In den letzten Jahren ist mit Blick auf die Musik der Vorklassik ein verstärktes Interesse an einem Instrument zu beobachten, das sonst eher mit französischem Impressionismus oder lateinamerikanischen Strassenmusikern assoziiert wird. Da gibt's dann auch Gewagtes. Als mutig zu bezeichnen ist etwa eine Interpretation von Bachs Goldberg-Variationen der walisischen Harfenistin Catrin Finch (siehe Codex-flores-Rezension). Neueren Datums ist eine Aufnahme der Geigerin Lara St. John und der Harfenistin Marie-Pierre Langlamet der Violinsonaten des Thomaskantors mit der Harfe statt des Cembalos als Continu...weiter
Formung und Form in der Musik – eine akademisch theorielastige Angelegenheit? Weit gefehlt, denn Reinhard Amon hat das Feld in seiner ganzen Breite so klar ausgeleuchtet, die Fülle des Stoffes so anschaulich aufbereitet, dass das einlässliche Studium wie auch das Nachschlagen zum Gewinn und dank schlüssiger Umsetzung der detailreichen Materie zum optischen Genuss wird.
Reinhard Amon (Jg. 1960; sein ebenfalls bei Doblinger erschienenes Lexikon der Harmonielehre wurde 2006 mit dem Deutschen Musikeditionspreis ausgezeichnet) bringt in den vorliegenden Band seine Erfahrung auf verschiedenen Stufen und Bereichen ein: als Musikle...weiter
1964 startete EMI Records eine in verschiedener Hinsicht magistrale Unternehmung: The Great Cathedral Organ Series. 1971 war die Reihe mit der 19. Langspielplatte abgeschlossen. Nun liegt die Serie in einer Box mit 13 CDs wieder vor.
Produzent Brian B. Culverhouse, selber Organist, realisierte in sieben Jahren eine repräsentative Bestandesaufnahme der englischen Orgellandschaft. Drei Aspekte prägen die Reihe: Instrument, Interpret, Repertoire. Herausragende Organisten Grossbritanniens spielten auf bedeutenden Kathedralorgeln Werke vom Barock bis zur Moderne der Sechzigerjahre, darunter eine grosse Zahl von Kompositionen englischer...weiter
Hand in Hand mit seiner unerschütterlichen Bindung an die Tradition ging eine phänomenale Leichtigkeit des Komponierens: Josef Gabriel Rheinberger (1839–1901) bediente mit seinem immensen Œuvre alle Gattungen. Unter den Organisten besitzt er seit jeher einen klangvollen Namen, verdanken sie Rheinberger doch 20 qualitätvolle Sonaten in der Nachfolge Mendelssohns.
Kaum ein Pianist dagegen kümmert sich um das Klavierwerk des in Vaduz geborenen Liechtensteiners, der bereits mit 12 Jahren als Musikstudent nach München kam, das zu seiner Wahlheimat wurde. Dass sich in diesem Korpus manches Juwel verbirgt, beweist die erste Gesamteins...weiter
In Brasilien war er verwurzelt, in Paris lernte er den Geist der neuen Zeit kennen. Als Brückenbauer zwischen den Traditionen seiner Heimat und der europäischen Kunstmusik entwickelte Heitor Villa-Lobos (1887–1959) seinen ureigenen Stil, befruchtet durch die Volksmusik aus verschiedenen brasilianischen Provinzen und die Techniken abendländischer Musik vom Barock Bachs bis zur Moderne der Groupe des Six und Strawinskys.
In der Seine-Metropole, wo er 1923 und von 1927 bis 1930 gearbeitet hatte, ins kulturelle Leben eingetaucht und mit seinen folkloristischen Kompositionen auf zunehmende Beachtung gestossen war, bot ihm das Label Path...weiter
Der Geigenbauer Mark
Wilhelm erörtert
ergonomische Probleme
von Streichern
(Bild: Codex flores)
Im Rahmen des 9. Symposiums der Schweizerischen Gesellschaft für Musikmedizin (SMM) und der Schweizerischen Interpretenstiftung (SIS) widmeten sich in den Räumlichkeiten der Hochschule der Künste Bern (HKB) Fachleute «ergonomischen Aspekten der Musikausübung».
Die Veranstaltung wurde am 22. Oktober in Zusammenarbeit mit der HKB, dem Schweizerischen Musikpädago...weiter
An seinen ersten offiziellen Auftritt vor Publikum – 1982 bestritten die zwei Jahre zuvor gegründeten Singphoniker ihr Premieren-Konzert mit einfach nur Liedern – erinnert das Münchner Männersextett mit einer CD unter dem augenzwinkernden Titel «…just songs!». Wer einige der bisher dreissig Einspielungen dieser Vokalvirtuosen kennt (die Besetzung hat sich nach und nach erneuert), weiss um die exzellenten stimmlichen und gestalterischen Qualitäten und um die stilistische Vielseitigkeit, dank der die Singphoniker Vokalwerke von der Gregorianik bis zu Jazz und Pop mit unnachahmlicher Souveränität, mit Enthusiasmus und untrüglichem Gespür für die At...weiter
Mit Oper beginnt’s, mit Oper endet’s, Etwas Ästhetik des Teatro lirico scheint aber auch den Rest des Programmes zu prägen. Ursprünglich war vorgesehen, das Konzert des Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino in Bern unter Leitung Zubin Mehtas mit einem Konzert für vier Violinen und Orchester Vivaldis beginnen zu lassen.
