Hans Volker Bolay ist seit 1996 geschäftsführender Vorstand des
Deutschen Zentrums für Musiktherapieforschung in Heidelberg. In dieser Funktion bemüht er sich um eine grundlegende Reform der wissenschaftlichen und therapeutischen Grundlagen der Disziplin. Codex flores hat sich mit dem rührigen Wissenschaftler über die Fortschritte des Faches unterhalten.
Codex flores: Klaus-Ernst Behne, der Präsident der Hochschule für Musik und Theater
Hannover, hat sich vor ein paar Jahren in einem Sonderband der «Neuen
Musikzeitschrift» recht skeptisch über die musiktherapeutischen Methoden
geäussert. Es werde, meinte er, oft mit Einzelfall-Beschreibungen
gearbeitet, die kaum Aussagen über Effizienz und Nachhaltigkeit erlaubten. Hans Volker Bolay: Die Argumentation von Klaus-Ernst Behne kenne ich gut, weil wir früher
auf dem Gebiet auch zusammengearbeitet haben, und zwar im Umfeld der
«Musiktherapeutischen Umschau». Am Anfang hat sich rund um die
Fachzeitschrift eine hochpotente Gruppe gebildet. Gegründet worden ist sie von mir, zusammen mit Johannes Th. Eschen, Stefan Schaub und anderen.
Peter Faltin, ein Vertreter der Frankfurter Schule, vertrat in der Redaktion die Musikwissenschaft. Klaus-Ernst Behne war als «Geburtshelfer» und Berater in den Anfängen dabei.
Nach 10 Jahren gab ich die Redaktionsleitung ab und verliess das Team. Die Weiterentwicklung der
Musiktherapie lag mir mehr am Herzen als publizistische Aktivitäten. Wir
haben uns ein bisschen aus den Augen verloren, weil die Musikwissenschaft
und die Musiktherapie dann doch getrennte Wege gegangen sind. Ich weiss
jetzt nicht, wie er heute darüber denkt.
Wer gehörte sonst noch zu der Gruppe?
Aus dem psychoanalytischen Bereich war Hilde-Marie Streich aus Berlin
beteiligt, dann aus dem hochschulpolitischen Bereich – das fand ich sehr wichtig –
Konrad Schily. Weitere Mitglieder der Gründungsredaktion waren Volker Bernius für die Musikpädagogik, Rainer Damm als Musikwissenschaftler, Isabelle Frohne für Rhythmik, Wolfgang Schröder aus der Medizin und die Psychologen Rainer Boller und Ernst-Walter Selle.
Von der Spiritualität zur Empirie
Behnes Kritik ist aber sicher mehr als bloss Polemik zwecks Aufarbeitung
der eigenen Vergangenheit. Wenn man die musiktherapeutische Literatur
durchforstet, vermisst man auch heute noch eine allgemeine Transparenz der
Methode. Das kann auch damit zusammenhängen, dass verschiedene Schulen
miteinander wetteifern und die eine oder andere einem Menschenbild
nachhängt, das empiristisch geprägte Naturwissenschafter doch eher
abschrecken dürfte.
Die Musiktherapie ist sicher ein Paradebeispiel dafür, wie im Hinblick
auf den Glauben an die Wirkfaktoren auch weltanschauliche Dimensionen zum
Tragen kommen. Im andern Extrem ist evidenzbasierte musiktherapeutische
Arbeit einem ebenso evidenzbasierten Wissenschaftsverständnis verpflichtet.
Dieses Paradigma, hat heute grosse Attraktivität und man beobachtet, dass
die anthroposophische und – man könnte sagen – weltanschaulich gebundene
Musiktherapie langsam an Bedeutung verlieren. Man kommt tatsächlich zu einem
Methodengerüst, das kommunizierbar ist und das auch von Vertretern anderer
wissenschaftlicher Disziplinen nachvollzogen werden kann.
Man kommt also weg von dem etwas emphatischen und für Aussenstehende ab
und zu schwer zugänglichen Jargon, der traditionellerweise gepflegt wird?
