Beide waren sie bewunderte Klaviervirtuosen, beide hochgeschätzte Komponisten, beide befreundet. Doch während Beethoven in den Olymp aufstieg, sank der um acht Jahre jüngere Johann Nepomuk Hummel (1778–1837) in den Halbschatten der Musiklexika. Zu Unrecht, denn seine das Schwergewicht eines vielseitigen Œuvres bildenden Klavierwerke, darunter Sonaten und Konzerte, sind kompositionsgeschichtlich von Bedeutung, weil sie nicht die spieltechnische Opulenz, die dramatische Stringenz und die orchestrale Wirkung des Klaviersatzes herausstellen, sondern – bei aller Virtuosität – dessen poetische Qualität und die Kunst der klanglichen Nüancierung betonen. In ihrer Konsequenz erhellten weniger Beethovens als Hummels Klavierwerke die Inspiration der Romantiker. Mendelssohn war sein Schüler, Schumann bewunderte Hummel, und die Auswirkungen auf Chopin sind ohrenfällig.
Ohrenfällig etwa im Klavierkonzert a-Moll op. 85, das Hummel, ausgebildet durch Albrechtsberger, Salieri, Mozart und Haydn, um 1816 komponiert hat. Konstituierend sind nicht die straffe thematische Arbeit, die motivische Aufsplitterung, sondern die differenzierten Facetten des Klangs (auch im Orchesterpart), die Kantabilität, die fliessende Bewegung und die weitgespannte Melodielinie, die filigrane Ornamentik, die Einschübe in verhaltenem Tempo in den bewegten Ecksätzen.
All die technischen und musikalischen Anforderungen dieser Rarität bewältigt die österreichische Pianistin Ingrid Marsoner mit substanziellem «jeu perlé», transparenter Faktur, klar disponierter Artikulation, ausgefeilten Übergängen, vitaler Noblesse im Ausdruck und ansteckender Spielfreude – eine würdige Ehrenrettung eines noch immer unterschätzten Brückenbauers zwischen der klassischen und der frühromantischen Epoche.
Dass Ingrid Marsoner auch einem der populären Konzerte Beethovens, dem in C-Dur op. 15, originelle Aspekte und ganz persönlich anmutende Grazie abzugewinnen versteht, ohne in Manierismen Zuflucht nehmen zu müssen, unterstreicht ihren Rang als profilierte, organisch aus einer Mitte heraus gestaltende Interpretin. In ihrem Landsmann Thomas Rösner und dem Sinfonieorchester Biel (es setzt Holzflöten, Naturtrompeten, Naturpauken und Klassikbögen ein) hat sie Partner, die ihre Intentionen mit Einsatz und Energie stützen.
Kurt Leimer
Er konnte es mühelos mit allen Spitzenkönnern seiner Gilde aufnehmen: Der früh verstorbene deutsche Pianist Kurt Leimer (1920–1974) kannte dank phänomenaler Fingerfertigkeit keine handwerklichen Hürden, setzte die technische Meisterschaft mit ihrer Vielfalt an Anschlagsvaleurs und Klangfarben und ihrer rhythmischen Verve dabei stets in den Dienst des dichten musikalischen Ausdrucks, der vitalen, bis ins Detail transparenten und stilsicheren, nie auf Extravaganz setzenden Interpretation.
Ausser einzelnen Solowerken für sein Instrument schuf Leimer vier Klavierkonzerte, deren zweites auf einer durch die Kurt-Leimer-Stiftung herausgegebenen CD mit Rachmaninows d-Moll-Klavierkonzert gekoppelt ist (eingespielt 1961). Sein spätromantisch verwurzeltes, modernere Elemente einflechtendes, «Musik für Klavier und Orchester» betiteltes dreisätziges Konzert geizt weder mit exzellenter Instrumentation, vertrackter, wirbliger, durchwegs unkompakter Pianistik noch mit Sinnlichkeit, Witz und Humor, Zitaten und Anlehnungen an Jazz, Prokofjew, Gershwin... Uraufgeführt wurde es 1953 in Wien unter Karajan mit dem Komponisten am Flügel; die vorliegende Einspielung entstand 1968 in Lugano mit dem Dirigenten Leopold Stokowski.
Beachtung verdient eine weitere CD der Leimer-Sonderedition mit Werken für Klavier solo. Sie enthält Bachs E-Dur-Suite, Beethovens letzte Sonate op. 111 und Brahms’ Paganini-Variationen op. 35.
(ws)
Johann Nepomuk Hummel: Klavierkonzert a-Moll op. 85. Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert C-Dur op. 15. Ingrid Marsoner, Klavier. Orchestre Symphonique Bienne. Leitung: Thomas Rösner. (Gramola 98938; 63’)
Sergei Rachmaninoff: Klavierkonzert Nr. 3, d-Moll op. 30. Prélude g-Moll op. 23 Nr. 5. Kurt Leimer: Klavierkonzert Nr. 2 – Musik für Klavier und Orchester. Kurt Leimer, Klavier. Nürnberger Symphoniker. Leitung: Zsolt Deaky. Orchestra della Radio della Svizzera Italiana. Leitung: Leopold Stokowski. (Colosseum Classics, Sonderedition Kurt Leimer COL 9205.2; 60’)
Bach: Suite E-Dur BWV 817. Beethoven: Klaviersonate c-Moll op. 111. Brahms: Variationen über ein Thema von Paganini op. 35. Kurt Leimer, Klavier.(Colosseum Classics, Sonderedition Kurt Leimer COL 9204.2; 58’)