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25.05.2005
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Koechlins «Chants de Nectaire»

CD-Cover Koechlin: Chant de Nectaire Das «Dschungelbuch» oder die »Seven Stars Symphony» kommen spontan in den Sinn, wenn der Name Charles Koechlins fällt, und möglicherweise Andekdotisches wie das Gerücht, dass der erdige, bärtige Komponist aus seinem Ferienhaus in Südfrankreich alles verbannt haben soll, was die moderne Zivilisation hervorgebracht hat. Seine zugleich komplexen wie filigranen Kontrapunkte brachte er dort dem Vernehmen nach bei Kerzenlicht zu Papier. In Sachen raffinierte und komplexe Klänge hatte der Schüler Faurés und Lehrer Poulencs und Milhauds ein Heimspiel: Der Verfasser einer vierbändigen Instrumentationslehre war unablässig auf der Suche nach Mixturen und Kolorierungen, und auch heute noch gelten seine Fertigkeiten auf diesem Gebiet als singulär.

Die Ironie am Ganzen liegt in der Tatsache, dass der Elsässer, dessen Name nicht etwa «Köchlin» mit «ö», sondern französisch «Kéklin» ausgesprochen werden muss, gerade mit seinen Stärken nie das grosse Publikum zu erreichen vermochte. Möglicherweise schafft es posthum ja ein Werk, das, gerade weil es von Klangmagie und komplexem Kontrapunkt Abstand nimmt, einen Zugang zu seiner Musik öffnet – der Zyklus für Flöte, der als «Chants de Nectaire» eines der ausgreifendsten Solowerke darstellt, das für das archaisch-asketische Blasinstrument im Lauf der abendländischen Musikgeschichte geschaffen worden ist.

Bei Nectaire handelt es sich um den Titelhelden des Romans «La révolte des anges» («Aufruhr der Engel») aus der Feder von Anatole France: Als alter Gärtner verzaubert der als Mönch durchs Mittelalter in die Neuzeit gelangte griechische Gott Pan mit dem Spiel einer einfachen Holzflöte Mensch und Tier.

Das Bild hat Koechlin im hohen Alter von 77 Jahren zu dem drei Bände umfassenden Zyklus mit insgesamt 96 Stücken inspiriert. Die unter dem Titel «Dans la Forêt Antique» in zweiten Band vorfindlichen bringt der Berner Flötist Hans Balmer auf der von Phontastic vertriebenen CD zu Gehör. Aufgenommen worden sind sie in der Kirche Zimmerwald – einem kleinen Bauerndorf nahe der Schweizer Bundesstadt Bern, das, bloss nebenbei bemerkt, durch den Aufenthalt Lenins international bekannt geworden ist. Der Flötist amtete als sein eigener Toningenieur.

Balmer erweist sich als idealer Anwalt der Musik Koechlins. Er verfällt nicht dem Irrtum, dass die Eleganz französischen Zuschnitts, welche der Musik in bester gallischer Tradition eigen ist, Nachlässigkeiten in Gestus oder Rhythmik nahelegen würde. Ganz im Gegenteil gelingt es ihm, die Strenge und Klarheit der Komposition mit einer alles Geschmäcklerische meidenden Geschmeidigkeit zu vereinen und dem immer der Gefahr der Monotonie ausgesetzten ätherischen Klangbild des Instrumentes einen überraschenden Farbenreichtum abzugewinnen. Der Causa Koechlin erweist er damit sicherlich einen wertvollen Dienst.
(wb)


Charles Koechlin: «Les Chants de Nectaire – 2ème série: Dans la Forêt Antique», Hans Balmer, Flöte, Phontastic, www.phontastic.ch

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