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Heinrich Schenker: Das Meisterwerk in der Musik (1925)
In allen Musikgeschichten wird Rameaus Abhandlung «Von der Harmonie» aus dem Jahre 1722 angeführt und als eine entscheidende Grosstat auf dem Gebiete der Musiktheorie gefeiert. Als deren Inhalt wird ungefähr die neue Lehre vom Grundbass und den Umkehrungen eines Akkordes, vom Terzenaufbau der Akkorde und ihren harmonischen Beziehungen angegeben.
Noch aber hat kein Musikhistoriker, auch kein Musiktheoretiker erkannt, dass um eine Zeit, da Seb. Bach und Händel noch lebten, Mozart und Beethoven aber noch gar nicht geboren waren, mit jener Lehre schon der Todeskeim in die Theorie und mittelbar in die Komposition eingedrungen ist!
Seit der Kontrapunkt in die Musik getreten ist, eine Begnadung des Abendlandes vor den Völkern aller Zeiten, zieht durch die Geschichte des musikalischen Satzes ein Ringen zwischen der horizontalen und vertikalen Richtung. Bedeutete es gewiss schon einen Fortschritt, wenn man von den ersten kontrapunktischen Versuchen in Organum, Diskant und Fauxbourdon zum Dreiklang (5 8) als der natürlichen Ordnung der Vertikale vordrang, so gereichte die nur mechanische Auswertung dieses Gesetzes auf die Dauer doch der Horizontale zum Schaden: Wo sonst eine solche Dreiklangs-Satzechnik für eine Horizontale nur mässigen Umfanges und einer allereinfachsten Diminution noch unschädlich war (unter gleichen Umständen ist sie ja auch heute noch anwendbar), wird dagegen duch die Überbetonung der Vertikale sowohl der Komponist im Schaffen grösserer Entwürfe der Horizontale wie auch der Hörer im Erfassen grösserer Zusammenhänge behindert.
Heinrich Schenker, Das Meisterwerk in der Musik, München 1925, Anhang «Rameau oder Beethoven», Seite 11
Kommentar: Schenker - durch sein hierarchisches Modell musikalischer Strukturen bekannt geworden - sieht den Kontrapunkt als Gefahr für das melodische Denken und Strukturieren. Seine Kritik, die nur mit Blick auf seine eigene Auffassung der Musikgeschichte verstanden werden kann, übersieht, dass mit Rameau das kontrapunktische Zeitalter bereits verlassen wurde. Der Bachsche Kontrapunkt bleibt nach Rameau ein typisch deutsches Phänomen (Brahms - Bruckner - Wolf, Reger - Schönberg...). Das Argument mit der «mechanischen Auswertung» ist näher betrachtet leer, weil der Schaden im «mechanisch» bereits enthalten ist. Die Frage bleibt demnach, ob das Gesetz später tatsächlich mehr und mehr mechanisch ausgedeutet wurde. Dies ist jedoch nicht der Fall.
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