Nachdenken über die «Kulturelle Vielfalt zwischen regionaler Identität und Globalisierung» hatte sich das Schweizer Forum Kultur und Ökonomie für seine 12. Tagung – diesmal in der St. Galler Lokremise – vorgenommen. An dem von den grossen Playern der staatlichen und privaten Kulturförderung als Austauschplattform ins Leben gerufenen Treffen wurde dann aber fast mehr übers Nachdenken nachgedacht.
Die Krise des kulturpolitischen Debattenstils ist offensichtlich. Wie soll der Diskurs in der Kulturpolitik geführt werden? Welche Formen der Systemkritik bringen uns weiter? Bröckeln traditionelle Attitüden, die für das Nachdenken über Kultur selber den Anspruch der Kunstfertigkeit erheben und die Förderer damit in den Rang derer heben, die sie fördern? Letzteres hätte Molière möglicherweise Stoff für eine bissige Satire geliefert. Munition hätte ihm aber auch das Ende der Tagung geliefert.
Von der Begrüssung durch Yves Fischer, den stellvertretenden Direktor des Bundesamtes für Kultur, weg war das dieser Tage erschienene Buch «Der Kulturinfarkt» (siehe Codex-flores-Rezension) präsent, allerdings – als handle es sich um Sittenwidriges – nie namentlich erwähnt.
«Der Kulturinfarkt» rührt an ein Diskurs-Tabu, indem es unter anderem die Frage stellt, ob heute nicht auch ein Rückbau existierender Kulturinstitutionen angedacht werden müsse. Ko-Autor Pius Knüsel, Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und einst selber Mitglied der Steuergruppe des Forums, zeigte sich erst gegen Ende der zwei Tage, durfte sich aber nicht offiziell erklären. Die Forums-Verantwortlichen zeigten sich da wenig flexibel.
Eine der erfreulichen Einsichten des Anlasses: Die heutigen jungen Kulturfunktionäre haben eine weitaus pragmatischere Einstellung ihrer eigenen Rolle im Kulturbetrieb gegenüber als die älteren, die sich in der Post-68er-Ära gerne auch als zu bewundernde Vordenker feiern liessen und sich nicht scheuten, einzelne strategische Positionen im Kulturbetrieb teilweise jahrzehntelang zu besetzen. Amtszeitbeschränkung für Kulturverantwortliche war denn auch ein weiteres der Themen, die in der Luft lagen. Es herrscht Herbststimmung auf dem Jahrmarkt der kulturpolitischen Eitelkeiten.
Interkultur und Kreativwirtschaft
Mark Terkessidis, Berliner Journalist und Autor des im Suhrkamp-Verlag erschienenen Buches Interkultur, plädierte als erster Referent zusätzlich dafür, sich von Diskurskategorien aus den siebziger Jahren zu verabschieden, die Teile der Bevölkerung als spezielle Gruppe («mit Migrationshintergrund») aussonderten und vor allem über Defizite definierten.
Bundesrat Alain Berset gab seinen Einstand als Schweizer «Kulturminister» mit einer gouvernementalen Rede. Mehr war nach den wenigen Wochen, die er für das Dossier zuständig ist und angesichts der weitaus kritischeren Baustellen in seinem Departement auch nicht zu erwarten. Etwas von seiner Linie als künftiger oberster Gestalter der Bundeskulturpolitik liess sich aber in Bekenntnissen dazu erahnen, dass künftig auch die Schnittstellen zur Wirtschaftspolitik und damit zur Kreativwirtschaft ins Blickfeld rücken dürften. Aber da war er auch schon wieder weg.
Der Niklas-Luhmann-Schüler Dirk Baecker, tätig an der Friedrichshafener Zeppelin Universität, unterschied zum Auftakt des zweiten Forumstages drei historische Epochen einer Kulturpolitik. In Stammesgesellschaften würden Mythen («Lügen» wie Baecker lapidar meinte) in Form von Festen gefestigt, in der antiken Sklavenhalter- und Adelsgesellschaft im Theater Schicksale herausgefordert, inszeniert und besiegelt. In der modernen Welt schliesslich werde im Museum (auch im Konzertsaal, in Galerien und so weiter) das bürgerliche Publikum auf eine «uneindeutige Beweglichkeit im Dienst einer abstrakten Aufklärung und eines endlosen Fortschritts verpflichtet».
