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Die Rettung der Welt aus dem Geiste der Musik

Von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler09.09.2017 -- Ich mag die zeitgenössische Klassik (das Erbe dessen, was mal Neue Musik hiess, man kann’s auch europäische Kunstmusik der Gegenwart nennen oder meintwegen irgendwie). Es gab in den vergangenen Jahren Werke – Uraufführungen (Dieter Ammann), oder Ikonen der jüngsten Musikgeschichte (etwa von Klaus Huber oder Heinz Holliger) – die mich fasziniert haben. Zu andern Werken hatte ich weniger Zugang, aber das ist ja normal. Eines allerdings ist mir aufgefallen: Je hermetischer und elitärer ein Werk sich gibt (die Adorno-Paraphrase im Umstellen des Reflexivpronomens erkannt?), umso unerbittlicher wird der Anspruch seiner Schöpfer und Verfechter auf Erkenntnisrelevanz und Wertigkeit – bis zum Extrem, in dem sich das Werk den Hörenden ganz verweigert, aber von ihnen alles an Gesinnungsethik fordert.

 

Experimente zeitgenössischer Klassik gehen denn auch kaum über die Bühne, ohne irgendwelche Assoziationen mit aktuellen geopolitischen Problemen oder sozialen Herausforderungen. Die Zeiten (die gab’s mal), wo Komponisten nicht danach beurteilt wurden, was sie komponierten, sondern welche theoretischen Pamphlete sie verfasst hatten, sind zwar gottlob vorbei. Ihr Geist lebt aber weiter.

 

Da hat die zeitgenössische E-Musik interessanterweise etwas gemeinsam mit dem Feminismus oder den eng verwandten modischen Gender-Theorien: Die Grundanliegen beider sind nicht zu haben ohne weitgehend linke Ideologie und linken Lifestyle mit exklusiven Welterklärungs- und -rettungsposen. Das ist doppelt amüsant, weil die finanziellen Mittel für Kompositionsaufträge und Aufführungen zu einem gewichtigen Teil aus den Kassen der Bankenstiftungen des patriarchalen Raubtierkapitalismus stammen. Ist ja sozusagen auch eine Form der Expropriation der Expropriateure.

 

Der zeitgenössischen E-Musik (oder Neuen Musik oder wie auch immer) wäre vermutlich gedient, wenn man ihr konzeptuelles Umfeld auf realistische Dimensionen schrumpfen würde: auf die Lust am Erproben und Weiterentwickeln von Organisationsformen der Tonkunst und ihrer Wirkungen auf Hörerinnen und Hörer. Es wär' dann zwar nicht mehr die Erlösung der Menschheit aus dem Geiste der Musik, sondern einfach eine etwas möglicherweise verschrobene Spielwiese von Tüftlern und Bastlern. Einladender wäre ein solche für Nichtklubmitglieder aber allemal.


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