Codex flores

02.02.2006
Virtuose Orgel: Iveta Apkalna, Andrew Dewar
Erstaunlich ist nicht etwa, dass die lettische Konzertorganistin Iveta Apkalna für ihre CD «Himmel & Hölle» mit dem Echo-Klassik-Award der Deutschen Phono-Akademie neben vier anderen mit dem gleichen Titel Ausgezeichneten zur Instrumentalistin des Jahres 2005 erkoren worden ist. Zu denken gibt, dass in der Geschichte des 1992 ins Leben gerufenen Preises erstmals überhaupt die Orgel berücksichtigt wurde.

Trotz ihrer Opulenz und ihrer Blickfang-Präsenz als grossbürgerliche Pièce de résistance hinter dem Podium repräsentativer Konzertsäle gilt die Orgel noch in weiten Publikumskreisen – und unter der Mehrzahl der in der Regel in kirchlicher Anstellung stehenden Organisten – als primär sakrales Instrument im Dienst der Gläubigen. Entsprechend liegt der Akzent des Repertoires denn auch im gottesdienstlichen Bereich. Anzumerken ist, dass der neueren Orgelmusik, die seit den Sechzigerjahren international ins Interesse der Komponisten rückte, überwiegend weltliche Funktion zukommt. (Natürlich ging sie dabei ihrer Bindung an die jahrhundertelange Tradition nicht verlustig.)

Nun ist nicht jeder Spieler ein Hexenmeister auf Manualen und Pedal, und auch wer sich das Rüstzeug erarbeitet und mit einem gefeierten Pianisten oder Geiger oder Sänger vergleichbare Souveränität errungen hat, kann sich seinen Lebensunterhalt kaum mit Konzerten und Einspielungen sichern.


Rezital in Stuttgart

Eine, die den unkonventionellen Weg dazu eingeschlagen hat, ist die 1976 in Lettland geborene Organistin (und Konzertpianistin) Iveta Apkalna. Sie studierte in ihrem Heimatland, bildete sich weiter in London und Stuttgart und heimste etliche bedeutende Preise für Klavier- und Orgelinterpretation ein. In ihren beiden bei der Edition Hera, Stuttgart, erschienenen CDs distanziert sie sich beherzt von gängigen Erfolgsrezepten (nach dem Muster: bekannte Kompositionen, dazu ein, zwei kurze modernere Alibistücke) und setzt auf Unbekanntes mit Betonung des Virtuosen.

Zwar bilden im Album «Iveta Apkalna live» Bach das Zentrum (Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542) und Liszt den Auftakt (Präludium und Fuge über B-a-c-h), doch werden sie kontrapunktiert mit einem Werk ihres 1949 geborenen Landsmanns Péteris Vasks («Viatore»), mit dem Finale aus «Hommage à Strawinsky» des in Paris lebenden Libanesen Naji Hakim (geb. 1955) und mit dem letzten Teil der Trilogie «Satyagraha» des Amerikaners Philip Glass. Der Konzertmitschnitt (samt Applaus) stammt aus der Johanneskirche Stuttgart.


«Himmel & Hölle»

«Himmel & Hölle»: ein Titel, der animiert, sich akustisch auf Dantes Spuren zu begeben. Auch hier, wie in aller Kunstäusserung, erweist sich, dass die Attraktivität des Himmels von jener der Hölle in den Schatten gestellt wird, der Reigen seliger Geister allemal fader anmutet als der Walpurgisnacht-Taumel, die Scharen der im Jüngsten Gericht in Luzifers Rachen Geworfenen den Blick nachhaltiger fesseln als die weissgewandeten Erlösten.

