions- und Kognitionstheorien helfen im Zusammenspiel mit den immer feineren Instrumenten der Erkenntnistheorie möglicherweise mit, ein uraltes Rätsel der Musikphilosophie zu lösen – die Frage, weshalb Musik trotz ihres nicht gegenständlichen Charakters Ausdruck haben kann.
Die Musikphilosophie ist einer der ältesten Versuche zu verstehen, weshalb der Mensch auf nicht gegenständliche sinnliche Erfahrungen emotional stark reagieren kann. Bislang scheint sie allerdings kaum ein wirkliches Verständnis dafür erworben zu haben, wie solche Erlebnisse zustandekommen und welche Art der Welterkenntnis sie darstellen. Erst moderne Emotionstheorien und die immer engere Anbindung der Ontologie an Bewusstseinsforschung und Evolutionsbiologie haben die Vermutung wach werden lassen, wo der Schlüssel dazu zu finden sein dürfte: in der engen Abhängigkeit der Objektkonstitution im Bewusstsein von der Funktion, welche die Emotionen für die Alltagswahrnehmung einnehmen.
In der Regel liegt Theorien der musikalischen Expressivität die Annahme zugrunde, dass Emotionalität intentionalen Charakter hat, das heisst immer auf ein konkretes Objekt bezogen ist. Man hat Angst vor etwas, ein konkretes Erlebnis weckt Freude, Wut, Ärger, Euphorie und so weiter. Da Musik in der Regel nicht gegenständlichen Charakter hat, bleibt ihre Fähigkeit, Emotionen zu wecken, deshalb unerklärlich.
Es stellen sich also zwei elementare Rätsel. Erstens: Sind Emotionen tatsächlich intentional? Zweitens: Wenn dies nicht so ist, können dann nicht-intentionale – im konkreten Fall musikalische – Strukturen allenfalls Träger von Ausdrucksqualitäten sein?
Spätestens mit den Publikationen des Neurologen Antonio Damasio hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Emotionen zur Organisation von Bewusstseinsinhalten eine konstitutive Rolle spielen. Das heisst, Erkenntnisse werden bereits bei ihrer Entstehung emotional bewertet. Eine entscheidende Funktion solcher Bewertungen ist evolutionsbiologisch gesehen die Optimierung schneller Reaktionen auf potentielle Gefahren. Der Körper veranlasst aufgrund einer schnellen und bloss ungefähren Bewertung von Sinnesdaten bereits physiologische Prozesse, die eine Flucht- oder Angriffsreaktion auszulösen erlauben, bevor ein Ereignis kognitiv voll erfasst ist. Die in der Regel komplexen höherstufigen Beurteilungs- und Beobachtungsvorgänge des rationalen Denkens würden viel zu langsam ablaufen und wenig eindeutige Resultate ergeben. Sie wären damit nicht in der Lage, den Überlebensvorteil zu sichern.
Die Rolle der propositionalen Einstellungen
Die Untersuchung des Verhältnisses von Aussen- und Innenwelt ist in der philosophischen Psychologie untrennbar verbunden mit sogenannten «propositionalen Einstellungen», nämlich den ebenfalls intentionalen Modi des Glaubens und Wissens. Grob gesagt wird «glauben» traditionellerweise definiert als «annehmen, dass etwas wahr ist, ohne Beweise dafür zu haben» und demgegenüber «wissen» ebenso grob als «annehmen, dass etwas wahr ist, und über Beweise dafür zu verfügen». Selbstbewusstein nimmt dabei eine Sonderstellung ein, denn es bedeutet per definitionem, zu wissen, dass man über Bewusstsein verfügt. Dieses einzige wirkliche Wissen ist allerdings auf die fundamentale Existenzaussage beschränkt – auf Descartes’ berühmtes Cogito.
Über den reinen Existenzbeweis hinaus wird der Modus des Wissens sofort brüchig: Wenn man die konstitutionellen Bereiche des Ich aus der Innenperspektive betrachtet, versagen die erwähnten Definitionen. Um zu beurteilen, ob eine Person glaubt, dass ein Sachverhalt der Fall ist, braucht es eine äussere Instanz, die im Falle des Wissens über unabhängige Beweise für die Existenz des fraglichen Sachverhaltes verfügt. Nur diese äussere Instanz kann denn auch beurteilen, ob die Person glaubt oder tatsächlich weiss, dass der Sachverhalt der Fall ist. Ob wir im oben erwähnten klassischen Sinn etwas wissen, darüber entscheidet ein äusserer «Schiedsrichter». Nur er kann wissen, ob wir wissen. Aus der Innenperspektive ist das Wissen um unser Wissen selbst in dem Fall nicht gegeben, dass wir vom Urteil des Schiedsrichters Kenntnis haben, denn der Schiedsrichter könnte – aus unserer Innenperspektive – ja selber wieder ein Trugbild unserer Fantasie sein.
