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27.05.2009
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Merel Quartet mit Heftis erstem Streichquartett

«Quartetten willst Du schreiben? Eine Frage, aber lache mich nicht aus: kennst Du denn die Instrumente genau?» hat Clara Schumann einst an Robert geschrieben, und es tönt, als fragte sie, ob er eine Frau lieben wolle und ob er aber auch ihre Seele begreife. Tatsächlich galt der Quartettsatz im klassisch-romantischen Kanon wie im Barock die Fuge als oberster Prüfstein des kompositorischen Vermögens, eine Art Meisterprüfung vor dem Tribunal der Giganten Haydn und Beethoven – und zugleich wegen der Intimität und Sinnlichkeit dieser Art von Musik als Initiation in der Kunst der höheren Liebeslyrik. Alle Schwächen eines Tonschöpfers wie mangelnde Einfallskraft, zu wenig ausgebildeter Sinn für klangliche Valeurs und formale Gleichgewichte oder minderwertiges melodisches Material offenbaren sich hier in erbarmungsloser Weise – genauso, wie es nach Beethoven das Verfehlen der Authentizität romantischen Gefühlsgenies ans Tageslicht bringt.

Das Clara-Schumann-Zitat hat der Schweizer Komponist David Philipp Hefti zum Ausgangspunkt seines ersten Streichquartetts gemacht. Es handelt sich um eine Auftragsarbeit des jungen Schweizer Merel Quartet, bestehend aus Mitgliedern des Orchesters des Zürcher Opernhauses, des Tonhalle Orchesters Zürich und der Camerata Bern. Das dreisätzige Werk trägt den Titel «Ph(r)asen» und kreist um «die Phasenverschiebung und die Überlagerung verschiedener Ebenen», nimmt aber auch auf Elemente zweier hochromantischer Quartette Bezug, die um die Inspirationen der Liebe kreisen: Schumanns op. 41/1 in a-Moll und Janáceks Nr. 2 mit dem Titel «intime Briefe», in welcher der tschechische Tonschöpfer seine blinde und unerwiderte Liebe zur 37 Jahre jüngeren Kamila Stösslowa verarbeitet – indem er die mährische Sprachmelodik in Musik tranformiert.

Dass Hefti der Einstand in der Königsdisziplin der europäischen Kammermusik gelungen ist, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass er für das im November 2007 im Rahmen des Euroart Festivals in Prag uraufgeführten Werk gleich den zweiten Preis des Internationalen Witold-Lutoslawski-Wettbewerbs für Komposition zugesprochen erhalten hat. Ein zweites Quartett, die «Guggisberg-Variationen» hat Hefti übrigens kurz darauf folgen lassen (im Auftrag des Amar Quartetts) und dafür beim internationalen Kazimierz Serocki-Wettbewerb für Komposition letztes Jahr ebenfalls eine Auszeichnung abgeholt.

Das hochklassige, ausgewogen, transparent und dennoch äusserst expressiv aufspielende Merel Quartet bettet Heftis Werk auf seiner CD zwischen die beiden Streichquartette von Schumann und Janácek; es legt damit ein Album mit grosser programmatischer Geschlossenheit vor, das Alt und Neu auf gelungene Art verbindet. Da offenbart sich eine Art innere Verbundenheit, so als ob Schumann mit seinen «Davidsbündlern» dem nachgeborenen Komponisten mit ebendiesem Vornamen bereits einen Platz in seinem Gesellschaftskreis hätte freihalten wollen.

«Ph(r)asen» ist in die drei Sätze «Im Traume», «Ruhelos» und «Silhouette» unterteilt und beweist einmal mehr, wie souverän Hefti mittlerweile mit variantenreichen und subtilen Klangvaleurs emotional geladene Texturen zu erzeugen vermag, aus denen melodische Gebilde heraustreten und sich zu einer zerfurchten, plastischen Klanglandschaft formieren können.

Der Publizist Wolfgang Stähr umschreibt die Techniken, die dabei zum Zuge kommen, im Booklet treffend als Regenbogen-Pizzicati, Sternschnuppen-Glissandi, tonloses Streichen auf dem Steg, ratternden Klang mit zuviel Bogendruck, Schlagen und Klopfen auf Griffbrett, Korpus und Zargen und schliesslich sogar gemeinsames Summen der Musiker. Im dritten Satz löst sich die Struktur in eine einzige «Hülle eines Klanges» auf, so als ob den zuvor beschworenen Landschaften alle darin vorfindlichen Objekte entzogen worden wären.
(wb)


Merel Quartet (Mary Ellen Woodside, Violine; Meesun Hong, Violine; Alexander Besa, Viola; Rafael Rosenfeld, Cello): Robert Schumanns: Streichquartett op. 41/1 in a-Moll, Leos Janácek, Striechquartett Nr. 2 «intime Briefe», David Philipp Hefti: Streichquartett Nr. 1 «Ph(r)asen». Aufgenommen im Dezember 2007 in der Kartause Ittingen, Telos Music Records TLS 104.

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