Dann liess jedoch Beethovens «Egmont»-Ouvertüre den virtuellen Vorhang im Berner Kultur-Casino hochgehen, und der Klangkörper aus der lichtdurchfluteten Toscana offenbarte gleich einmal viel sinnlichen Charme, mit seidigen Streichern, weichen, aber wohl konturierten Bläsern und einer präzisen, eher durchsichtigen Musikantik. Die dynamischen Extreme, das Kantige...weiter
Die Hochschule Luzern bietet seit einigen Jahren einen Nachdiplomkurs «Schweizer Volksmusik» an. Er ist schon mit dem ersten Jahrgang zum Schmelztiegel einer inspirierten, undogmatischen und lustvollen neuen Generation von Musikern geworden, die genau das tun, was authentischen Formen der Volksmusik eigen sein sollte: Sie mischen spontan und eklektisch Einflüsse, Ideen, Anregungen aus allen Ecken und Enden der Welt (oder auch nur der Schweiz) – ohne das historische Wissen und Repertoire zu ignorieren.
Sehr erfolgreich geht die Gruppe Rämschfädra – der Name bezeichnet im Walliser Dialekt den Löwenzahn – diesen Weg. Mit F...weiter
Kritisches Nachdenken über Franz Schubert: Gernot Gruber, der österreichische Musikwissenschaftler, der in München und Wien lehrte, Mitherausgeber der dreibändigen «Musikgeschichte Österreichs» und renommierter Mozart-Kenner, nähert sich Schubert in zwei Aspekten. Im ersten Teil befasst er sich mit der Biografie («Schubert in seiner Lebensgeschichte»), im zweiten mit der kompositorischen Entwicklung, mit Wesen und Gehalt des Werks («Schubert in seiner Musik»).
Zum einen geht es dem Autor um die Sichtung der überlieferten Lebens- und Schaffensumstände. Er nähert sich Schubert, seinem «relativ geschlossenen kulturgeografischen ...weiter
Heute jährt sich der Geburtstag Friedrich Nietzsches (1844-1900) zum 167. Mal. Es ist ein unrundes Jubiläum, das eigentlich nicht unbedingt der Erwähnung wert ist. Da passt es auch, eine Gesamteinspielung der Klavierwerke des Philosophen vorzustellen. Die kompositorischen Skizzen und klangdichterischen Versuche, die der Wagner-Apologet hinterlassen hat, haben nämlich eine Bedeutung für sein Gesamtwerk, die dem eher beiläufigen Jubiläum durchaus entspricht.
Vielen dürfte kaum präsent sein, dass Nietzsche auch Musik geschrieben hat. Überliefert sind Lieder und Soloklavierwerke. Der Philosoph selber schätzte seine kompositoris...weiter
Sie mögen in ihrer Biografie, den zeitbedingten Hintergründen und in ihrem Schaffen noch so verschieden sein – gemeinsam ist den Zeitgenossen Rautavaara und Schnittke die stilistische Vielfalt, die Synthese von Stilen in persönlicher Art.
Die Wege des Finnen und des Russen führten von Spätromantik und Neoklassizismus über die Dodekaphonie und serielle Methoden zu polystilistischen Techniken. Und beide bringen, offen für Grenzüberschreitungen, Elemente aus der Unterhaltungsmusik, der Volksmusik und dem Jazz ein.
Doch während Einojuhani Rautavaara, 1928 in Helsinki geboren, sein Œuvre unbeengt von politisch gest...weiter
Eigentlich hätte der Oboist Heinz Holliger das Zürcher Tonhalle-Orchester auf der ersten Tournee der Migros-Kulturprozent-Classics der Saison 2011/12 begleiten sollen. Der renommierte Musiker ist allerdings krank. Er musste schon auf die Teilnahme an einem Jubiläumskonzert zu seinen Ehren des Lucerne Festivals im Sommer 2011 verzichten. Er hätte das Oboenkonzert von Richard Strauss von 1945 interpretiert, was in Kombination mit Mahlers 1904 uraufgeführten Fünften eine Art Ecksprung durch den Herbst der deutschen Spätromantik ergeben hätte. Statt Strauss gab’s nun Schuberts «Unvollendete» und damit eine ganz andere, aber nicht minder anregende Programmidee.