Wissen aus der Innenperspektive des Bewusstseins muss als eine propositionale Einstellung des Fürwahrhaltens bezeichnet werden, die bloss eine graduelle Variante des klassischen Modus des Glaubens sein kann. Sie unterscheidet sich vom einfachen Glauben vor allem in der Handlungsbereitschaft: Das fürwahrhaltende Individuum handelt so, als ob es wissen würde, dass ein Sachverhalt der Fall ist. Es geht aufgrund seines Fürwahrhaltens und im Gegensatz zum blossen Glauben wie selbstverständlich existentielle Risiken ein – und büsst für den allfälligen Irrtum nicht selten und zu seiner grossen Verblüffung in drastischer Weise. Es wäre ihm eben «nicht im Traum eingefallen», dass da mit der Einschätzung der Situation überhaupt ein Problem vorlag.
Aus der Innenperspektive des sich selber überlassenen Bewusstseins ist der Unterschied zwischen Glauben und Wissen also nicht ein prinzipieller, sondern ein gradueller, der letztlich in einen psychologischen Regress führt: Alle Beweise, auf die sich das Ich bei der Überzeugung stützt, etwas über die blosse Existenz seiner selbst hinaus zu wissen, beruhen wiederum auf tieferliegenden Überzeugungen, diese wiederum auf noch tieferliegenden – bis zu fundamentalen Überzeugungen, deren Entstehung im Verhältnis zur Welt eines Individuums eine strategische Rolle spielen und deren Genese so weit in die Ichwerdung zurückführen, dass sie dem rationalen Denken nicht mehr zugänglich ist.
Das Fürwahrhalten der Basisüberzeugungen ergibt sich aufgrund schneller emotionaler Einschätzungen auf vorbewusster Ebene und noch vor der präzisen Klassifikation der Lebenswelt in wohlunterschiedene Objekte – eben weil es den schnellen und automatischen Entscheiden der Überlebenssicherung dient. Überzeugungen, die aufgrund solcher Prozesse des Welterwerbs fürwahrgehalten werden, sind so stark, dass der kognitiv ausgereifte Mensch damit verbundenes Verhalten nicht einmal dann ändern kann, wenn er auf rationalem Weg zum Schluss kommt, im Irrtum zu sein. Dies zeigt sich selbst in der Alltagserfahrung: Jeder kann sich immer wieder dabei beobachten, wie er über Dinge der Welt unwillkürlich und blitzschnell sein Urteil fällt und in emotional fordernden Situationen immer gleich, unflexibel und nicht selten irrational handelt.
Unklare Grenze zwischen Innen- und Aussenwelt
Die Eigenheiten des emotionalen Systems stehen im Widerspruch zu einer verbreiteten, aber naiven Vorstellung darüber, wie wir unsere Welterfahrungen strukturieren. Wir nehmen, so die populäre Vorstellung, ausser uns liegende Objekte wahr und identifizieren sie als einzelne, in sich abgeschlossene Einheiten: Dort steht ein Stuhl, hier hängt ein Bild, da wälzt sich ein Hund auf dem Boden. Die Tatsache, dass wir auf die Aussenwelt emotional bereits reagieren, bevor wir sie sauber in Dinge geordnet haben, beweist aber, dass unsere Objektivierung der Welt viel fragmentarischer und in der Trennung zwischen Aussen- und Innenwelt viel verschwommener ist, als man meinen könnte. Tatsächlich ziehen wir keine klare Grenze zwischen Innen- und Aussenwelt. Eine solche würde beim Welt- und Situationserwerb eine überaus hohe kognitive Reflektion voraussetzen, und die kann sich in Entscheidungen über Flucht oder Angriff kein Organismus leisten. Darüber, was wir wirklich glauben und was wir tatsächlich wissen, legen wir uns in der Folge auch kaum Rechenschaft ab, denn eine philosophisch sattelfeste Erkenntnis der Aussenwelt bringt keine evolutionären Vorteile. Selbst in hohem Alter können wir uns deshalb verhalten, als würden Romanfiguren tatsächlich existieren, als wären wichtige Gegenstände unserer Umwelt Teile unseres eigenen Körpers, als würden irgendwelche über der Welt stehende Kräfte unsere Handlungen lenken und so weiter. Fürs physische Überleben unserer Nachkommen ist dies unerheblich.
