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25.01.2010
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Wagners «Ring des Nibelungen»

Von «Weia! Waga!» über «Hojotoho! Heiaha!» und «Hoiho! Hoiho!» bis «Heiaho!» entfaltet sich die mächtige Dichtung, das Bühnenfestspiel mit «Rheingold», «Walküre», «Siegfried» und «Götterdämmerung». Erstmals als Ganzes aufgeführt wurde der «Ring des Nibelungen» im August 1876 in Bayreuth unter dem Dirigenten Hans Richter und der künstlerischen Leitung des Textdichters und Komponisten.

Gut ein Vierteljahrhundert, von 1848 bis 1874, hatte Wagner an der «Ring»-Tetralogie gearbeitet, einen Gegenentwurf geschaffen zu den Konventionen der französisch-italienischen Operntradition. Den Stoff aus Quellen des 13. Jahrhunderts schöpfte er aus dem mittelhochdeutschen «Nibelungenlied», den Götter- und Heldensagen der altnordischen «Edda» (für «Rheingold», «Walküre» und «Siegfried» insbesondere aus der «Volsunga»-Saga) sowie aus dem Märchenschatz der Gebrüder Grimm.

Wagner schmiedete sich aus den Anregungen der Epen und Märchen, aus den Personen, Handlungen, Motiven, Konstellationen ein in vier Teile gegliedertes Textbuch mit mythischem Hintergrund und Geschehen. Für ihn besass diese Textbuch-Fassung eigene literarische Qualität; im Freundeskreis rezitierte er mit Emphase seine Textbücher und schenkte sie in Privatdrucken einem kleinen Kreis seiner Verehrer.

Bei der Komposition der Tetralogie übernahm Wagner aber nicht einfach diesen Text, vielmehr passte er ihn zum Zweck der Vertonung an, hier ein Detail ändernd, dort – vorab in den Anmerkungen zu Regie und Bühnenbild – stärker eingreifend.

Während die vertonte Textfassung des «Ring» wiederholt publiziert worden ist, hat es der Wagner-Kenner Egon Voss, langjähriger Leiter der Richard-Wagner-Gesamtausgabe, als Erster unternommen, dem Textbuch die Varianten der Partitur beizugeben. Seine vier früher erschienenen Reclam-Einzelbände sind nun in einem einzigen Band zusammengeführt worden.

Im Kommentar-Teil hält Voss fest: «So vertraut der Ring aber erscheint, so unbekannt ist er in mancherlei Hinsicht. Das beginnt bereits bei den Grundlagen. Die hier vorgelegte Textbuchedition trägt der […] Tatsache Rechnung, dass in Wagners Bühnenwerken der Text in zwei Existenzformen vorkommt, derjenigen des Textbuchs und derjenigen der Partitur. Wagner hat den Text des Textbuchs bewusst nicht an den komponierten Text der Partitur angeglichen, sondern offensichtlich die Eigenexistenz des einen wie des anderen im Sinn gehabt. Man muss also, um das Werk zu erfassen, beide Formen kennen.» (Seite 450)

Der Hauptteil dieses Reclam-Bandes umfasst die Textbücher samt Besetzung, Regie- und Szenenanweisungen der vier Musikdramen; die Verszeilen sind in jedem Werk durchnummeriert. Die Fussnoten (nur wenige der gut 420 Seiten kommen ohne aus) enthalten alle Varianten der Partitur.

Gewichtig und umfassend und immer wieder gestützt mit Zitaten aus Wagners Schriften ist der hundertseitige Kommentar des Herausgebers Egon Voss, der sich einlässlich befasst mit der langen Entstehungsgeschichte der «Ring»-Tetralogie (auch übersichtlich aufgelistet in einer Zeittafel von den ersten Plänen bis zur szenischen Gesamtaufführung bei den ersten Bayreuther Festspielen), mit den Vorlagen und Quellen, den Intentionen, Ideen und Ideologien, dem Text, der sprachlichen Form, der Zeit, den Handlungssträngen, Wagners Theaterbegriff und dem Erzählen als zentralem Element der Dramaturgie.

Nicht erwarten würde man in diesem Zusammenhang eine derart detaillierte Auseinandersetzung mit der Musik, mit Vorbildern und Wagner-Typischem der Vertonung, mit der Einteilung der Akte, traditionellen und revolutionären Mitteln, der Rolle der Sänger und des Orchesters, mit der Kunst des Übergangs, dem Themengewebe, dem (nicht von Wagner stammenden) Begriff des Leitmotivs (das kein starres Bauelement ist, sondern ein dynamisches, dessen semantische Bedeutung sich im Lauf der vier Werke ändert).

Voss schildert den Lauf der Handlung, die Motive und Variationen, die Mittel der musikalischen Darstellung aussermusikalischer Phänomene immer auch reflektierend in Erläuterung und Kommentar, ohne Notenbeispiele, aber verknüpft mit dem Textbuch durch Verweise auf die entsprechenden Verszeilen. Abschliessend finden sich Hinweise zu Ausgaben, Dokumenten und zur Literatur über die einzelnen Musikdramen und den ganzen «Ring».

Zitat aus dem Buch:
«So überraschend es erscheinen mag, aber alle bisherige Aufführungspraxis des Ring beruht auf Partituren, die weit davon entfernt sind, den Musikern gleichsam gesicherten Boden zur Verfügung zu stellen. Indessen ist die Tatsache, dass die bisher verwendeten Partituren nicht jene Zuverlässigkeit oder Authentizität gewähren, die man ihnen allgemein unterstellt, noch nicht ins allgemeine Bewusstsein gedrungen. Erst aber wenn das Wissen um diese Unzulänglichkeiten Allgemeingut wird und die seit Jahren vorliegenden kritischen Partituren bis in alle Einzelheiten hinein von den ausführenden Musikern erfasst worden sind, wird man erfahren können, wie der Ring wirklich klingt.» (Nachwort, Seite 541)
(ws)


Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen. Ein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend. Textbuch mit Varianten der Partitur. Herausgegeben und kommentiert von Egon Voss. Reclam-Verlag, Stuttgart 2009. 552 Seiten. € 12,–. Fr. 22.50.

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