Da muss man sehen, dass die Musiktherapie lange Zeit denselben Status
wie die Psychoanalyse hatte. Sie war geprägt von sehr viel Erfahrung, viele
Menschen hatten viele Jahre damit gearbeitet. Sie hatten viel persönliches Wissen
angesammelt, das weder wissenschaftlich systematisiert noch auf Effizienz
oder Wiederholbarkeit geprüft wurde. In dieser Hinsicht hat sich die
Musiktherapie zumindest im europäischen Raum zu verändern begonnen.
Bruch mit festgefügten Traditionen
Und sich auch vermehrt international oder interkontinental ausgerichtet?
Die AAMT (American Association of Music Therapy) hat zum Beispiel uns hier in
Heidelberg Ausbildungslizenzen in neurologischer Musiktherapie gegeben, die in den USA anerkannt werden. In dieser Hinsicht sind wir so etwas wie Vorreiter, und darauf bin ich auch ein
wenig stolz. Auf der andern Seite sind wir damit auch die Ungeliebten. Wir
bekommen Einladungen, auf medizinischen oder psychologischen Kongressen
vorzutragen, Musiktherapie-immanent hat man jedoch oft noch ein bisschen Angst vor
uns in Heidelberg. Vielleicht, weil wir zu schnell zu viele Heilige Kühe
geschlachtet haben.
Welche denn?
Wir haben zum Beispiel schon Anfang der Neunziger gesagt, es sei völliger Unsinn, dass
Musiktherapie nicht schaden kann. Zum zweiten haben wir uns auf den
Standpunkt gestellt, dass die Kontraindikationen der Musiktherapie
ebenso interessant sind wie die Indikationen. Wenn man weiss, wo
Musiktherapie nichts bewirkt oder die Symptomatik vielleicht sogar
verschlimmert, dann gewinnt sie viel deutlicher an Profil.
Sie gehen also weg von der Idee einer magischen Kraft, die in der Musik
stecken soll, und den Beschwörungen der «uralten Tradition»?
Genau. Wir haben uns hier in Heidelberg überdies klar auf den
Standpunkt gestellt, dass Musiktherapie langfristig nur eine Überlebenschance hat,
wenn sie irgend etwas leistet, das andere Verfahren nicht können. In den
Siebziger- und Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts sind
Musiktherapeuten in Gebiete vorgedrungen, in denen andere Therapieformen bereits
hervorragende Arbeit leisteten.
Zum Beispiel?
Die Musiktherapie hat sich etwa mit Indikationen aus der
Verhaltenstherapie oder der Tiefenpsychologie beschäftigt und hat immer so
getan, wie wenn sie da noch ein bisschen besser wäre, aber dazu nie den
Nachweis gebracht. Diesen Überzeugungen wird noch heute von Kolleginnen und Kollegen
zum Teil noch nachgehängt.
Weg von der Fallvignette, hin zur Statistik
Der Wandel zeigt sich auch auf methodischem Gebiet: Man kommt weg von
der Fallvignette und bedient sich mehr der in den Sozial- und Naturwissenschaften
gebräuchlichen Methodologien und statistischen Verfahrensweisen.
Es gab in der Musiktherapie lange Zeit diese Diskussion zwischen
qualitativer und quantitativer Forschung. Die qualitativen Forscher, das
waren die, die Einzelfallstudien bis ins Detail beschrieben und immer Zeter
und Mordio geschrieen haben, wenn jemand kam und gesagt hat, dass man das
vielleicht auch statistisch auswerten sollte. Dann hiess es gleich, man
mache die Musiktherapie oder spezifische Wirkkräfte kaputt.
Einzelfallstudien sind sinnvoll, wenn man eine methodische Vorgehensweise
deutlich machen will. Man kann damit aber nicht den Nachweis erbringen, dass
etwas wirkt.
Findet da nun ein Umdenken statt?
Zumindest hier in Heidelberg hat sich das deutlich geändert. Im
Unterschied zu vielen Kollegen etwa in Deutschland, Frankreich, Österreich und
der Schweiz machen wir sauber randomisierte Verlaufs-, Effektivitäts- und Effizienzstudien.
