Eigentlich seltsam, immerhin aufschlussreich für den Stellenwert des hochberühmten Meisters in der Gesellschaft des Barock: Es ist kein gesichertes Porträt Dieterich Buxtehudes (um 1637–1707) bekannt. Kaum denkbar, dass zu seiner Zeit, in der Kaufleute und Geistliche, Offiziere und Ratsherren, Fürsten und deren Mätressen auf Ölgemälden in protzigen Goldrahmen für Nachruhm und Ewigkeit abkonterfeit wurden, ein Genie von europäischem Ruf wie Buxtehude nicht das Interesse eines Porträtisten gefunden haben könnte.
Allerdings gilt als sicher, dass er auf einem (im vorliegenden Band farbig reproduzierten) Gemälde Johannes Voorhouts von 1674, in dessen Mittelpunkt Dieterichs Freund Johann Adam Reincken am Cembalo sitzt, festgehalten ist. Umstritten bleibt jedoch, ob Buxtehude in dieser figurenbelebten Szene als Gambenspieler oder beim Tasteninstrument als sinnierender Zuhörer, vor sich ein Notenblatt, dargestellt wurde. Wie dem auch sei, das gewaltigste Porträt Buxtehudes hat er selbst geschaffen – durch seine Musik.
Vor zwanzig Jahren, aus Anlass seines 250. Geburtstags, legte die amerikanische Musikwissenschaftlerin Kerala J. Snyder eine umfangreiche Publikation unter dem Titel «Dieterich Buxtehude: Organist in Luebeck» vor. Das in Englisch verfasste Buch, aus jahrzehntelanger Forschungstätigkeit, darunter auch viele Erkundungen an den Orten von Buxtehudes Wirken, gewachsen und eine Fülle von Dokumenten und Einzeluntersuchungen auswertend, fand allerdings im deutschen Sprachraum nur in Fachkreisen Eingang.
Jetzt, zur 300. Wiederkehr von Buxtehudes Todesjahr, publiziert der Bärenreiter-Verlag das durch den Bach-Forscher Hans-Joachim Schulze beispielhaft ins Deutsche übertragene Standardwerk. Die Autorin hat es aktualisiert, erweitert (z. B. Verzeichnis der Stimmbücher, Schicksal der Handschriften, zusätzliche Auszüge aus den von Buxtehude geführten Rechnungsbüchern der Lübecker Marienkirche), ergänzt und wo gegeben berichtigt, neue Erkenntnisse verwertet, nach dem Fall der Berliner Mauer zugänglich gewordene Quellen ebenso einbezogen wie jüngere Forschungsbeiträge.
Kerala J. Snyders nun glücklicherweise auch für den deutschen Sprachraum gewonnene magistrale Forschungsarbeit ist ein unverzichtbares Kompendium für alle, die sich, sei es als Musikwissenschaftler, Historiker, Interpreten oder interessierte Laien, einlässlich mit Dieterich Buxtehudes Leben, Schaffen und Wirkung, mit seiner Zeit und praktischen Fragen der Aufführung seiner Werke auseinandersetzen wollen.
Überaus gründlich in Breite und Tiefe geht die Autorin in ihrem an die 600 Seiten umfassenden, illustrierten und mit einer Vielzahl von Notenbeispielen bereicherten Opus ans Werk.
Die vier Kapitel des I. Teils (Dänemark – Lübeck: Die Stadt – Lübeck: Die Marienkirche – Jenseits von Lübecks Mauern) stellen Buxtehudes Biografie vor mit Blick auf die geschichtlichen, sozialen und geografischen Kontexte. Einlässlich dokumentiert werden beispielsweise die Pflichten Buxtehudes als Werkmeister und Organist, die Orgeln, die Liturgie, das musikalische Repertoire, die Institution der Abendmusiken, der Besuch des jungen Bach, die Kollegen in anderen norddeutschen Städten.
In Teil II analysiert Snyder das kompositorische Œuvre: die Vokalwerke und deren Texte, die Kompositionen im gelehrten Kontrapunkt, das Schaffen für Tasteninstrumente und die Sonaten. Damit verbunden ist Teil III, in dem die Quellen von Buxtehudes Werken (autographe Manuskripte, handschriftliche Kopien, Editionen) und Wege zu deren Chronologie vorgestellt und kommentiert sind. Der Aufführungspraxis ist ein eigenes Kapitel gewidmet.
Um diese episch ausgeführten Hauptteile nicht mit Materialien zu belasten, an denen in erster Linie Fachleute interessiert sind, hat die Autorin die Primärquellen im sechsteiligen Anhang zusammengeführt: tabellarische Übersichten über die Kompositionen und die bearbeiteten Choralmelodien, Schriftstücke (Briefe, Gedichte, Widmungen), Hauptquellen (Musikdrucke, Handschriften) und deren Aufenthaltsort, Musikalieninventare von Helsingør und Lübeck sowie eine Auswahl von Texten aus Archivalien und frühen gedruckten Quellen. Den Beschluss bildet die Bibliografie, gefolgt vom Personen-, Orts- und Sachregister. (ws)
Kerala J. Snyder: Dieterich Buxtehude. Leben, Werk, Aufführungspraxis. Übersetzt von Hans-Joachim Schulze. Mit Illustrationen und Notenbeispielen. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2007. 581 Seiten. € 48,95. Fr. 88.10.
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