Beabsichtigt war das wohl kaum, bestechend ist es sehr wohl: Die Deutsche Grammophon veröffentlicht praktisch zeitgleich zum Auftakt des Chopin-Jahres eine CD von Aufnahmen mit Martha Argerich aus den Jahren 1959 und 1967, als die Argentinierin am Anfang ihrer beispiellosen Karriere stand, und eine solche der 1988 geborenen Deutschjapanerin Alice Sara Ott, die heute ebenfalls als Ausnahmetalent gehandelt wird. Lässt sich also anhand der zwei Silberscheiben vergleichen, ob sich von den sechziger Jahren des 20. Jahrhundert bis heute künstlerisch etwas verändert hat?
Nahelegen könnte das eine schon fast bestürzende Ähnlichkeit in der äussern Erscheinung der beiden Musikerinnen in jungen Jahren, welche die Porträts in den entsprechenden Booklets offenbaren. Ihre Temperamente scheinen aber doch recht unterschiedlich. Argerich spielt überdies eine Ballade, eine Etüde, Mazurkas, Nocturnes und eine Sonate, Ott sämtliche Walzer. Überschneidungen im Repertoire, die den direkten Vergleich erlaubten, gibt es also (leider) nicht. Und Ott legt ein Studio-Album vor, während es sich bei Argerich um Konzertmitschnitte handelt. Sie sind 1967 im WDR Köln, Rias Berlin und der Berliner Hochschule für Musik realisiert worden. Die Ballade Nr. 1, g-Moll, op.23 hat Argerich bereits im Januar 1959 im Rias Studio eingespielt.
Die Argerich-Aufnahmen, die als Bootlegs hätten Furore machen können, wären sie nun nicht offiziell verlegt worden, sind aufschlussreich. Zum einen raubt die scheinbar mühelose und dennoch engegiegeladene fingertechnische Rasanz der Virtuosin auch heute noch den Atem. Schon die ersten beiläufigen Melismen der Ballade wirken unter den Fingern der 18-Jährigen auch nach einer ganzen Generation chinesischer Hypervirtuosen noch immer wie ein Schocker.
Daneben zeigt sich in diesen frühen Aufnahmen bereits eine unverkennbare ästhetische Persönlichkeit. Was bei Chopin als Kohleskizze angelegt ist, wird unter Argerichs Händen zur hochpräzisen Steinmetzarbeit. Die musikalische Kalligraphie des polnischen Nationalkomponisten liest die Argentinierin wie kompromisslose Selbstbehauptungen. Nicht Leichtigkeit und Eleganz sind ihre Ausdrucksmittel, vielmehr wird hier jede Phrase zum schwermütigen, brodelnden, manchmal auch launischen Bekenntnis.
Eine solche personalisierte interpretatorische Unverwechselbarkeit scheint nicht das Ziel von Alice Sara Ott. Wiewohl mit fast unbeschränktem technischem Können begabt, lässt sie die Musik eher für sich sprechen. Dabei reicht die Ausdruckspalette von fast schubertisch zu nennender Volkstümlichkeit in den Walzern ohne Opuszahl bis zu einem beinahe impressionistisch anmutenden Klangbild in der Wiedergabe des Walzers op. 34, Nr.2. Es sei ihr Ziel gewesen, gibt sie im Text des Booklet an, Chopins Intentionen genau zu befolgen. Sie habe deshalb auf die Autografen zurückgegriffen, die, so Ott weiter, «nach ihrem Empfinden dem düsteren Geist seiner Musik eher entsprechen als einige der modernen Ausgaben.»
Der Höreindruck bestätigt die Selbsteinschätzung Otts: Da offenbart sich eine Ernsthaftigkeit im Umgang mit dieser Musik, die zwar noch etwas kontrolliert und rhythmisch streckenweise kopflastig wirkt, aber ein hochdifferenziertes, transparentes und vielversprechendes klangliches Universum entwirft.
(wb)
Argerich Plays Chopin (Ballade Nr.1 in g-Moll, op. 23, Etüde op.10, Nr. 4, Mazurkas op.41/1 und 4, op.24/2, op.63/2, op.33/2, op.59/1-3, Nocturnes Op.15/1 und Op.55/2, Sonate Nr.3, op. 58), Deutsche Grammophon (Universal), Best.-Nr. 477 7557.
Alice Sara Ott, Chopin Complete Waltzes, Deutsche Grammophon. Best.-Nr. 477 8095.
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