«Nur für Erwachsene», herausgegeben von Roland Seim und Josef Spiegel, ist auf der einen Seite eines der unterhaltsamsten, ja witzigsten Bücher der letzten Jahre zur Rock- und Popgeschichte - eine gut recherchierte und redigierte Materialsammlung zu zahlreichen Aspekten der Zensur in der Rock- und Popgeschichte. Dokumentiert wird das notorische Scheitern der bürgerlichen und weniger bürgerlichen Öffentlichkeit beim Verhindern von Provokationen und dem Ausloten von Geschmacksgrenzen. Mit ihr führen der Rock’n’Roll und seine Kinder eine bis auf Diogenes und die antiken Kyniker zurückgehende Tradition des Protestes und des Spottes auf authentische Art weiter.
Erheiternd ist die Komik der Hilflosigkeit, mit der Hüter von Moral und Ordnung immer wieder auf die vermeintlichen Angriffe unter der Gürtellinie reagieren. Die Herausgeber sind sich dieser Seite des Zensur durchaus bewusst und reagieren darauf ab und zu auch mit launisch-ironischem Unterton – etwa, wenn die Heilsarmee aus Protest gegen Gainsbourghs und Birkins legendäres Liebesgestöhne (je t’aime...) «selbst zur Klampfe» griff, «was nicht minder bedrohlich» gewesen sei (175).
Noch witziger ist allerdings in vielen Fällen die kreative Reaktion Betroffener auf gegen sie gerichtete Massnahmen. So liest man etwa mit grössten Vergnügen die Episoden aus dem Katz- und Mausspiel, das Frank Zappa mit den Zensoren immer mal wieder veranstaltet hat (235f), oder amüsiert sich über Janet Jackson, die in einer amerikanischen TV-Show ihr «Nipplegate» als Condoleezza Rice verkleidet neu inszeniert (181f). Darüberhinaus erfährt man, dass Zensur bis jetzt ab und an auch von überraschender Seite durchgesetzt worden ist, etwa vom Dachverband der US-Bestattungsunternehmen, der seinen Mitgliedern verbot, Screaming Jay Hawkins Särge für seine Bühnenshow mit Voodoo-Elementen zu verkaufen.
Das ausgebreitete Material macht aber auch bewusst, wie bösartig, treffend und unglaublich kreativ desktruktive Stile unheilvollerweise sein können. Man muss dann zur Kenntnis nehmen, dass die darauf gemünzten Zensurmassnahmen so peinlich oder dümmlich sind, dass sie automatisch Teil der Agitation werden und sich damit in ihr Gegenteil verkehren.
Gerade weil die Grenzüberschreitungen in der Musikgeschichte tatsächlich mehr als bloss ein werbewirksames Kokettieren darstellen, ist die Auseinandersetzung mit einigen der dokumentierten Fällen aber auch überaus verstörend: Zu einigen der ausgebreiteten Themen – etwa mit pädophilen, rassistischen und rechtsradikalen Anklängen – ist es schwierig, ein distanziertes und entspanntes Verhältnis zu finden.
Einige Dokumente des Buches, die um der Vollständigkeit willen richtigerweise beigesteuert werden müssen, wären in anderem Kontext inakzeptabel. Die Autoren weichen den schwierigen Fragen nach diesen Grenzen des Öffentlichkeitsfähigen nicht aus. In ihrem Vorwort betonen sie, dass «der Versuch einer dokumentarischen Annäherung an die Vielfalt der Themen nicht dazu führen [darf], dass die Dokumentation selbst zum Forum für Inhalte wird, die, das sei klar formuliert, u. E. abzulehnen sind.» Sie empfehlen deshalb auch, Minderjährigen das Buch nicht zugänglich zu machen (5).
In Form und Darstellung haben die Herausgeber den richtigen Ton gefunden, um die ganze Bandbreite ihres Themas abhandeln zu können, ohne in den Verdacht der Sensationsgier oder der Doppelmoral zu geraten. Ihr Buch ist in fünf Teile gegliedert. Im ersten finden sich qualitativ hochstehende Aufsätze zu verschiedenen Aspekten des Themas, etwa zum Phänomen Elvis, dem Verhältnis der Rockmusik zur Obrigkeit, ihrem Umgang mit faschistischen Symbolen und der Zensur in Zeiten des Irakkrieges. Im zweiten, einem Abbildungsteil, werden zahlreiche originale und zensierte Formen von Platten-und CD-Cover einander gegenübergestellt. Der dritte Teil ist eine lexikalisch angeordnete Auflistung von Fällen, vornehmlich aus Deutschland und den angloamerikanischen Staaten.
Andere Regionen, etwa Lateinamerika zur Zeit der Militärdiktaturen, oder der ganze arabische und asiatische Raum hätten sicherlich ihre ganz eigenen Schattierungen zum Thema beisteuern können – so etwa die poetische Verschlüsselung politischer Aussagen in der Musica Popular Brasileira der sechziger und siebziger Jahre oder der schwierige Umgang islamisch geprägter Staaten nicht nur mit Westmusik. Dass eine solche Ausweitung die Ressourcen bei weitem überbeansprucht hätte, ist nachvollziehbar. Leer schlucken dürfte der Leser hingegen, wenn er zur Kenntnis nehmen muss, dass die ganze DDR-Rockmusik in einem Zehnzeilen-Lexikoneintrag abgehandelt wird.
Übrigens: Nebenbei hebt «Nur für Erwachsene» Karlheinz Stockhausen in den Stand eines Rock- und Popkünstlers. Zu diesen Ehren kommt der Avantgardist dank unbedachter Äusserungen über die Attentate des 11. Septembers 2001 («Das grösste Kunstwerk, das man sich vorstellen kann.»). Sie haben ihm unter anderem ein Auftrittsverbot am Hamburger Musikfest 2001 eingebracht. (wb)
Roland Seim, Josef Spiegel (Hsg.): «Nur für Erwachsene. Rock- und Popmusik zensiert, diskutiert, unterschlagen», Telos Verlag, Münster 2004, ISBN 3-933060-16-8
Ausstellung im Rpck- und Popmuseum Gronau zum Buch vom 30. Januar bis 1. Mai 2005. Nähere Infos: http://www.rock-popmuseum.de
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