Daraus lässt sich ein Fundamentalsatz der ontologischen und individualpsychologischen Objektkonstitution ableiten:
Fundamentalsatz der evolutionären Musikphilosophie Die emotionale Einschätzung (das Fürwahrhalten) von Welterlebnissen kommt vor der Identifizierung von Objekten (vor der Individuierung der Welt).
Eine Schwierigkeit im Verständnis des Satzes ist die Tatsache, dass wir nur Propositionen als wahr oder falsch bezeichnen können. Noch nicht individuierte und damit referenzierbare Objekte können nicht wahr oder falsch sein. Genau gesprochen ist das Fürwahrhalten also eher eine Art Bereitschaft, Kommendes als wahr anzusehen und vor vollständiger Objekt- oder Situationserkenntnis bereits Flucht- oder Kampfhandlungen einzuleiten. Wir schlagen «prohylaktisch» einfach mal zu, ohne genau zu wissen, was uns möglicherweise bedrohen könnte und ob es dies tatsächlich auch tut.
Der Fundamentalsatz beantwortet das erste der eingangs erwähnten Rätsel: Emotionalität ist nicht (nur) das Resultat intentionaler Prozesse, vielmehr konstituiert sie sich vor der Strukturierung der Welt in Objekte, die Intentionalität überhaupt erst möglich macht. Die Objekte unserer Aussenwelt sind Konstrukte aus Sinnesdaten und unbewussten Annahmen, die wir über die Beschaffenheit der Welt bereits getroffen haben, bevor unser Bewusstsein daraus Objekte konstruiert.
Zu den dabei ablaufenden Prozessen kann überdies die Hypothese eines Prinzips der kognitiven Ökonomie postuliert werden: Eine vorbewusste Instanz fokussiert im Verhältnis von Bewusstsein und Aussenwelt die Aufmerksamkeit ständig nach dem Kriterium der Bekanntheit. Sobald Ereignisse als bekannt und bereits früher bewertet wahrgenommen werden, wird der Fokus geweitet. Details des Ereignisses werden nicht mehr wahrgenommen, und die Frage, ob die Objekte der Aussenwelt angehören oder nicht, wird nicht mehr entschieden. Damit wird die Verarbeitungsgeschwindigkeit neuer Aspekte und die Aufnahmefähigkeit für Wesentliches erhöht, aber die Einteilung der Welt in voneinander abgrenzbare Objekte abgebrochen, bevor sie ein konsistentes und widerspruchsfreies Gesamtbild ergeben.
Der Fundamentalsatz kann vor allem aber auch eine Erklärung zur Lösung des zweiten Rätsels liefern: Sinnesdaten lösen bereits Emotionen und im Körper physiologische Vorgänge aus, bevor sie sich zu Objekten der Aussenwelt verdichten. Damit können aber auch die noch nicht individuierten Gegenstände, aus der sich Musik zusammenfügt (siehe Prolegomena), Emotionen auslösen. Mit andern Worten: Musik «triggert» biologisch festgelegte Programme des emotionalen «Markierens» von Erlebnissen, die bereits vor der vollständigen Individuierung der auslösenden Ereignisse im Bewusstsein in Gang gesetzt werden. Deshalb kann Musik auch Emotionen auslösen, ohne selber gegenständlichen Charakter zu besitzen.
Eine derartige Sicht auf das Musik-Erleben und -Verstehen erhellt möglicherweise auch die Frage, weshalb wir Fragmentarisches, Brüche und Fehler als ästhetisch wertvoller und interessanter – menschlicher – empfinden als perfekte Formen und Strukturen. Erstere scheinen im Gegensatz zu perfekten Formen das Bedürfnis nach Welterkennen und die damit untrennbar verbundenen Prozesse der emotionalen Bewertung nicht zu stimulieren. Sie lassen uns gefühlsmässig buchstäblich kalt.
(wb)