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20.07.2012Druckansicht
Don Giovanni aus Baden-Baden

Das Festspielhaus Baden-Baden, nach Eigendefinition die «erste privat finanzierte Kulturinstitution Europas», muss sich etwas einfallen lassen, um über die Runden zu kommen. Da gibt’s Winter-, Pfingst-, Sommer- und Herbstfestspiele und dank Verhandlungsgeschick (und Dissonanzen in Salzburg) wird es ab 2013 auch Osterfestspiele mit den Berliner Philharmonikern geben.

Regelmässig muss da Spektakuläres geboten werden: So schloss im Juli 2011 das Haus seine Saison denn auch mit einer konzertanten «Don Giovanni»-Aufführung ab, deren sängerische Besetzung wie ein Who is Who der populärsten Weltstars anmutet: Diana Damrau, Joyce DiDonato, Mojca Erdmann, Rolando Villazón, Ildebrando D’Arcangelo, Luca Pisaroni, Vitalij Kowaljow und Konstantin Wolff gaben sich die Ehre.

Es dirigierte der 37-jährige Kanadier Yannick Nézet-Séguin, der gerade die Leitung des Philadelphia Orchestras übernimmt und zudem unter die Fittiche der Deutschen Grammophon genommen worden ist. Er soll offenbar zum musikalischen Global Leader einer jüngeren Generation aufgebaut werden. Als Orchester stand ihm in Baden-Baden für die Mozart-Oper das Mahler Chamber Orchestra zur Verfügung.

Das Ensemble habe unter Claudio Abbado und Daniel Harding den «Don Giovanni» schon ein halbes Hundert mal gespielt, steht im Booklet, Nézet-Séguin entwickle aber neue Tempi, einen volleren Sound und eine «grossformatige» Akustik. Die Charakterisierung scheint nicht ganz falsch, Man hat allerdings den Eindruck eines flächigen, streckenweise atemlosen und knalligen Klanges, dem der Charme des Theatralischen eher fehlt. Wer Mozart-Opern lieber in tiefenscharfem, feingezeichnetem kammermusikalischem Stil mag, wird hier kaum auf die Rechnung kommen.

Die Idee zum Mozart-Zyklus gehe auf einen Wunsch Rolando Villazóns zurück, der sich offenbar durch alle Stile hindurchtastet und zwischen Barockem, Populärem und Klassischem hin- und herschwankt, um endlich seine sängerische Heimat zu finden. Sein Don Ottavio vermag durchaus zu gefallen. Ildebrando d’Arcangelos Don Giovanni hingegen wirkt immer mal wieder forciert-voluminös, Mojca Erdmann dafür als Zerlina streckenweise etwas spitz oder eindimensional. Die Einspielung des Zyklus als Referenzaufnahme mit demjenigen Böhms aus den 1960- und 70er-Jahre zu vergleichen, wie dies die Deutsche Grammophon tut, bleibt damit vorerst zumindest sehr ambitioniert.

Bereits ist vor einigen Tagen die zweite Mozart-Oper über die Baden-Badener Bühne gegangen: «Cosí fan tutte», mit dem Chamber Orchestra of Europe und erneut mit Rolando Villazón und Mojca Erdmann. Mit Adam Plachetka, Alessandro Corbelli, Angela Brower und Miah Perssons sind dazu eher der Fachwelt und weniger dem breiten Publikum bekannte Interpreten zu hören, ein Line-up wie dasjenige des «Don Giovanni» lässt sich vermutlich weder finanziell noch terminlich durchziehen. Das Orchester ist eine Gründung ehemaliger Mitglieder des European Community Youth Orchestra (ECYO). Das ECYO war wie das Mahler Chamber Orchestra eine Gründung Claudio Abbados. (wb)

Mozart: Don Giovanni. Mahler Chamber Orchestra, Yannick Nézet-Séguin (Leitung), Ildebrando D'Arcangelo, Rolando Villazón, Diana Damrau, Mojca Erdmann, Luca Pisaroni, Joyce DiDonato, Aufnahme aus dem Festspielhaus Baden-Baden. 3 CD, Deutsche Grammophon/Universal, Best.-Nr. 477 9878



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