Fünf Möglichkeiten eröffnen sich dem Künstler, der in diktatorisch regiertem, die Kultur in seine Dienste zwingenden Staat lebt: Anpassung, offener Widerstand (der alsbald brachial gebrochen wird), Exil, Verstummen (bis hin zur Flucht in den Tod) oder innere Emigration. Der Münchner Karl Amadeus Hartmann war 1933, im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, 28jährig. Er hatte das Unheil früher als manch andere hereinbrechen sehen und sich keinen Illusionen hingegeben.
Hartmann entschied sich zum Bleiben, wählte die Form des Protestes, die seinem Wesen und seiner Überzeugung entsprach: die innere Emigration. Er zog...weiter
Zum vierten Mal war der Berner Kursaal Schauplatz der Austragung des vom Festival Interlaken Classics ausgerichteten Prix du Piano. In seinem Rahmen stellen sich jeweils vier Nachwuchspianisten dem Urteil des Publikums.
Klavierwettbewerbe stellt man sich in der Regel als geschlossene Veranstaltungen vor, in denen Fachleute in überaus ernsten, episch breiten und häufig engagiert bis erbittert geführten Diskussionen die Darbietungen ambitionierter Jungtalente sezieren und eine Jury nach längeren Beratungen ihre Urteile fällt. Mit andern Worten: als Branchenrituale unter praktischem Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Berner Prix du Piano, den das Festival Interlaken Classi...weiter
An ihm hängt das Etikett «der jüngere Bruder». Da schwingen noch Attribute mit wie «schwächer», «mittelmässig begabt», ein «Kleinmeister» halt. – Einspruch!
Sesshaft war er wie sein Bruder. Fünf Jahre nach Joseph Haydn geboren, drei Jahre vor ihm gestorben, wirkte Johann Michael Haydn (1737–1806) von 1763 bis zu seinem Tod in Salzburg als «HofMusicus und Concert-Meister» am fürsterzbischöflichen Hof. Während Joseph im Dienst der Esterházy noch bescheidene Ausstrahlung zukam, wurde sein Bruder mit Kirchenmusik (er schuf über dreissig Messordinarien) weitherum bekannt, genoss als Komponist, Orgelimprovisator und Klavier- und Kompo...weiter
Ingo Metzmacher, der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, hat schon ein Buch geschrieben, das einem breiteren Publikum einen Zugang zum zeitgenössischen Musikschaffen öffnen wollte («Keine Angst vor neuen Tönen»). Mit «Vorhang auf! Oper entdecken und erleben» scheint er nun soziologisch gesehen sozusagen fürs entgegengesetzte Lager zu werben, wird dem Futuristischen der Neuen Musik und ihrem Publikum doch das Nostalgische der Opernanhänger gerne gegenübergestellt. Der Kontrast ist allerdings bloss ein scheinbarer, denn nicht Mozart, Wagner, Weber Verdi und Puccini (die auch vorkommen) stehen in dem Buch im Mittelpun...weiter
Zwölf bis vierzehn Jahre alt war Felix Mendelssohn Bartholdy als er zwischen 1821 und 1823 seine zwölf Streichersinfonien zu Papier brachte. Man brennt sie heute mit insgesamt dreieinhalb Stunden Spieldauer als Gesamtaufnahme auf drei oder vier CD. Getan haben dies einige Interpreten; integrale Einspielungen stammen etwa vom Stuttgarter Kammerorchester (unter der Leitung von Michael Hofstetter), dem English String Orchestra (unter William Boughton) und der Amsterdam Sinfonietta unter Lev Markiz (für Naxos). Will ein Schweizer Ensemble da nicht abseits stehen, hat dies allerdings einen besonderen Reiz; das Wunderkind der Frühromantik er...weiter
Beabsichtigt war das wohl kaum, bestechend ist es sehr wohl: Die Deutsche Grammophon veröffentlicht praktisch zeitgleich zum Auftakt des Chopin-Jahres eine CD von Aufnahmen mit Martha Argerich aus den Jahren 1959 und 1967, als die Argentinierin am Anfang ihrer beispiellosen Karriere stand, und eine solche der 1988 geborenen Deutschjapanerin Alice Sara Ott, die heute ebenfalls als Ausnahmetalent gehandelt wird. Lässt sich also anhand der zwei Silberscheiben vergleichen, ob sich von den sechziger Jahren des 20. Jahrhundert bis heute künstlerisch etwas verändert hat?
