Höchste Virtuosität ist in der Musik immer mit dem Leibhaftigen, nie mit dem doch omnipotenten lieben Gott in Verbindung gebracht worden. So auch beim «Magier» und «Teufelsgeiger» Niccolò Paganini (1782–1840), der sein Publikum, die Dichter und Maler, die Geiger und Pianisten, die komponierenden Kollegen seiner Epoche mit phänomenalem Spiel und düster-skurrilem Verhalten in Bann schlug.
Der Genueser, der sich das geigerische Metier grossenteils autodidaktisch beigebracht hatte, entzündete Leidenschaften, Bewunderung und Verehrung – Schumann sah in Paganini den «Wendepunkt der Virtuosität», und der 20-jährige Liszt, der Paganini erstmals 1831 in Paris begegnet war, entwickelte eine dem phänomenalen Geiger nachempfundene Spieltechnik auf dem Klavier.
Während das kompositorische Schaffen Paganinis im Konzertleben kaum Spuren hinterlassen hat, geistert der legendäre Geiger bis auf den heutigen Tag in einer Vielzahl von Partituren herum, in der Regel mit nur einem einzigen Werk: der Caprice in a-Moll, op. 1, Nr. 24, für Solovioline. Variationen über das charakteristische Thema stammen u. a. von Nathan Milstein (für Geige), George Ball (Orgelpedal), Joseph Horowitz (Bläser), Brahms (Studien op. 35 für Klavier), Lutoslawski (2 Klaviere bzw. Klavier und Orchester), Boris Blacher (Orchester) und vom Musical-Komponisten Andrew Lloyd Webber (Cello mit Klavier bzw. Orchester). Robert Schumann übrigens versah alle 24 Capricen mit einer Klavierbegleitung.
Zwei Kompositionen haben sich in der Publikumsgunst verankert und im Repertoire gehalten: die Paganini-Variationen von Lutoslawski (1941) und die «Rapsodie en forme de variations sur un thème de Paganini» op. 43 für Klavier und Orchester von Sergei Rachmaninow (1873–1943) aus dem Jahr 1934. Anzumerken ist, dass sich der seit 1917 im Exil in Europa und den USA lebende Russe noch einer weiteren beliebten Anleihe bedient hat: In vier der Variationen zitiert er die gregorianische Totenmesse-Sequenz «Dies irae» (zudem auch in der Sinfonischen Dichtung «Die Toteninsel» und seiner 1. Sinfonie). Rachmaninow ist als Wiederverwerter des «Dies irae» in zahlreicher Gesellschaft: Berlioz, Britten, Chatschaturjan, Henze, Honegger, Liszt, Mahler, Saint-Saëns, Schnittke, Schostakowitsch, Galina Ustwolskaja, Bernd Alois Zimmermann und manch andere zitieren das Motiv.
Der 1972 in Moskau geborene, bei Tatjana Nikolajewa und Sergei Dorensky ausgebildete Pianist Nikolai Lugansky, der sich als Mozart-, Schumann-, Chopin- und Rachmaninow-Interpret profilierte, hat eine Einspielung des Gesamtwerks für Klavier und Orchester von Rachmaninow in Angriff genommen mit den Klavierkonzerten 1 und 3, dem nun, auch bei Warner Classics, seine Interpretation der Rachmaninow-Rhapsodie folgt.
Dem populären letzten Klavierwerk Rachmaninows hat Lugansky die beiden Variationszyklen für Klavier beigesellt: Die Variationen über ein Thema von Chopin op. 22 aus dem Jahr 1903 und die Variationen über ein Thema von Corelli op. 42 von 1931. Die 22 Veränderungen über Chopins c-Moll-Prélude op. 28, Nr. 20, sind in Etüdenart gehalten und in Grossform gegliedert als eine dreiteilige Sonate. Ebenfalls dreiteilig sind die Corelli-Variationen, deren Thema allerdings auf einem seit dem 15. Jahrhundert bekannten und oft zitierten, variierten und paraphrasierten Volkstanz «La Folia» («Folies d’Espagne») beruht; viele Komponisten griffen darauf zurück – Rachmaninow hat das Thema in Arcangelo Corellis Violinsonate op. 5, Nr. 12, entdeckt.
Schönfärberisch zu nennen ist Rachmaninows Aussage, seine Paganini-Variationen seien «tatsächlich ziemlich schwierig»; er (einer der führenden Pianisten seiner Generation) müsse mit Blick auf die Uraufführung anfangen mit dem Üben. Nikolai Lugansky jedenfalls hat so intensiv geübt, dass die horrenden technischen Anforderungen des Parts in seinem Spiel zum faszinierenden ungetrübten Hörerlebnis werden. Sein Anschlag besitzt Leichtigkeit und Eleganz, verfügt über eine breite Palette an Nüancen vom Scherzando bis zum Maestoso, vom hingetupften Leggiero bis zum energischen Martellato. Der virtuose Impetus, die pointierte Rhythmik und die klangliche Transparenz finden ihre Entsprechung im City of Birmingham Symphony Orchestra, das vom Finnen Sakari Oramo zu differenzierter, eng mit dem Solisten korresponierender Gestaltung angeleitet wird.
Vitalität und Lyrik, Kraft und Poesie zeichnen auch die Interpretationen der beiden Solowerke aus. Lugansky gliedert die Kleinform, die einzelnen in ihrer Charakteristik betonten Variationen, einer das ganze Werk durchziehenden grossräumigen Entwicklung ein und erweist sich auch hier als ein Meister im Beherrschen der Klangräume und Klangschichten. (ws)
Rachmaninov: Rhapsody on a Theme of Paganini. Variations on a Theme of Corelli. Variations on a Theme of Chopin. Nikolai Lugansky, Klavier. City of Birmingham Symphony Orchestra. Leitung: Sakari Oramo. (Warner Classics 2564 60613-2; 74’)
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