Gewaltig war sein Ruhm, doch
seine Vita ist voll ungelöster Rätsel. Als Geburtsjahr Dieterich Buxtehudes
gilt (mit dem Unsicherheitsvermerk ca.) 1637. Seine Jugend, Schulzeit und
Ausbildung zum Organisten, Cembalisten und Komponisten liegen im Dunkeln.
Anzunehmen, dass er in Helsingör die Lateinschule besuchte und von seinem
Vater Johann, einem deutschen Organisten (die Mutter war dänischer
Abstammung), unterrichtet wurde. Verbürgt ist, dass Dieterich mit gut
zwanzig Jahren an St. Marien in Helsingborg, dann an St. Marien in Helsingör
als Organist wirkte. 1668 wurde er zum Nachfolger Franz Tunders an St.
Marien in Lübeck, der offiziellen Ratskirche, gewählt. Ususgemäss heiratete
er eine von dessen Töchtern.
Während der Kantor für die Vokalmusik im Rahmen des Gottesdienstes zuständig
war, hatte der Organist Vor-, Zwischen- und Nachspiele zu bestreiten. So
schuf sich Buxtehude, der auch für Musik zu öffentlichen Festen und zu
Begräbnissen zu sorgen hatte, weitere Möglichkeiten, sein Können
einzusetzen: Er gab glanzvolle Orgelrezitals und führte die von Tunder
begründeten, berühmt gewordenen «Abend Musiquen» weiter, die älteste
öffentliche Konzertreihe der Welt.
Buxtehude, als sesshaft geltend, da – erstaunlicherweise für seinen Rang –
keine Reisen bekannt sind, starb 1707 und wurde in der Marien-Kirche
beigesetzt; sie fiel 1942 unter dem Bombenhagel in Schutt und Asche. Zwei
Jahre vor seinem Tod hatte der alte Meister den Besuch eines jungen Kollegen
erhalten: Johann Sebastian Bach weilte für knapp drei Monate zur
Weiterbildung bei Buxtehude in Lübeck.
Was hier nur knapp umrissen ist, es wird in Wort und Musik einlässlich und
faktenreich beschrieben in der künstlerisch apart ausgestatteten CD-Edition
«Königinnen oder Die 7 Rätsel des Dieterich B.». Der äussere Anlass: Im
kommenden Jahr wird des 300. Todestags Buxtehudes gedacht, und dem von der
Kulturjournalistin und Musikwissenschaftlerin Corinna Hesse konzipierten und
verfassten Album kommt insofern offizieller Charakter zu, als es mit
Unterstützung des Komitees Lübecker Buxtehude-Festjahr und der
Internationalen Dieterich-Buxtehude-Gesellschaft erscheint.
Buxtehude und Lübeck sind die beiden Zentren der sechzehnteiligen Hörfolge,
in der Text und Klangbeispiele – Vokal-, Instrumental- und Orgelmusik –
atmosphärisch aufeinander abgestimmt und akkurat verzahnt sind. Der
Schauspieler Christoph Bantzer schildert mit flexiblem Ausdruck wichtige
Momente im Leben und Schaffen des genialen Musikers, aber auch Geschichte
und Schicksal der «Königin der Hanse».
Der Blick weitet sich: in den ganzen Ostseeraum und dessen Jahrhunderte alte
Vergangenheit, in Zeiten von Kriegswirren und Pestzügen, sozialen
Umschichtungen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Revolutionen. Der
Blick vertieft sich: in die Lübecker Bevölkerung, in die
Gesellschaftsstrukturen und -ordnungen, in die Stellung des Menschen im
Dies- und im Jenseits, in religiösen Umbruch, in philosophische
Geistesströmungen und Debatten, in die musikalische Kosmologie, das
städtische Kunst- und Musikleben, in den Übergang von alten zu neuen
Vorstellungen und – als Cantus firmus – in das Schaffen Buxtehudes.
Rätsel faszinieren, beleben die Fantasie, regen an zum Denken, weisen auf
Räume zum Ergründen. Sie öffnen im Fall Buxtehude auch die Neugier, sich
einzulassen auf das Werk des grossen Unbekannten unter den norddeutschen
Komponisten und den Schauplatz seines vierzigjährigen Wirkens. Die
Entdeckungslust zu wecken ist eins der Verdienste dieser vielstimmigen
akustischen Reise in die Vergangenheit einer ehedem mächtigen Hansestadt und
die ungebrochene Wirkungsmacht des Dieterich Buxtehude.(ws)
«Königinnen oder Die 7 Rätsel des Dieterich B.». Lübeck feiert Buxtehude.
Das Hörbuch: Stadtgeschichte – Lebensgeschichte. Text: Corinna Hesse.
Sprecher: Christoph Bantzer. Mit über 60 Musikbeispielen. 80'.
(Silberfuchs-Verlag – Hören und Wissen, Kayhude) www.silberfuchs-verlag.de
Musik in Goodmans Individuenkalkül
Der Individuenkalkül des Philosophen Nelson Goodmans scheint für formale Beschreibungen musikalischer Strukturen wie geschaffen.
Jubiläen 2010
Frédéric Chopin
Ein paar nützliche Links und Codex-flores-Texte zu Frédéric Chopin
01. 06. 2010 Dossier Kulturpolitik Entwurf einer Bundeskulturpolitik Eine eigenständige Bundes-Kulturpolitik ist unerlässlich. Helvetia muss dazu aber ein paar alte Zöpfe opfern.