Nahelegen könnte das eine schon fast bestürzende Ähnlichkeit in d...weiter
Wer kennt sie nicht: die Wassermusik, die Feuerwerksmusik, das Orgelkonzert «Der Kuckuck und die Nachtigall», diese und jene Cembalosuite oder Triosonate. Was noch?
Seit seinem 20. Lebensjahr war sie eine Nebenbeschäftigung Händels, die Instrumentalmusik, denn nach seinem 1705 in Hamburg uraufgeführten Opernerstling «Almira, Königin von Kastilien» verstand er sich als Vokal- und Opernkomponist. Während zu Händels Lebzeiten sein Instrumentalschaffen hohe Popularität genossen hatte, schwand später sein Ansehen nicht zuletzt im Zug der Bach-Renaissance. Ganz und gar zu Unrecht, wie der vorliegende Band mit opulenten Materialien und d...weiter
Von «Weia! Waga!» über «Hojotoho! Heiaha!» und «Hoiho! Hoiho!» bis «Heiaho!» entfaltet sich die mächtige Dichtung, das Bühnenfestspiel mit «Rheingold», «Walküre», «Siegfried» und «Götterdämmerung». Erstmals als Ganzes aufgeführt wurde der «Ring des Nibelungen» im August 1876 in Bayreuth unter dem Dirigenten Hans Richter und der künstlerischen Leitung des Textdichters und Komponisten.
Gut ein Vierteljahrhundert, von 1848 bis 1874, hatte Wagner an der «Ring»-Tetralogie gearbeitet, einen Gegenentwurf geschaffen zu den Konventionen der französisch-italienischen Operntradition. Den Stoff aus Quellen des 13. Jahrhunderts schöpfte er a...weiter
Einer der profiliertesten finnischen Komponisten des 20. Jahrhunderts spielt ausserhalb seines Heimatlands eine marginale Rolle: Einojuhani Rautavaara, geboren 1928 in Helsinki. Der Sohn eines Opernsängers wurde früh Waise, lernte Klavier, Musikwissenschaft und Komposition. Sibelius unterstützte ihn 1955 mit einem Stipendium, das ihm selbst zugesprochen worden war. Dank dieser Förderung konnte Rautavaara sich an der Juilliard School in New York bei Vincent Persichetti und am Tanglewood Music Center bei Roger Sessions und Aaron Copland weiterbilden. 1957 studierte er bei Wladimir Vogel die Zwölftontechnik.
Er hat ein reiches, ein vielseitiges Œuvre hinterlassen, etwa 400 Kompositionen, darunter 14 Opern, 15 Ballette, 12 Oratorien und Kantaten, 6 Sinfonien, Instrumentalkonzerte und Kammermusik. Im Konzertleben konnte sich Bohuslav Martinů (1890–1959) bis heute nicht als feste Grösse etablieren. Dass dies keineswegs an der Qualität seines Schaffens liegt, wird aus der Lektüre des ihm gewidmeten Sonderbands der Reihe Musik-Konzepte deutlich.
Die neun in chronologischer Folge angeordneten Aufsätze, die den Lebensstationen des tschechischen Meisters und seiner künstlerischen Entwicklung nachgehen und ein aussagekräftiges Bild sein...weiter
Der sächsischen Stadt Zwickau wird dieses Jahr in der Musikwelt höhere Aufmerksamkeit als üblich zuteil. Es ist die Geburtsstadt Robert Schumanns. Der Komponist hat dort 1810, also heuer vor 200 Jahren, das Licht der Welt erblickt. Zwickau hat aber noch mehr zu bieten – als eines der Gravitationszentren eines regionalen Entwicklungsprogrammes, das auf Musik fokussiert und neben Instrumentenbau auch musikmedizinische Aktivitäten umfasst. Das ist ein Glücksfall, denn die Zusammenarbeit von Fachleuten aus den Gesundheits- und Pflegewissenschaften der Westsächsischen Hochschule Zwickau, des Robert-Schumann-Konservatoriums und zahlreiche...weiter
Zwei Besonderheiten fallen beim ersten Durchblättern ins Auge: Reclams Komponistenlexikon stellt in eigenen Einträgen auch mehr als 80 komponierende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart vor und erweitert die über 700 Einzeldarstellungen zudem mit 16 themen- bzw. personenzentrierten Essays.
