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05.01.2010
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Reclams Komponistenlexikon

Zwei Besonderheiten fallen beim ersten Durchblättern ins Auge: Reclams Komponistenlexikon stellt in eigenen Einträgen auch mehr als 80 komponierende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart vor und erweitert die über 700 Einzeldarstellungen zudem mit 16 themen- bzw. personenzentrierten Essays.

Drei Leitgedanken waren, wie die Herausgeberin Melanie Unseld im Vorwort schreibt, massgebend für die Auswahl der Persönlichkeiten der sog. klassischen Musik: a) die europäische Musikkultur samt Kunstschaffenden, die (noch) nicht im populären Kanon verankert sind; b) die Globalisierung, wie sie sich zeigt in Komponisten aus aussereuropäischen Ländern, die in Europa rezipiert wurden; c) Berücksichtigung von Komponistinnen, deren Anteil «zumindest eine Vorstellung davon geben, welcher Reichtum an Werken hier bereitliegt, in der gegenwärtigen Musikkultur wahrgenommen zu werden».

An der Spitze der Artikel stehen Name und Lebensdaten, am Schluss Hinweise auf Werkverzeichnisse, Quellen, Repertorien, Dokumente, Internetadressen. Die Biografien erhellen nicht nur die Ausbildung, die Tätigkeitsbereiche, die Lebensstationen und das Schaffen, sondern auch die äusseren Einflüsse und Anregungen, die musikgeschichtlichen, gesellschaftlichen, politischen, kulturellen Hintergründe und Zusammenhänge.

Die Werke oder Werkgruppen (konsequent genannt im Originaltitel und – ausser im Englischen, Französischen, Italienischen und Spanischen – mit Übersetzung) werden in umfangreicheren Beiträgen detailliert und entsprechend ihrer Bedeutung für die Entwicklung, das Renommee und die Rezeption des Komponisten gewürdigt. Künstlerische Prinzipien und musikästhetische Vorstellungen, Schulen, Gruppen, Kunstrichtungen, Gattungen, Tonsprache, Stil, Kompositionstechnik kommen da zur Sprache.

Und immer wieder weitet sich das Panorama: auf Musiker, die im europäischen Konzertleben (noch) Nebenrollen spielen, auf Autoren von Operetten und Musicals.

Ungewöhnlich in einem Personenlexikon sind Schwerpunktartikel. Hier führen die eingestreuten Essays in mancherlei Hinsicht zusammen, verflechten, erweitern und beleuchten aus anderen Blickwinkeln, was in verschiedenen Komponistenartikeln erläutert wird. Einige Beispiele: Nadia Boulanger und ihre Schule; Groupe des Six; Das Mächtige Häuflein; Musikerfamilien; Die Neudeutschen; Zweite Wiener Schule; «Entartete Musik» – Exilmusik; Theresienstädter Komponisten; Schule von Notre Dame; Renaissance in England und die English Musical Renaissance.

Optisch heben sich die Essays innerhalb des zweispaltig umbrochenen, mit vielen Porträtillustrationen bereicherten Lexikons durch grössere Schrift samt entsprechendem Durchschuss und seitenfüllendem Zeilenlauf ab. Gemeinsam sind Lexikon- und Schwerpunktartikeln die mit Zurückhaltung gesetzten Verweispfeile.

700 Porträts von Abel bis Zimmermann, 16 Essays zu Personenkreisen, ästhetischen Schulen und Gruppierungen – und Information und Anregung in Hülle und Fülle. Die 61 Autorinnen und Autoren haben es verstanden, trotz den lexikalischen Einschränkungen die Fakten und Daten mit Interpretationen auf individuelle und anregende Art zu verbinden und frei von unreflektiert übernommenen Beurteilungen neue Akzente zu setzen.

Zitat aus dem Buch:
«Anknüpfend an eine Tradition, die sich über die französische Konversationskultur des 16. Jahrhunderts und die italienische Renaissance-Geselligkeit bis hin zu den antiken Symposien zurückverfolgen lässt, avancierte der Salon spätestens im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts zu einer wichtigen soziokulturellen Größe, die den politischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Diskurs maßgebend bestimmte und sich rasch über den gesamten Kontinent ausbreitete. Der Einfluss des Salons auf die europäische Kultur- und Geistesgeschichte war zweifellos immens, wenngleich nicht immer nachweisbar. […] Innerhalb der männlich dominierten Gesellschaft fanden Frauen im Salon ihre geistigen und kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten; hier verband sich die Vorstellung des Dialogs gleichberechtigter Partner unterschiedlicher gesellschaftlicher Herkunft mit kulturellem Elitebewusstsein.» (Aus dem Essay von Fabian Kolb: Virtuosentum und Salonmusik im 19. Jahrhundert, Seite 606)
(ws)


Reclams Komponistenlexikon. Hrsg. von Melanie Unseld. Reclam-Verlag, Stuttgart 2009. 672 Seiten mit 163 Abbildungen. Subskriptionspreis bis 28.02.2010: € 39,90; Fr. 67.90; danach € 49,90; Fr. 83.90.

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