Verbindendes Element zwischen oben und unten ist die Virtuosität, die horrende Ansprüche stellt an Hand- und Fussarbeit; zudem verlangen die Werke eine ausgeklügelte, selbst im opulentesten Gewoge die Klarheit der Harmonik und der Linienverläufe sichernde Artikulation und Klangregie. Für Iveta Apkalna ist das alles mühelos zu realisieren – ihrem glanz- und charaktervollen Spiel, das nicht zuletzt ein junges, orgelungewohntes Publikum begeistern will, mangelt es weder an technischer Souveränität und extravertierter Spielfreude noch an intellektueller Präsenz und emotionaler Kraft.

Für die luftige Sphäre stehen Werke des 1951 geborenen Letten Aivars Kalejs (Toccata über den Bach-Choral «Allein Gott in der Höh’ sei Ehr») und von Liszt (zwei transkribierte Franziskus-Legenden), für die zum Kreis der Schattenwelt gehörenden Bereiche Kompositionen von Petr Eben (Walpurgisnacht aus dem Faust-Zyklus), Maurice Duruflé (Toccata aus der Suite op. 5), Prokofiew (Toccata op. 11 und Marsch aus der Oper «Die Liebe zu den drei Orangen», transkribiert von Jean Guillou), dazu die für Pedal solo geschriebenen Études-Caprices von Naji Hakim und die Paganini-Variationen von George Thomas Thalben-Ball – leichtfüssig rasante Pedaltasten-Zaubereien. Die Rieger-Orgel der Pfarrkirche St. Martin, Wangen im Allgäu, bewährt sich brillant.


Romantische Raritäten

Einen ähnlichen, ins Irdische transformierten Titel trägt das Album des 1981 in Grossbritannien geborenen Andrew Dewar: «Triumph and Tribulation» (Triumph und Trübsal). Noch weniger zwingend ist der Untertitel «Ein Porträt der deutschen Romantik», denn die ist doch facettenreicher als hier mit den Namen Gustav Merkel, Franz Liszt, Carl Reinecke und Max Reger suggeriert wird.

Dewar, der in seiner Heimat an Orgel und Cembalo ausgebildet wurde, in Stuttgart sein Studium fortsetzt und eine bereits mit Preisen ausgezeichnete Karriere verfolgt, überzeugt an zwei grossen Orgeln von Schramberg (Schwarzwald) durch klare Gliederung und farbenreiche Registrierung, durch agogische Finessen ohne aufweichende Rubati und – wo angebracht – quasi improvisatorischen Schwung.

Eine wertvolle Repertoirebereicherung bietet der Interpret mit Reineckes Orgelsonate op. 284 (in digitaler Ersteinspielung). Ebenfalls auf der klanglich kernigen Späth-Orgel der Heilig-Geist-Kirche widmet er sich drei Sätzen aus den Zwölf Stücken op. 65 von Reger. Über ein weniger transparentes Klangbild verfügt die Orgel der Sankt-Maria-Kirche von Schramberg – allerdings vermag auch Gustav Merkels Opus 45 (Variationen über ein Thema von Beethoven) trotz überlegener Gestaltung durch den Organisten nur phasenweise zu fesseln. All seine Qualitäten spielt Andrew Dewar in Liszts Variationen über «Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen» aus.
(ws)

Iveta Apkalna live. Werke von Liszt, Vasks, Bach, Hakim und Glass. Konzertmitschnitt aus der Johanneskirche Stuttgart, Orgel von Friedrich Weigle. (Edition Hera 02114; 64’)

Himmel & Hölle. Iveta Apkalna spielt Orgelwerke von Liszt, Kalejs, Eben, Hakim, Duruflé, Prokofiew, Thalben-Ball. Rieger-Orgel der Pfarrkirche St. Martin, Wangen/Allgäu. (Edition Hera 02117; 72’) Bei Amazon kaufen

Triumph and Tribulation. Andrew Dewar spielt an der Walcker-Orgel der Sankt-Maria-Kirche, Schramberg, Werke von Merkel und Liszt, und an der Späth-Orgel der Heilig-Geist-Kirche, Schramberg, Kompositionen von Reinecke und Reger. (Edition Hera 02118; 70’) Bei Amazon kaufen

© www.codexflores.ch