Die Hamburger Musiktherapeutin Gitta Strehlow illustriert Fallbeispiele aus dem Therapiealltag
(Bilder: Codex flores)
An der diesjährigen Fachtagung zur Musiktherapie in der Rehaklinik Bellikon standen Aspekte der neurologischen Rehabilitation im Zentrum. Das Interesse richtete sich dabei auf Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen.
Der Hamburger Musiktherapeut Helmut Decker-Voigt charakterisierte Persönlichkeitsstörungen zunächst einer Definition des deutschen Psychiaters Henning Sass folgend. Sass diagnostiziert eine Persönlichkeitsstörung sinngemäss, wenn nach Ausprägungsgrad oder besonderer Konstellation von psychopathologisch relevanten Merkmalen «in den Bereichen des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens, Wollens und der Beziehungsgestaltung erhebliche subjektive Beschwerden und/oder nachhaltige Beeinträchtigungen der sozialen Anpassungen entstehen».
Decker-Voigt wies darauf hin, dass die Reihenfolge Fühlen, Empfinden, Denken, Wollen den Prozess der Wahrnehmung folgerichtiger abbilden und Erkrankungen dementsprechend genauer nachverfolgen lassen würde.
Der Hamburger Therapeut bot aber auch einen Überblick über die Klassifikationen der Störungen nach den einschlägigen Systemen ICD 10 (International Classification of Diseases) der WHO und DSM IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (APA). Sie unterteilen die Auffälligkeiten unter anderem in sogenannte Cluster. In einen ersten fallen paranoide und schizoide Ausprägungen, in einen zweiten Borderline-Symptome sowie übertreibende, theatralische («histrionische») und dissoziale, in eine dritten schliesslich ängstliche, abhängige, anakastische (zwanghafte) oder passiv-aggressive Betroffene. Die Folgeversion ICD 11 von ICD 10 wird laut Decker-Voigt nur noch in Cluster unterteilt sein und etwa auch das neuere Phänomen der Internetsucht erfassen.
Hans-Helmut Decker-Voigt
Mit Blick auf das Methodeninventar der Musiktherapie zur Behandlung solcher Störungen unterschied Decker-Voigt supportive und konfrontative Techniken, Letztere hätten in der Regel eine schmerzhafte Spiegelung von Verhalten oder Einstellungen zur Folge und machten diese damit fassbar.
Was vor einigen Jahren in der Musiktherapie noch kaum Thema war, sprach Decker-Voigt auch an: Es kann auch Kontraindikationen geben und damit Situationen, in denen musiktherapeutische Interventionen möglicherweise mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen. Interessant seien auch misslungene Therapien, so der Referent, auch wenn im Musiktherapiealltag noch kaum eine Kultur der Fehleraufarbeitung zu beobachten sei.
In diesem Zusammenhang erwähnte Decker-Voigt auch den Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel. Dieser habe mit seinem Kind das linguistische Experiment der Vertauschung von Namen gemacht und etwa (wie in seiner Kurzgeschichte «Ein Tisch ist ein Tisch») zur Zahnbürste «Tisch» gesagt und zum Tisch «Zahnbürste». Bichsels Kind sei so «in den ersten zwei Jahren in einem ganz festen System mit einer verfälschten Sprache grossgeworden». Das Kind und die Familie hätten erhebliche Probleme bekommen und Bichsel habe das Experiment später «sehr bereut». Peter Bichsel bezeichnet diese Darstellung auf Rückfrage als «pure Erfindung». Er könne sich nicht erklären, woher solche Informationen stammten.
Studie zum Behandlungsmonochord
Die in Bellikon tätige Musiktherapeutin Susanne Bossert präsentierte eine klinische Studie («Strukturiertes musiktherapeutisches Setting mit Behandlungsmonochord»), die sie zusammen mit dem ebenfalls in Bellikon tätigen Joachim Marz durchgeführt hat. Ihr Ziel war es, festzustellen, ob «durch die strukturierte musiktherapeutische Intervention eine verbesserte Körperwahrnehmung, eine bewusstere Wahrnehmung der Wirkung von Emotionen auf
Körperspannung und eine Verbesserung der psychischen Störung zu erzielen ist, die letztendlich die subjektive Lebensqualität nachhaltig verbessert.»