Drei Leitgedanken waren, wie die Herausgeberin Melanie Unseld im Vorwort schreibt, massgebend für die Auswahl der Persönlichkeiten der sog. klassischen Musik: a) die europäische Musikkultur samt Kunstschaffenden, die (noch) nicht im populären Kanon verankert sind; b) die Globalisierung, wie sie sich zeigt in Komponisten aus aussereuropä...weiter
In einer Zeit, in der sich andere populäre Tenöre mit Verdi, Puccini, Konzeptalben wie «Bad Boys» (Bryn Terfel) oder Crossover beschäftigen, schärft Jonas Kaufmann sein Profil als deutscher Tenor. Einem Album mit dem Titel «Sehnsucht» und deutschem Liedgut aus Klassik und Romantik schiebt er nun eine Live-Aufnahme von Schuberts «Die Schöne Müllerin» aus dem Max-Joseph-Saal in München vom 30. Juli 2009 nach. Begleitet wird er dabei – nomen est omen – von seinem früheren Lehrer Helmut Deutsch. Zum Zuge kommt dabei ein moderner Konzertflügel. Die Distanz zur historisch-kritischen Musizierweise scheint einerseits im Trend zu liegen, ...weiter
Erste Spuren der h-Moll-Messe finden sich bereits 1714, doch die Entstehungsgeschichte dieses weltweit am häufigsten aufgeführten Grosswerks Bachs erstreckt sich über drei Jahrzehnte und kam in zwei Phasen in autographen Niederschriften zum Abschluss: 1733 und 1748/49.
Licht und Ordnung in die komplexe Werkgeschichte bringt der renommierte Bach-Spezialist Christoph Wolff im ersten Teil seiner den aktuellen Stand der Forschung widerspiegelnden Einführung. Er geht den historischen Perspektiven nach, den Stufen der eigentlichen Werkentstehung, dem Schriftbild, den Ursachen des heterogenen Befunds der Originalpartitur, den Parod...weiter
Schönberg ist auch heute noch ein Komponist, der im bürgerlichen Konzertsaal wenig zu hören ist. Sein kompositorisches Schaffen öffnet sich selbst geneigten Hörern nicht leicht, zudem haftet ihm als Erfinder der Zwölftonmethode der Ruch des Spielverderbers an, wenn es darum geht, sich der «zu Herzen gehenden» Melodien- und Espressivo-Seligkeit hingeben zu dürfen. Da scheint es mutig, wie Stefan Blunier als Dirigent zum Einstand der Arbeit mit einem neuen Orchester, dem Beethoven Orchester Bonn, eine CD ausschliesslich dem Werk des Neutöners zu widmen, auch wenn diese auf dessen frühes, von Spätromantik und Expressionismus beeinflusstes...weiter
Als John McGlinn im Februar 2009 mit 55 Jahren in New York einem Herzversagen erlag, verlor die Welt des modernen Musicals einen ihrer enragiertesten Experten, der die Beharrlichkeit musikwissenschaftlichen Forschens und Editierens mit dem Elan und der Zielstrebigkeit des Bühnenpraktikers vereinte. Seine in den Achtziger- und Neunzigerjahren realisierten, Massstäbe setzenden Einspielungen von fünf populären Musicals hat das Label EMI nun erstmals in einer Box zusammengefasst und ergänzt mit weiteren Broadway-Highlights.
