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11.02.2010
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Alle Streichersinfonien Mendelssohns

Zwölf bis vierzehn Jahre alt war Felix Mendelssohn Bartholdy als er zwischen 1821 und 1823 seine zwölf Streichersinfonien zu Papier brachte. Man brennt sie heute mit insgesamt dreieinhalb Stunden Spieldauer als Gesamtaufnahme auf drei oder vier CD. Getan haben dies einige Interpreten; integrale Einspielungen stammen etwa vom Stuttgarter Kammerorchester (unter der Leitung von Michael Hofstetter), dem English String Orchestra (unter William Boughton) und der Amsterdam Sinfonietta unter Lev Markiz (für Naxos). Will ein Schweizer Ensemble da nicht abseits stehen, hat dies allerdings einen besonderen Reiz; das Wunderkind der Frühromantik erweist der zu seiner Zeit postnapoleonischen Alpenrepublik nämlich eine charmante Reverenz: In der neunten und elften Sinfonie verarbeitet es je ein «Schweizerlied» – Mitbringsel einer Reise, die es 1822 auch nach Luzern und in die Innerschweiz geführt hatte.

Dass Mendelssohn in der elften Streichersinfonie ausgerechnet den Emmentaler Hochzeitstanz («Bin alben e wärti Tächter gsi») im Stile einer Militär- oder Janitscharenmusik mit Pauken, Becken und Triangel anreichert, könnte ja heute noch zum Sinnieren anregen über die Art, wie die Schweizer Denkungsart im angrenzenden Ausland wahrgenommen wird. Die Festival Strings Lucerne (hier dirigiert von Achim Fiedler, der seit 1998 als ihr künstlerischer Leiter amtet) präsentieren den biedermeierlichen Scherz aber mit einer solchen Delikatesse, dass man dem Halbwüchsigen ja nicht böse sein kann.

Amüsant ist auch der Titel zum Essay über die Sinfonien im Booklet der CD: Um «Des Knaben Wunderhorn» handle es sich, erklärt der Musikwissenschaftler Christoph Schlüren in Anlehnung an das Bonmot eines «Komponisten unserer Zeit», ohne diesen namentlich zu nennen. Das hat etwas für sich, erst recht wenn man sich vergegenwärtigt, was Mendelssohn allein 1823 komponierte, als er auch die Schweizerlieder verarbeitete: unter anderem die Streichersinfonien 9 bis 13, ein Konzert für zwei Klaviere, ein solches für Klavier und Geige, ein Streichquartett, die Oper «Der Onkel aus Boston» und kleinere Arbeiten. Da war der rastlos Schaffende gerade Mal vierzehnjährig.

Mendelssohns Streichersinfonien und die Lucerne Festival Strings haben eine gemeinsame Geschichte. Das 1956 vom Violinisten Wolfgang Schneiderhan und Rudolf Baumgartner, dem damaligen Leiter der Internationalen Musikfestwochen Luzern, gegründete Ensemble hat sich dieser Musik schon sehr früh angenommen. Im Booklet dokumentiert ist etwa die Schweizer Erstaufführung der zehnten Streichersinfonie im Jahr 1959.

Achim Fiedler setzt heute in der Rezeption aber durchaus seine eigenen Akzente: Für die Einspielung hat er, unterstützt vom ausgewiesenen Mendelssohn-Experten Roland Schmidt-Hensel, in der Berliner Staatsbibliothek die Autografen konsultiert und in den greifbaren Druckversionen für die vorliegende Einspielung verschiedene kleinere Korrekturen vorgenommen.

Das Luzerner Streicherensemble interpertiert die unbeschwert anmutenden Jugendwerke mit vitalem Zugriff und transparentem Klang. Aufnahmetechnisch fehlt vielleicht etwas Wärme, was aber mit Liebe zum Detail in Artikulation und Dynamik wettgemacht wird.
(wb)


Mendelssohn: The Complete String Symhponies, Festival Strings Lucerne, Achim Fiedler, Oehms Classics OC 740, Box mit 3 CD.

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