Wir treten gegen Medikamente an, zum Beispiel im Bereich Kindermigräne. Wenn
Musiktherapie etwas bewirkt, dann muss sie besser sein als ein
Placebo-Medikament und besser als ein Migräne-Medikament. Solche sauber
designten Studien öffnen uns Türen.
Die enge Beziehung zwischen Musik und Emotion
Die Eigenheiten der Methode sind aber auch auf andern Gebieten
gefordert. Die therapeutischen Wirkungen von Musik scheinen etwa sehr eng
mit ihrer Fähigkeit verbunden, Emotionen ohne Zuhilfenahme verbaler Mittel
zu kommunizieren. Nun ist aber noch durchaus unklar, was Emotionen
eigentlich sind. Hat denn die Musiktherapie eine Art kanonische Theorie der
Emotionen und ihres Ausdrucks in der Musik, um diese Wirkkräfte transparent
zu machen?
Es ist zur Zeit sogar ein aufkeimender Theorienstreit zu beobachten.
Eine Grundannahme der Musiktherapie war bislang, dass sie bei klassischen
psychiatrischen Erkrankungen Sinn macht. Die Musiktherapeuten sind denn auch
immer in psychiatrischen Einrichtungen tätig gewesen. Es galt tatsächlich
die Überzeugung, dass man Gefühle mit Musik besser ausdrücken kann als mit Worten.
Musiktherapeuten erzählen auch oft, dass man mit Musik besser verstehen
kann.
Das kann aber nur ein intuitives Verstehen sein.
Ja, sicherlich. Aber um die Musiktherapie wissenschaftlich weiter zu bringen haben wir die ersten Fragezeichen gesetzt. Es gibt in der Emotionspsychologie schon lange Testverfahren, bei denen zum Beispiel innerhalb eines
bestimmten Zeitfensters bestimmte Gesichtsausdrücke am Bildschirm gezeigt
werden und wo die Testperson dann feststellen muss, ob die Grundemotionen
Ekel, Freude, Wut, Trauer und so weiter erkannt werden. Das sind genormte
Verfahren. Wir haben uns vor zwei Jahren folgende Frage gestellt: Wenn das
visuell so zu messen ist, dann müsste doch eigentlich in der Musiktherapie,
in der seit Jahrzehnten Musik als emotionale Sprache verwendet wird,
abgeklärt werden, ob erkannt wird, was für Gefühle eigentlich transportiert
werden.
Das wurde dann in analoger Weise experimentell untersucht? Wir haben klassische Gefühlsqualitäten von Profimusikern in Form von kurzen, eindeutigen Improvisationsphrasen einspielen
lassen. Dann wurden diese kurzen Sequenzen Versuchspersonen vorgespielt und
diese gefragt, was sie glauben, was für Gefühle in der gehörten Musik
ausgedrückt würden. Nachdem wir gesehen haben, dass das funktioniert, sind
wir in eine psychiatrische Tagesklinik gegangen und haben die gleichen
Sequenzen Patienten vorgespielt. Einmal den visuellen Test, dann die
akustische Emotionserkennung. Interessant war, dass die visuelle
Emotionserkennung durchaus bessere Ergebnisse brachte. Bestimmte Gefühle in
der Musik wurden von fast allen Patienten nicht erkannt. Andere Gefühle
wiederum wurden alle durchwegs erkannt. Die Konnotation musikalischer
Eindrücke scheint in bestimmten Gefühlsbereichen eindeutiger als in andern.
Freude und Trauer gehören beispielsweise zu den gut erkannten Gefühlsqualitäten.
Zusammenarbeit mit Neurowissenschaftlern
Kann man solche Befunde auch auf der physiologischen Ebene nachweisen?
