Gothic und Metal gehören nicht gerade zu den Musikstilen, die der Durchschnittsbürger auflegt, um nach erfüllter Arbeit zu innerer Ruhe zu finden. Es handelt sich vielmehr um Stile, die sich der Umwertung ästhetischer Werte und der Negation des Schönen und Erhabenen verschrieben haben. Die wie weiland Mephisto allem Verneinenden zugeneigte Musik scheint mit rohem Schalldruck das menschliche Mass sprengen zu wollen. Wer nun aber glaubt, dass die in aller Regel konstant schnellen, konstant lauten und konstant hässlichen Beschwörungen von Todessehnsucht und heidnischen Ideologien untrügliche Zeichen von Hirn- und Beziehungslosigkeit sind, muss sich eines Besseren belehren lassen. In den überaus widersprüchlich scheinenden Welten aus Geheimbündlerei, Gewaltfaszination und Todessehnsucht tummeln sich radikale Vegetarier und feinsinnige Intellektuelle genauso wie Gestalten, denen gewisse Ähnlichkeiten mit Borderline-Persönlichkeiten nicht abgesprochen werden können.
Wer die Wirkkräfte hinter dem Phänomen Gothic und Metal besser verstehen will oder – als Pädagoge, als Erziehungsverantwortlicher – muss, dem sei eine Abhandlung ans Herz gelegt, die in knapper Form eine Fülle an teils exklusivem Material zu den Stilen ausbreitet: Das ursprünglich als Magisterarbeit an der Universität Münster eingereichte Büchlein «Menschenverachtende Untergrundmusik?» des Soziologen und aktiven Metal-Musiker Philip Akoto bietet einen authentischen Zugang zu den fremden Klanglandschaften.
Akoto beruft sich bei der Aufarbeitung des Themas auf den kultursoziologischen Strukturalismus Bourdieus und die Kritische Theorie Horkheimers und Adornos. Dabei präsentiert er vornehmlich zwei Ansätze zur Klärung der Frage, weshalb die Genres auf nicht wenige Jugendliche einen so grossen Reiz auszuüben vermögen. Zum einen sollen sie als Subkultur «legitimer Anspruch jugendlicher Proteststrategie gegen das Bürgertum» (33) sein, wobei eben dieses Bürgertum in einem marxistischen Sinne als «Hegemonialkultur der herrschenden Klasse» verstanden wird. Dem Griff in die Mottenkiste klassenkämpferischer Terminologie steht eine These entgegen, die den Begriff der Subkultur überhaupt ablehnt und in dieser Art von Musik den Ausdruck eines entwicklungs- und individualpsychologisch zu deutenden Generationkonflikts sieht. Zentrale Faktoren für die Szenebildung in der Populärkultur werden da zu typischen «Deviationen» der Adoleszenz (38).
Wer das solcherart ausladende Theoretisieren in den ersten drei Kapiteln der Abhandlung als etwas gar jargonbefrachtet und prätentiös betrachtet, den entschädigt das vierte mit einer informativen und nützlichen Übersicht über die verschiedenen Szenen, ihre Geschichte und ihre ästhetischen und soziopolitischen Schattierungen. Akoto schafft es hier, auch Aussenstehenden Charakteristiken und Sinn von Genres und Subgenres von Gothic (mit dem Ableger Industrial) und Heavy Metal (mit den Ausläufern Trash, Death und Black Metal) zu erschliessen – nicht zuletzt mit zahlreichen Beispielen und farbigen Coverfotos.
Einen Vorwurf kann man der Arbeit allerdings nicht ersparen: Dass sich der Metal-Ästhetik auch rechtsradikale Kräfte bedienen – und dies nicht zu knapp –, wird bloss beiläufig in einer Fussnote erwähnt. Mit keinem Wort wird darauf eingegangen, weshalb und wie die unangenehmen Vereinnahmungen des derart artikulierten Lebensgefühls gegenüber den politisch weniger verdächtigen Teilen der Szene abgegrenzt werden könnten. Viele der Rechtsrocker beziehen ihre tatsächlich menschenverachtende Ästhetik nämlich aus den gleichen Wurzeln wie die in dem Büchlein vorgestellten Bands – aus den Anfängen der britischen Punkbewegung.
Inakzeptable Exzesse werden von Akoto einzig mit Blick auf Kirchenbrandstiftungen in Norwegen und Homosexuellenmorde im Umfeld des Black Metal erwähnt. Akotos Erklärung, dass jugendliche Langeweile «gepaart mit einem zu faschistoidem Sozialdarwinismus verklärten Okkultismus» hier «markige Texte von Tod, Heldentum und Christenhass zu blutiger Realität» macht, hinterlässt da in ihrer unterkühlt intellektuellen Art des Referierens ein doch eher seltsames Gefühl im Magen. Man mag nach der Lektüre mit dem Autor einig gehen, dass Gothic und Metal legitime Ausdrucksformen eines nicht minder legitimen Lebensgefühls und damit fester Bestandteil unserer Alltagskultur sind und sein müssen. Dennoch verstärkt der blinde Fleck den Eindruck, dass das Spielen mit destruktiven und totalitären Potentialen in dieser Form der soziologischen Aufarbeitung möglicherweise etwas verharmlost scheinen mag. (wb)
Philip Akoto: «Menschenverachtende Untergrundmusik? – Todesfaszination zwischen Entertainment und Rebellion am Beispiel von Gothic-, Metal- und Industrialmusik», Telos Verlag, Münster 2006, 120 Seiten, 13,80 Euro. Bei Amazon kaufen
Weiteres Buch zum Thema: Reto Wehrli, Verteufelter Heavy Metal - Skandale und Zensur in der neueren Musikgeschichte, Münster: Telos Verlag 2005, 2., erw. Aufl., ISBN 3-933060-15-X (ISBN-13: 978-3-933060-15-0), 741 S., EUR 37,50 Bei Amazon kaufen
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