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06.12.2004
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Martin Stadtfelds Bach

Man muss das Eisen schmieden, solang es heiss ist: Wenige Monate nach seinem Debüt-Album mit der fulminanten und mannigfach hoch gelobten Einspielung von Bachs Goldberg-Variationen (BWV 988) wartet der 1980 in Koblenz geborene Pianist Martin Stadtfeld mit der CD «Bach pur» auf.

Ganz pur (verstanden in der Bedeutung von rein, unverfälscht) ist dieses Bach-Programm zwar nicht. Denn Stadtfeld widmet sich hier auch zwei Orgelchoralvorspielen in Busonis sanfter Bearbeitung (BWV 639 und 734) und dem durch Alexander Siloti in spätromantische Emphase getauchten h-Moll-Präludium aus Teil II des Wohltemperierten Klaviers. Doch die Werkkombination besticht: das Italienische Konzert (BWV 971), die Französische Suite Nr. 2 (BWV 813), die c-Moll-Fantasie (BWV 906), Fantasie und Fuge a-Moll (BWV 944) und die 15 (dreistimmigen) Sinfonien (BWV 787–801), dazu – auf der Bonus-CD – die (zweistimmigen) Inventionen (BWV 772–786).

Seit Tonträger produziert werden, ist Johann Sebastian Bach Garant für grösste Verbreitung im Reich der Klassik-Melomanen. Naheliegend deshalb für Jungstars, sich mit dem Altmeister zu verbünden und die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums und potenter Konzertveranstalter und -manager auf sich zu ziehen. Das ist Martin Stadtfeld, dem Spring-ins-Bach-Feld, quasi über Nacht gelungen; mit seinen Goldberg-Variationen hat er Platz 1 der Klassikcharts erobert. «Bach pur» untermauert den Ruf des Pianisten: Stadtfeld ist ein spieltechnisch unanfechtbarer, inspirierter, persönlichkeitsstarker, witziger Bach-Interpret.

Daran, dass Glenn Gould mit Bach Massstäbe gesetzt hat, kommt ab 1955 (Goldberg-Variationen als Debüt-Platte durch den 22-Jährigen) niemand vorbei: Wer heute Bach auf dem Flügel (ohne Einsatz der Pedale) interpretiert, begibt sich in die handwerklichen und intellektuellen Standards und die Aura des exzentrischen Kanadiers. Gould übrigens ist der Jüngste, dem eine Aufsehen erregende Einspielung der Goldberg-Variationen gelang. Stadtfeld folgt ihm altersmässig auf dem Fuss (und hat manches von Gould übernommen, auch dessen Mitsummen).

Der 25-jährige Rudolf Serkin war der erste, der das Variationen-Werk aufgenommen hat: 1928 auf Welte-Reproduktionsrolle. Die erste Schallplatten-Ausgabe des Opus ist Wanda Landowska zu verdanken, 1933 im Alter von 54; sie hatte in den Zehnerjahren in Berlin als erste Cembalolehrerin an einer deutschen Musikhochschule gewirkt. 39-jährig war Claudio Arrau, als er 1942 die erste Aufnahme der Goldberg-Variationen mit dem modernen Flügel realisierte. Zehn Jahre später folgte ihm die damals 38-jährige Rosalyn Tureck. Heute sind (abgesehen von diversen Bearbeitungen) über vier Dutzend Alben (Cembalo und Klavier) im Handel, beileibe nicht alle so vital und spannend wie die von Martin Stadtfeld. (Keith Jarretts Wiedergabe etwa wirkt im Vergleich wie das beflissene Notenabliefern eines Musterschülers.)