Theaterarbeit und rhetorische Ornamentik
Ruud Breteler, zur Zeit Projektmanager der Abteilung für Kunst und Kultur der Stadt Rotterdam, erläuterte anschliessend, wie sich eine uneindeutige Beweglichkeit im Dienst einer abstrakten Aufklärung auf die urbane Kulturarbeit mit Migranten auswirken kann. Als Generalintendant des Theaters Zuidplein in Rotterdam gestaltete er das Programm zwischen 1998 und 2006 so um, dass es ein neues künstlerisches Profil mit Schwerpunkt auf nicht-westlichen darstellenden Künsten und Zuschauerbeteiligung erhielt und damit zu einem Pionierprojekt der partizipativen Kulturarbeit wurde.
Wie sehr die klassisch-geisteswissenschaftliche Reflexion, die sich in opulent-rhetorischer Ornamentik gefällt, von der Relevanz für die praktische Arbeit entfernt ist, offenbarte in der Folge ein Podium mit der Philosophin Ursula Pia Jauch, Beat Santschi, dem Präsidenten der Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt, und Thierry Spicher, einem Mitglied der Eidgenössischen Filmkommission.
Die zähflüssig parlierende Runde rund um den etwas mutlos agierenden Moderator Marco Meier verlor sich in Auseinandersetzungen darüber, was denn Heraklit nun gesagt habe und was nicht (alles fliesst! alles fliesst?) und wie Descartes die Welt habe sehen wollen. Der im Saal sitzende Terkessidis beklagte nach Öffnung der Diskussion zum Publikum die intellektuelle Flughöhe der Runde. Sein Einspruch erhielt vom Auditorium Szenenapplaus.
Solche Ratlosigkeiten über Stil und Inhalt der Auseinandersetzung zeugen von den Herausforderungen in den aktuellen Spannungsfeldern Heimat und Migration, Hoch- und Volkskultur oder der unterschiedlichen Bedürfnisse älterer und junger Mitbürger in Sachen Kulturkonsum. Dem müssen sich auch die öffentlich-rechtlichen elektronischen Medien stellen. In welche Richtung es da gehen soll, skizzierte Nathalie Wappler, die Kulturchefin der Schweizer Radio und Fernsehens (SRF).
Auch da ist eine zögerliche Aufweichung des bisher recht bieder-didaktisch daherkommenden Kultur(-bildungs)-Angebotes festzustellen. Der Spielraum für SRF, das zur Zeit – Stichwort: Konvergenz – vor allem mit sich selber beschäftigt ist, bleibt allerdings sehr eng, angesichts schmaler Budgets und des staatspolitischen Auftrags, die Interessen von vier Landesregionen und -sprachen auszugleichen.
Französischer Esprit und Schweizer Pragmatismus
Die Organisatorin der Tagung hingegen hat sich bodenständig-schweizerische Qualitäten bewahrt. Sie war sich nicht zu schade, auch mal dezidiert dazwischen zu fahren und etwa coram publico den Moderator zu schelten, man «lasse einen Bundesrat nicht warten». Zum Culture clash kam’s am Ende gar mit den französischen Causeuren Dominique Wolton und Marc Jimenez. Letzterer amtet als Direktor eines Laboratoire d’Esthétique théorique et appliqué der Sorbonne.
Wolton ist, nicht minder Ehrfurcht einflössend, Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaften des nationalen Zentrums für wissenschaftliche Forschung in Paris. Der Begründer der intellektuellen Edelpostille Hérmes liess seinen Inspirationen aus dem Stegreif zur Lage der Kulturwelten von der resoluten Organisatorin nur ungern die Flügel stutzen und seufzte händeringend, hier müsse aber auch wirklich alles seine Ordnung haben. Tja, so sind wir nun mal in der Alpenrepublik.
(wb)