Dazu haben wir mit Stefan Kölsch vom Max-Planck-Institut in Leipzig
Kontakt aufgenommen. Er geht aufgrund seiner Forschungen davon aus, dass
Sprach- und Musikverständnis neuronal dicht beieinander liegen. Er hat die
Hypothese aufgestellt, dass man deshalb über Musik am schnellsten Sprache
lernen kann. Man war ja früher immer davon ausgegangen, dass sich
entwicklungspsychologisch das Sprachverständnis vor dem Musikverständnis
entwickelt. Die Frage ist auch heute noch weitgehend offen. Wenn aber
tatsächlich eine so enge Verbindung zwischen Sprach- und Musik- respektive
Klangverständnis besteht, dann müsste es doch möglich sein, Veränderungen,
die in der Musiktherapie bewirkt werden, nicht nur subjektiv abzufragen,
sondern auch im Hirn durch bildgebende Verfahren nachzuweisen.
Dabei geht es um die Semantik in der Musik, die scheinbar ähnlich verarbeitet wird wie die Semantik der Sprache.
Das tönt vielversprechend.
Ob das geht oder nicht, das diskutieren Kölsch und wir sehr konträr.
Seit einem halben Jahr arbeiten wir mit Tinnitus-Patienten, weil sich der
Tinnitus in den beiden Hörarealen sehr schön abbildet, insofern als
angrenzende Hirnareale in Mitleidenschaft gezogen sind. Das Hirn aktiviert
Areale, die mit dem Hören eigentlich nichts zu tun haben. Daraus entsteht
auch der chronische Tinnitus, das heisst, das Hörareal Heschl Gyrus wird durch zentrale und nicht durch periphere Mechanismen aktiviert, so dass das Gefühl da ist, es gibt was zu hören. Das ist der
Punkt, wo wir erstmals in der Geschichte der Musiktherapie versuchen wollen,
Patienten mit einem ganz gezielten Hörtraining von zwölf Stunden Dauer zu
behandeln. Dann schauen wir, ob sich in ihrem Gehirn etwas verändert hat. Wenn
das gelingt, dann kann man die Wirkung von Musik als therapeutisches Medium
zumindest in diesem Falle eindeutig nachweisen.
Damit entfernen sie sich aber von der Musik hin zur akustischen
Konditionierung.
Damit «degradieren» wir scheinbar in manchen Anwendungsbreichen die Musik in der Musiktherapie tatsächlich zu
einem Trainingsobjekt. Ich erachte das für sinnvoll und glaube auch
keineswegs, dass der Musik da übel mitgespielt wird. Die Musik ist ja ein
unglaublich komplexes Übungsmedium, was Hirnaktivitäten betrifft. Und unsere
Realität wird halt im Gehirn geschaffen und nicht in einer Seele, die ich
bislang noch nirgends gesehen habe. Was wir fühlen, was wir denken, was wir
tun, wird alles von oben gesteuert. Für die Musik und für die Musiktherapie
wäre eine solche Tinnitustherapie ein Durchbruch im Sinn einer ganz
gezielten symptomorientierten Intervention, wo man deutlich auch sagen
könnte, das kann keine andere Therapie so gut wie die Musik.
Anforderungen und Berufsbilder der Musiktherapie
Ein etwas andres Thema: In welchem Mass muss ein Musiktheraupeut
eigentlich selber Musiker sein?
Ein Musiktherapeut, der gut arbeiten können will, muss mindestens
fünfzig Prozent seiner Kompetenz im musikalisch-handwerklichen Können haben.
Die andern fünfzig Prozent setzen sich zu gleichen Teilen aus medizinischen
und psychologischen Kenntnissen zusammen. Wir wissen, dass in der
Musiktherapie ähnlich wie in andern Psychotherapieformen die
therapieunspezifischen Wirkfaktoren ganz wesentlich über Erfolg und
Nichterfolg entscheiden. Wir legen deshalb auch hier in der Ausbildung
grossen Wert darauf, dass die Studierenden in acht Semestern musikalisch
intensiv gefördert werden und dass sie auch viel therapiepraktische
Erfahrungen in Verbindung mit Fachkenntnissen bekommen. Wir haben seit
Jahren verbindlich festgelegt, dass die Studierenden über die vier Jahre des Studiums
hinweg extern musiktherapeutische Erfahrungen in der Rolle als Patient in
Gruppen sammeln.