Er gab sich nicht einfach mit den publizierten Notenmaterialien und praktizierten Kürzungen zufrieden, vielmeh...weiter
In den letzten Jahren ist die Anzahl Publikationen zur Neuromusikologie förmlich explodiert. Eine dedizierte Zeitschrift für das Gebiet existiert allerdings (noch) nicht, und so publizieren die gewichtigsten Vertreter der Disziplin ihre Ergebnisse in so disparaten Fachpublikationen wie Current Biology, NeuroImage, Human Brain Mapping, Journal of Cognitive Neuroscience und so weiter. Einen angesichts des Tempos der Entwicklung des Faches schon fast wieder etwas veralteten Überblick über die verstreuten Veröffentlichungen haben die kanadischen Forscher Isabelle Peretz und Robert Zatorre 2003 auf Englisch vorgelegt («The Cognitive Neu...weiter
«111 Figuren und Motive, Themen und Texte» verheisst der Untertitel. Doch ein Vielfaches dieser Zahl bringt Thomas Schipperges in wundersamer Wissensmehrung und Horizontweitung zur Darstellung und Deutung. Was hier im Taschenbuchformat auf zwei Bändchen der Reihe Bärenreiter Basiswissen aufgeteilt, übersichtlich gegliedert und konzentriert, auch für Laien und Bibelunkundige verständlich verfasst ist, überzeugt Seite um Seite durch Kenntnisreichtum und eine Fülle an Anregungen zu Musikmotiven aus der Bibel und Musik in der Bibel.
Der inhaltliche Bogen spannt sich in der Reihenfolge der biblischen Bücher von der Erschaffung der W...weiter
Als «eine Sache zwischen Gott und mir» gewichtete Frank Martin (1890–1974) seine «Messe pour double chœur a cappella». Dementsprechend lang hielt er das Werk, das er in den Zwanzigerjahren komponiert hatte, unter Verschluss; erst 1963 kam die Messe in Hamburg zur Uraufführung. (Im gleichen Jahr erfolgte in Wien die Uraufführung einer anderen bedeutenden A-cappella-Messe, des Opus ultimum von Paul Hindemith.)
Der Autodidakt Francis Poulenc (1899–1963), Mitglied des «Groupe des Six», begann unter dem Eindruck eines Wallfahrts-Erlebnisses im südfranzösischen Rocamadour, wo eine Schwarze Madonna Pilgerscharen anzieht, mit der Komposition ...weiter
Historisch ist die Assoziation zwar vollkommen schief (wir leisten unverzüglich Abbitte); dennoch drängt sie sich auf: Da legen die Geigerin Janine Jansen und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter der Leitung von Paavo Järvi eine Aufnahme von Beethovens Violinkonzert vor, die wirkt, als hätte Botticelli den Pinsel geführt: helle, transparente Farben, klarer Strich, liebevolle Exaktheit in den dynamischen und rhythmischen Details – der Bonner Meister, ein Renaissance-Künstler?
Was für eine Solistin, was für ein Orchester! Selten hört man das Konzert, das zu seiner Zeit als unspielbar galt, so frei vom Ringen um die rich...weiter
Dossier Kulturpolitik
26.02.2010 Die Luzerner Musikhochschule im Umbruch Konflikte rund um die HSLU M illustrieren die Verunsicherungen, welche die Reformen der Fachhochschulen mit sich bringen.
--- Hinweis ---
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Dossier Musikphilosophie
Musik in Goodmans Individuenkalkül
Der Individuenkalkül des Philosophen Nelson Goodmans scheint für formale Beschreibungen musikalischer Strukturen wie geschaffen.
Dossier Akustik
01.12.2009 Bibliothek mit akustischer Erlebniswelt
Das Basler Projekt Irmat zeigt, wie moderne Touchscreens für innovative Musikapplikationen genutzt werden können.
Jubiläen 2010
Frédéric Chopin
Ein paar nützliche Links und Codex-flores-Texte zu Frédéric Chopin
03. 12. 2009 Dossier Musikvermittlung Aspekte einer zeitgemässen Musikkritik Die Praxis der Musikkritik wird theoretisch wenig reflektiert. Über ihre ethischen und stilistischen Regeln sollte aber immer wieder neu nachgedacht werden.