Die Swiss Jazz School ist stolz darauf, als erste autonome Jazzschule Europas zu gelten, an der bereits gegen Ende der 1960er-Jahre ein kontinuierlicher Jazzunterricht angeboten wurde. Dass sie in ihren Gründungsjahren massgeblich vom damaligen genossenschaftlichen Coop-Freizeitwerk, einem Pendant zur Migros Klubschule, getragen wurde, weist auf eine weitere Eigenheit der Schweizer Kulturförderung hin. Die Swiss Jazz School, die heute Teil der Berner Hochschule der Künste ist, hat die Schweizer Jazzszene nachhaltig beeinflusst.
Was für eine vielfältige Ausstrahlung die Institution gehabt hat, dokumentieren zwei CD, die ein Lic...weiter
Grenzüberschreitungen öffnen Wege, führen zu weiträumigen Umblicken, zu neuen Einsichten, denken zusammen, was bislang getrennt war. Die 20 Beiträge im Band «Dialoge und Resonanzen» belegen dies; sie brechen mit abgeschlossenen Ordnungssystemen, mit der zementierten Trennung von «hohen» und «niederen» Regionen, mit der Beschränkung auf geografische Grenzen, auf einzelne Epochen, Gattungen und Künste.
«Musikgeschichte zwischen den Kulturen» (Untertitel) spürt den Verflechtungen und Vernetzungen nach, widerspiegelt Rezeptionsgeschichte und zeigt in den fünf Teilen, wie ertragreich Dialoge von Kompositionen mit Literatur und bildender...weiter
Pierre Boulez diskutiert mit Academy-Studentinnen.
(Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)
Mit einem grossen Abschlusskonzert hat die Lucerne Festival Academy ihre Tätigkeiten am Lucerne Festival 2011 abgerundet. Es illustrierte das Paradoxe am Anspruch des Festivals, auch die zeitgenössische Musik intensiv pflegen zu wollen.
«Nacht» war das ja nicht, eher die Stunde sonntäglichen Gottesdienstes braver Bürger. Das Motto von Lucerne Festival 2011 –...weiter
Charlotte Hug vor Beispielen ihrer «Son Icons»
(Bild: Lucerne Festival/Alberto Venzago)
Die Schweizer Bratschistin, Komponistin und Medienkünstlerin Charlotte Hug ist heuer Artiste étoile von Lucerne Festival. Es hat die Künstlerin unter anderem mit der Uraufführung einer Kollektivimprovisation gewürdigt, die grundsätzliche Fragen zur Identität von Kunstwerken aufwirft.
Die Konzept-Komposition «Nachtplasmen» hat Charlotte Hug als Dirigentin mit Mi...weiter
Handbuch: eine bequem in der Hand zu haltende Buchgrösse. Jacob und Wilhelm Grimm notierten in ihrem Deutschen Wörterbuch Mitte des 19. Jahrhunderts: «buch von mäszigem umfang, zum leichten gebrauch, entweder um hinein zu schreiben oder darin zu lesen: hantbuoch, manuale, liber qui frequenter manu portatur.» Der Sinn hat sich gewandelt: Das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) vermerkt: «Buch, das kurz gefasst den gesamten Stoff eines Wissensgebietes in wissenschaftlicher Form darstellt.»
«Kurz gefasst»? Zwar hat das Handbuch trotz zugelegtem Gewicht sein handgerechtes Format bewahrt, doch wuchs das Wissen auf allen Gebieten nach und nach ins kaum Überblickbare an...weiter
Auf den vor einem Jahr erschienenen Band über den 1902 in Berlin geborenen, 1972 in New York verstorbenen Stefan Wolpe mit vier seiner Vorträge folgt nun ein Doppelband mit Aufsätzen und Werkanalysen führender Wolpe-Forscher über Aspekte des facettenreichen kompositorischen Schaffens.
Eine Verbindung zwischen beiden Bänden schaffen vier Gedichte Wolpes, kommentiert durch Austin Clarkson. – Den Spannungen zwischen Text und Musik und der stilistischen Vielfalt in Wolpes fünf Hölderlin-Liedern (1924–1927) geht Larson Powell nach. – Wolpes vollchromatische Musik von 1929, bestehend aus 14 Einzelkompositionen auf Texte von Kommunisten, ...weiter
«Der erste Schnee», «Beim Schwingfest», «Tanz der Dryaden», «Stilles Weben der Nacht im Walde» ... Gesetzt den Fall, Raff hätte den meisten seiner elf Sinfonien und deren einzelnen Sätzen keine handfesten beschreibenden Titel angeheftet, darf vermutet werden, dass die Rezeption seines Schaffens nachhaltiger gewesen wäre. Obwohl seine im besten Fall zurückhaltend deskriptive Musik nicht in programmatischer Beengtheit gefangen ist, wirken Bezeichnungen wie «An das Vaterland» (Sinfonie Nr. 1), «Im Walde» (Nr. 3), «Lenore» (nach Bürgers Ballade, Nr. 5), «In den Alpen» (Nr. 7) und der Jahreszeiten-Zyklus (Nr. 8 bis 11) zurückgebunden an (spät)romantisc...weiter
Jubiläen 2012
Claude Debussy
Ein paar nützliche Links und Codex-flores-Texte zu Claude Debussy