Das wäre dann eine Art Pendant zur Lehranalyse in der Psychoanalyse.
Richtig. Unter dem Gesichtspunkt, dass es wichtig ist, dass da eine
Persönlichkeit heranreift oder zumindest zu reifen beginnt, die dann
wirklich auch eine therapeutische Kompetenz hervorbringen und entwickeln
kann.
Welche Ausbildungswege stehen Interessierten offen?
Im deutschsprachigen Raum gibt es in erster Linie eine Reihe von
berufsbegleitenden Zusatzstudienangeboten, Postgraduate-Studies im Sinne von
Aufbaustudien, auch vom Musikstudium aus wie zum Beispiel in Witten-Herdecke
oder auch in Hamburg. Dann gibt es einige wenige Hochschulangebote als
Masterstudiengänge für Psychologen, Mediziner, Musiker, Pädagogen und so weiter wie zum Beispiel hier in Heidelberg. Es gibt auch zwei staatlich genehmigte, grundständige Studiengänge, hier in Heidelberg und in Magdeburg.
Die Ausbildungen sind in der gleichen Weise anerkannt wie andere
Psychotherapieformen?
Im Moment kommt die ganze Ausbildungslandschaft wieder etwas in Unruhe,
weil wir seit 2000 in Heidelberg die Berechtigung zur Approbation haben. Das
heisst, die Heidelberger Absolventen können als einzige in Deutschland
mit ihrem Diplom die Zusatzqualifikation zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten absolvieren und sich dann als Psychotherapeuten niederlassen. Das ist der Grund,
weshalb wir jetzt einen zweiten Schritt machen. Es wird jetzt dieses Jahr
zum Wintersemester zum ersten Mal auch einen Masterstudiengang in drei
Semestern geben.
Kostendruck als Boomfaktor
In Zeiten des Sozialabbaus dürften die Berufsaussichten aber eher trübe
sein.
Berufspolitisch sieht man im Gegenteil, dass, je knapper die
finanziellen Ressourcen im Gesundheits- und Bildungswesen sind, desto besser
die Entwicklungschancen für Musiktherapie werden.
Eigentlich würde man das Gegenteil vermuten, wenn man davon ausgeht,
dass Musiktherapie als eine Art im Prinzip entbehrlicher Luxus-Therapie
angesehen wird.
Weil angesichts der Krise der klassische Trott im ambulanten Versorgungsbereich
nicht mehr funktioniert, bekommen unsere Absolventen Stellenangebote in
einer Anzahl wie nie zuvor. Wir haben in allen Bereichen der ambulanten
Therapie mittlerweile Begrenzungen. Es gibt keine psychoanalytische Therapie
mehr von 600 Stunden, das bezahlt keine Kasse mehr. Gerade die Psychoanalyse
macht zu wenig Anstrengungen, irgendwelche Effizienzstudien auf den
Weg zu bringen, und in dem neuen Handbook of Psychotherapy and Behavior Change, das auch als Bibel der Psychotherapieforschung bezeichnet wird, ist sie schon
gar nicht mehr erwähnt.
Und die Musiktherapie weitet ihre Anwendungsgebiete aus?
Die Musiktherapeuten finden nach wie vor im klassischen klinischen
Bereich ihre Anstellung. Es gibt inzwischen aber auch eine ganze Reihe von
organmedizinischen Bereichen, in denen Musiktherapeuten arbeiten, in der
Kardiologie, in der Nephrologie, in der Schmerztherapie, im klassischen
chirurgischen OP-Bereich, wenn es um die Optimierung der Narkose geht. Was
auch deutlich im Kommen ist – vorläufig noch regional begrenzt auf
Heidelberg – ist der Bereich Consulting. Wir haben zunehmend Absolventen,
die sich nach dem Studium selbständig machen, die zuvor im Studium den
Schwerpunkt Personalauswahl und Konfliktmanagement belegt haben. Die gehen
nicht einmal in den klinischen Bereich arbeiten, sondern machen etwa für
Firmen Personalauswahlverfahren, und zwar mit Trommel und Vibraphon.