Die meisten CDs – auch die vorliegende – können die immense zeitliche (und dadurch auch emotional stärker beanspruchende) Ausdehnung des Goldberg-Komplexes nicht vermitteln, da es eine nur auf eine einzige CD beschränkte Aufnahme nicht erlaubt, alle Wiederholungen auszuführen. So fällt es dem Belieben des jeweiligen Interpreten anheim, die eine Variation zu repetieren, die andere nicht, was die Relationen innerhalb des Ganzen erheblich verschiebt. Ihre letzte Einspielung der Goldberg-Variationen bei DG (1999) hat die damals 85-jährige Rosalyn Tureck diesbezüglich kompromisslos realisiert: Sie beansprucht denn auch über 90 Minuten. («I don’t play this work as a tour de force, as a dazzling display of technique», äusserte die Bach-Exegetin, «I play it as a life experience.»)

Martin Stadtfelds Bach-Aufnahmen sind geprägt durch ausgefeilte Spieltechnik beider Hände, durch einen Reichtum an Anschlagsnüancen, der minutiöse Artikulation vom strengen Legato bis zum luftigen Staccato ermöglicht und feinste Abstufungen des Klangs und der Dynamik. Die handwerklichen Mittel erlauben ihm ein glasklares, nicht durch Pedaleinsatz getrübtes Spiel, das stets spannungsvoll ist, kantable lyrische Qualität besitzt, aber auch durch vehementen dramatischen Zugriff Aufmerksamkeit heischt.

Selbst auf dieser Stufe der magistralen Klavierbeherrschung nicht alltäglich ist Stadtfelds psychische Präsenz, die phantasiereiche, markante Kontraste favorisierende Auseinandersetzung mit den Partituren. Dass dabei einzelne Effekte nicht immer schlüssig aus der Musik selber zu begründen sind, sondern eher die pianistische Eloquenz und Spiellust herausstellen, überrascht bei einem jungen Instrumentalisten nicht. Oktavversetzungen im Diskant haben es ihm (mit Seitenblick auf das zweimanualige Cembalo) angetan. So ist Stadtfeld der erste, der gleich in den Wiederholungen der Goldberg-Aria die Melodie teils um eine Oktave erhöht – kein Cembalist würde hier zwischen 8- und 4-Fuss wechseln. Und der selbe Effekt, der dann bald einmal an Reiz verliert, bewirkt keine Intensivierung, vielmehr (wie auch in weiteren Variationen mit der gespreizten Distanz zwischen Bass und Diskant zu verfolgen) für mein Empfinden eine Verschiebung in Richtung Verzärtelung, Geziertheit und mechanischer Spieluhr. (Laut Stadtfeld soll dies die um den komponierenden Bach herumtollenden Kinder evozieren.)

In einigen Sätzen (auch auf «Bach pur») überrascht die Wahl höchst forscher Tempi; natürlich faszinieren Perfektion und Rasanz, packt das sprühende Temperament, etwa in der in verwegener Presto-Jagd hingelegten gewaltigen a-Moll-Fuge. Meisterlich beherrscht Stadtfeld die hohe Kunst der Verzierung; seine Praller, Schleifer, Mordente und Triller sind eine Ohrenweide. Erfindungsreich und geschmackvoll macht er von ihnen Gebrauch in Wiederholungen. Aufschlussreiches Beispiel dafür ist die Sinfonia 5, die er in beiden Fassungen, der unverzierten und der dicht ornamentierten, spielt. Durchgängig wach ist Stadtfelds Interesse an origineller reflektierender Auseinandersetzung mit den Partituren – ein brillantes Muster realisiert er mit der Invention 6, in der er bei der Repetition Bass- und Diskantstimme austauscht.

Noch setzt Stadtfeld, der gern auch mit Oktavverdoppelung im Bass die 16-Fuss-Verstärkung des Cembalos imitiert, nicht alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel konsequent ein, um Grossräumigkeit unter gleichzeitiger Variabilität des Klangcharakters und der Dynamik zu schaffen. Dass er die Variation 25 in ihrer gewaltigen Tiefendimension noch keineswegs auszuschöpfen vermag, wird dem jungen Mann niemand ankreiden.
(ws)


Martin Stadtfeld: Bach Pur. (Sony Classical 093536 9; 62’. Limited Edition.
Mit Bonus-CD; 18’)

Bach: Goldberg-Variationen. Martin Stadtfeld, Klavier. (Sony Classical SK 93101; 66’)


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