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19.08.2011Druckansicht
Julia Fischer und die Farben des Herbstes

Der Vorbote des Herbstes ist das Licht, das im Moment am Morgen nebliger scheint, als es an Hochsommertagen sein müsste. Der August neigt sich ja auch seinem Ende zu. In fahles Licht getaucht ist auch das Porträt der Geigerin Julia Fischer auf dem Booklet der CD «Poème», das ein anderes Herbstporträt eröffnet, Ottorino Respighis Poema autunnale. Fischer lächelt uns auch auf den Seiten zwei und vier raumfüllend im Halbprofil an, was fast so etwas wie eine Art Daumenkino ergibt. Die wechselnden Gesichtsausdrücke scheinen uns da ebenfalls einen lyrischen Aphorismus vorzutragen.

Auch Respighis faszinierender Einsätzer erzählt hier ungewollt eine Geschichte, eine herbstliche, von Vergehen und Sterben. Julia Fischer schreibt im Booklet, eigentlich habe sie das Werk bereits Ende der 1990-Jahre einspielen wollen, dann sei aber der vorgesehene Dirigent Giuseppe Sinopoli verstorben. Der Tod überschattet auch die nun im November vergangenen Jahres erfolgte Aufnahme. Ihr Dirigent Yakov Kreizberg ist nur wenige Monate nach der Studioarbeit – im März dieses Jahres im Alter von erst 51 Jahren – ebenfalls verstorben.

So ist die CD fast zu einer Art Vermächtnis für den guten Freund und Mentor Fischers geworden. Es finden sich darauf neben dem musikalischen Gedicht Respighis die Fantasie in d-Moll seines tschechischen Zeitgenossen Josef Suk, das Poème op. 25 des Franzosen Ernest Chausson und The Lark Ascending des Briten Ralph Vaughan Williams, die beide ebenfalls zwischen Fin de Siècle und Weltkriegswirren mit Tinte und Notenpapier laboriert haben.

Das Programm überrascht etwas, Fischer neigt diskographisch sonst eher zu heimatlicher Kost – Brahms, Bach, Mozart sind ihre Favoriten, daneben einige Russen. Fischer macht im Booklet allerdings eine interessante Bemerkung, die ähnliche Einschätzungen von Szenekennern bestätigen (siehe Codex-flores-Interview mit Mischa Damev): «Das Repertoire», so Fischer, «ist geschrumpft, wenn man sich ansieht, was Jascha Heifetz oder David Oistrakh für Konzerte gespielt haben». Auch Rezitalprogramme seien klischeehaft und sonatenfixiert geworden, wenn man Kreisler spiele, glaubten die Leute, man meine es nicht ernst.

Lyrisches steht nicht so hoch im Kurs, das Album ist deshalb mutig, was sich die populäre Violinistin allerdings erlauben kann. Und wie schafft man eine lyrische Atmosphäre? Mit Doppelgriffen! meint Fischer. Respighi und Vaughan Williams nutzen den technischen Kunstgriff (!) geschickt, und Chausson kreiert damit in einer Kadenz «seltsame Harmonien», die «sehr melancholisch und interessant» klingen.

Fischers Persönlichkeit hat (auch mit Doppelgriffen) nichts von der ungreifbar-verfliessenden Unfassbarkeit spätromantischer Innerlichkeit. Sie setzt hier - zusammen mit dem wunderbar subtil und harmonisch mitgestaltenden Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo - Massstäbe. Sei’s in technischer Hinsicht, sei’s aber auch in expressiver. (wb)

Julia Fischer: Poème. Werke von Ernest Chausson (Poème op. 25), Ottorino Respighi (Poema autunnale), Joseph Suk (Fantasie d-Moll) und Ralph Vaughan Williams (The Lark Ascending). Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo, Yakov Kreizberg (Leitung). Decca/Universal, Best.-Nr. 478 2684.

Zu beziehen bei:




Rena Kaufmann CD
Fraumünsterstrasse 9, Zürich



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