Manfred Spitzer ist Leiter der psychiatrischen Universitätsklinik Ulm;
daneben ist er ein passionierter, experimentierfreudiger Musiker, der sich
seine Instrumente gerne auch selber baut. Im Spektrum-Verlag ist ein Buch
mit dem Titel «Geist im Netz» von ihm erschienen.
«Musik im Kopf» ist ein umfangreiches Lesebuch, das beinahe alle Aspekte der Musikpsychologie und -neurologie abdeckt, und dies auf kompetente und unterhaltende Art. Es ist
in die vier grossen Themenbereiche «Musik hören», «Musik erleben», «Musik machen»
und «Musik verstehen» unterteilt und spannt den Bogen von den antiken
Kulturen über pränatale Tonerfahrungen bis zur Orchesterakustik und Musiktherapie.
Jedes dieser Themen weiss Spitzer solide, aber locker und häufig amüsant
abzuhandeln. Ab und zu fällt er dabei in einen Plauderstil, der ein wenig zur
Geschwätzigkeit neigt, was man ihm aber gerne verzeiht.
Obwohl Spitzer über ein beinahe unerschöpfliches Wissen zu verfügen scheint,
ist seine Perspektive doch eindeutig von der medizinischen Arbeit geprägt.
So fehlen musiktheroetische Zugänge zum Thema Verstehen von Musik und
klassische Beiträge zur Musikpsychologe in dem Buch beinahe vollständig. Wichtige Klassiker wie Carl Seashore, Ernst
Kurth oder Geza Révész finden keine Erwähnung, von Musiktheroetikern wie Hugo Riemann, die wichtige Brücken zwischen Musiktheorie und Kognition schlagen, ganz zu schweigen.
Defizite zeigt Spitzer auch, wenn er etwas gönnerhaft, aber fälschlicherweise behauptet, Musikologen tendierten dazu, Emotionen aus der Musikbetrachtung auszuschliessen. Er übersieht dabei - vermutlich aus Unkenntnis der wissenschaftlichen Diskussion -, dass die Skepsis gegenüber dem Thema eine Folge differenzierter
methodischer Grundlagendiskussionen ist. Die systematische Zurückhaltung resultiert ja gerade aus der Tatsache, dass sich viele Geisteswissenschaftler allzu euphorisch in nicht haltbaren emotionalen Ausdeutungen von Musik verlieren. Vor solchen Gefahren hat im 19. Jahrhundert bereits Eduard
Hanslick gewarnt und die Diskussion reisst seither nicht ab, das Thema Emotion ist aber omnipräsent.
Spitzer tappt denn naiverweise genau in die Falle, welche die Musikologen mittlerweile zu umgehen wissen: Er scheint davon auszugehen, dass der Begriff Emotion erst gar nicht der Erklärung bedarf. Das entsprechende Kapitel reiht in der Folge Skizzen zum Musikleben in Auschwitz, zu Wiegenliedern und zum Gänsehauteffekt zu einem beliebig wirkenden Reigen aneinander. Es ist zweifelsohne eines der schwächsten in dem Buch.
Trotz all dieser Einwände bleibt «Musik im Kopf» eine gute Einführung in die moderne
Musikmedizin, verfasst von einem ausgewiesenen Fachmann, den nicht bloss abstraktes
akademisches Interesse, sondern spürbar auch die Liebe zur Musik und zu den
musizierenden Menschen zum Schreiben motiviert hat.(wb)
Manfred Spitzer, Musik im Kopf, Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben
im neuronalen Netzwerk, Schattauer, Stuttgart 2003, 468 Seiten, ca. 48
Franken
Musik in Goodmans Individuenkalkül
Der Individuenkalkül des Philosophen Nelson Goodmans scheint für formale Beschreibungen musikalischer Strukturen wie geschaffen.
Jubiläen 2010
Frédéric Chopin
Ein paar nützliche Links und Codex-flores-Texte zu Frédéric Chopin
01. 06. 2010 Dossier Kulturpolitik Entwurf einer Bundeskulturpolitik Eine eigenständige Bundes-Kulturpolitik ist unerlässlich. Helvetia muss dazu aber ein paar alte Zöpfe opfern.