Susanne Bossert
Feststellen konnten die beiden in der betreffenden Gruppe gegenüber einer Kontrollgruppe unter anderem eine signifikante Verbesserung der Körperwahrnehmung und Entspannung und die Befähigung zum besseren Umgang mit Schmerzen. Die von Fachleuten methodisch intensiv begleitete Studie leistet nach Überzeugung der Autoren einen wichtigen Beitrag dazu, die Therapieform wissenschaftlich solider zu legitimieren. Sie hoffen, dass «die Ergebnisse für die Rehaklinik Bellikon und die neuen wissenschaftlichen Studien der klinischen Musiktherapie im deutschsprachigen Raum neue Ideen und auch Grundlagen liefern können».
Über Beziehungsmuster in der Musiktherapie mit Borderline-Patienten referierte schliesslich die ebenfalls in Hamburg tätige Musiktherapeutin Gitta Strehlow. Im klinischen Alltag hat man es dabei laut Erhebungen aus dem Jahr 2007 zu rund vier Fünfteln mit Frauen zu tun. Dies lasse allerdings nicht darauf schliessen, so Strehlow, dass Männer weniger betroffen seien, die männlichen Betroffenen landeten aufgrund geschlechtspezifischer Reaktionen allerdings eher im Gefängnis.
Typische Interaktionsmuster in der Therapie
Borderline-Patienten stellen laut Strehlow an die Therapeuten hohe psychische Herausforderungen, weil sie unter akut hohem Leidensdruck stehen und schnell Stellungnahmen provozierten. Sitzungen seien denn auch in der Regel stark affektgeladen. Allerdings spielt Musik für die Betroffenen in der Selbstregulierung eine grosse Rolle, sie konsumierten denn auch intensiv Musik, was musiktherapeutische Interventionen sinnvoll erscheinen lasse.
In der Arbeit seien aber Extreme die Regel. Die Patienten seien im Spiel unerreichbar, reagierte mit Rückzug, Abbruch von Sitzungen, mit Entwertungen von Musik und Therapeuten oder mit sehr hohen Ansprüchen an letztere. Sie äusserten sich selber musizierend mit exzessiven Lautstärken, könnten aber auch mit starken Schamgefühlen reagieren.
Dadurch entsteht laut Strehlow für den Therapeuten oder die Therapeutin hoher Handlungsdruck, es bleibe kaum Raum zum Denken. Sie selber reagierten zwangsläufig mit
Ambivalenzen und widersprüchlichen Gefühlen. Es gelte deshalb vor allem zu vermeiden, dass man in unreflektierte abweisende Handlungen verfalle.
Strehlow hat idealtypische Interaktionsmuster definiert, die besser verstehen helfen sollen, nach welchen Schemata die musiktherapeutische Arbeit mit Borderline-Patienten abläuft. Sie bieten «einen Verstehenszugang, so dass die Mentalisierungs- und Spielfähigkeit der Musiktherapeutin nach notwendigen Irritationen leichter wieder hergestellt werden kann.»
Strehlow skizzierte als Beispiele unter anderem etwa das Muster «Musik macht alles nur schlimmer», in dem Patienten sich durch musikalische Annäherungen bedroht und gestresst fühlen und die musikalische Spiegelung deshalb scheitert. Im Muster «Musik geht über Grenzen» wiederum kann ein «guter» Therapie-Impuls sich in einen störenden verwandeln, im Muster «Musik als Rückzugsort» durch musikalische Umhüllung abschotten oder schützen und damit unerreichbar machen.
In der zweiten Tageshälfte bot sich die Gelegenheit, die theoretischen Ansätze in Workshops mit den Referenten sowie der Musiktherapeutin Doris Mäder-Güntner («Intermedialität als Chance: Hör- und Sichtbares – Verbindendes und Ergänzendes bei Musik- und Maltherapie») und dem Gestalttherapeuten Martin Kutterer («Rhythmus, Trommeln und die Erfahrung von Struktur») zu vertiefen.
(wb)
Fachtagung Musiktherapie und neurologische Rehabilitation, Rehaklinik Bellikon, 1. Juni 2012.