Als ein Art Graphologie-Ersatz?
Nein, das hat damit wenig zu tun. Es geht ja nicht darum, die fachliche
Qualität zu prüfen, sondern darum, anhand eines psychodynamischen
Anforderungsprofils für einen Arbeitsplatz aus einer Gruppe von Bewerbern diejenigen
herauszufinden, die im nonverbalen Kontext zum Beispiel die passendste Dominanz oder
Permissivität zeigen, das heisst in ihrer psychodynamischen Persönlichkeitsstruktur dem erforderlichen Mitarbeiterprofil am nächsten kommen.
Das kann man zuverlässig feststellen?
In bezug auf die inzwischen vorliegenden Erfahrungen und Datensätze aus verschiedenen
Industriebereichen ist das relativ gut feststellbar. In Sachen
Konfliktmanagement sind wir schon fast wieder auf der klassisch-klinischen
Ebene. In der Form, dass nicht mit verbalen sondern mit musikalischen
Mitteln Konflikte nicht nur dargestellt, sondern auch verarbeitet werden.
Das ist etwas, worauf viele Unternehmen inzwischen zurückgreifen. Es ist, offen gesagt,
nicht mein Lieblingskind, gedeiht aber prächtig. So haben zum Beispiel viele
Märkte für elektronische Unterhaltungsmedien in Deutschland Musiktherapeuten als Coaches für ihre
Verkaufsleute. Die Krankentage gehen zurück, die Zufriedenheit ist deutlich
höher.
Die Zukunft des Faches
Wie sehen Sie die Zukunft der Musiktherapie?
Sie wird meines Erachtens eine wichtige und sich immer
weiter entwickelnde Therapieform unter dem Aspekt, dass sich das gesamte Gesundheitswesen, einschließlich der Medizin, wieder mehr in Richtung sanfte Methoden bewegt. Es wird deutlich
weniger geschnitten, weniger operiert. Der Kostenfaktor spielt auch eine Rolle.
Es gibt ganz bestimmte Indikationen, von denen wir noch lange nicht alle
entdeckt haben, wo Musiktherapie das Mittel der Wahl ist, weil sie
hochwirksam und wirtschaftlich ist. Das sind auch die Kriterien, die darüber
entscheiden werden, in welchen Bereichen sie künftig Zugang hat. Die Zeit,
in der man Musiktherapie macht, weil es so schön ist, die geht ganz rasch zu
Ende. Nicht nur, weil sich das niemand mehr leisten kann, sondern auch, weil
sicherlich niemand an einem so diffusen Angebot im klinischen
Versorgungskontext Interesse hat.
Da helfen sicher auch neuere Einsichten, dass selbst harte medizinische
Therapien oft nicht über einen Placeboeffekt hinauskommen.
Ja, da kann ich wieder auf unsere Migränestudie hinweisen. Migräne-Medikamente
sind handfeste, starke Medikamente, die Nebenwirkungen haben. Da konnte man
zeigen, dass die letztlich nur geringfügig wirksamer sind als das Placebo-Medikament.
Man muss aber auch sehen, dass sich künftig weiter eine kleine Nische gut
entwickeln wird, auch wenn sie immer klein bleiben wird. Das ist der
Bereich, wo Musiktherapie Ersatz für Weltanschauung wird. Das wird erhalten bleiben.
Es hat auch seine Daseinsberechtigung, aber es wird sicherlich nicht so
aufblühen, dass man daraus ein repräsentatives Anwendungsfeld machen könnte. (pb)
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Der Individuenkalkül des Philosophen Nelson Goodmans scheint für formale Beschreibungen musikalischer Strukturen wie geschaffen.
Jubiläen 2010
Frédéric Chopin
Ein paar nützliche Links und Codex-flores-Texte zu Frédéric Chopin
01. 06. 2010 Dossier Kulturpolitik Entwurf einer Bundeskulturpolitik Eine eigenständige Bundes-Kulturpolitik ist unerlässlich. Helvetia muss dazu aber ein paar alte Zöpfe opfern.