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Dossiertexte

Avital meets Avital

Cover CD01.07.2017 -- Der israelische Mandolinenspieler Avi Avital mit ursprünglich marokkanischen Wurzeln ist unbestritten ein exzellenter Musiker. Sein Namensvetter mit ähnlicher Familiengeschichte, der Jazz-Kontrabassist Omer Avital, nicht minder. Rekombinationen mediterraner, jüdischer und volksnaher Tanz- und Gebrauchsmusik und Jazz sind en vogue. Auch das Album «Avital meets Avital» reiht sich hier organisch ein. Auf einzelnen Titeln werden die beiden von Yonathan Avishai am Klavier, dem Perkussionisten Itamar Doari und dem Akkordeonisten Uri Sharlin ergänzt. Man nimmt beim Abhören gefällige Klangmixturen und Rhythmen zur Kenntnis; vom kompositorisch eher unverbindlichen Dahinfliessen allerdings schon fast ein wenig ermüdet spitzt man dann unversehens beim letzten Titel die Ohren: ein vergleichsweise schlichtes Duo, das aber deutlich mehr zu sagen haben scheint als alles Vorangehende.

Cover Buch01.07.2017 -- Der israelische Mandolinenspieler Avi Avital mit ursprünglich marokkanischen Wurzeln ist unbestritten ein exzellenter Musiker. Sein Namensvetter mit ähnlicher Familiengeschichte, der Jazz-Kontrabassist Omer Avital, nicht minder. Rekombinationen mediterraner, jüdischer und volksnaher Tanz- und Gebrauchsmusik und Jazz sind en vogue. Auch das Album «Avital meets Avital» reiht sich hier organisch ein. Auf einzelnen Titeln werden die beiden von Yonathan Avishai am Klavier, dem Perkussionisten Itamar Doari und dem Akkordeonisten Uri Sharlin ergänzt. Man nimmt beim Abhören gefällige Klangmixturen und Rhythmen zur Kenntnis; vom kompositorisch eher unverbindlichen Dahinfliessen allerdings schon fast ein wenig ermüdet spitzt man dann unversehens beim letzten Titel die Ohren: ein vergleichsweise schlichtes Duo, das aber deutlich mehr zu sagen haben scheint als alles Vorangehende.

 

Das Rätsel löst ein Blick ins Booklet: Es ist die einzige Nummer des Albums, der nicht melodisches Material aus der Feder von Omer oder Avi Avital zugrundeliegt, sondern eine Komposition des 1997 verstorbenen und in seiner Wahlheimat Israel hochgeschätzten Moshe Vilenski. Das Aha-Erlebnis offenbart das Grundproblem solcher eklektischer Unternehmen: Sie unterschätzen in der Regel die fundamentale Bedeutung der melodischen Rafinesse für die expressive Qualität solcher Crossover-Projekte.

 

Im Gegensatz zur europäischen Kunstmusik des 20. Jahrhunderts, die Eingängigkeit und Expressivität im Melodischen als billige Melodienseligkeit oder gar verbrauchtes (nach Adorno gar «falsches») Material diskreditierte, liegt die Tiefe und Genialität volksnaher Stile in Melodien, die sich über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte abschliffen und verfeinerten. Ein Zusammenmixen solcher Stile ist in der Regel nur möglich, indem die sperrig-genialen Linien eingeglättet, banalisiert und nicht selten in ein allzu simplizistisches harmonisches Prokrustesbett gelegt werden, denn zum differenzierten Ausarbeiten harmonischer Originalität und Hintersinnigkeit reicht die Zeit bei Treffen viel beschäftigter Musiker aus verschiedenen Welten auch nicht.

 

Die meisten werden ‒ das scheint uns auch für «Avital meets Avital» der Fall ‒ bloss in den Vorzimmern möglicher Neubehausungen der Stilmixe realisiert. Erst wer in mühsamer und geduldiger Kleinarbeit die Horizontalen der zu verschmelzenden Idiome synthetisiert oder gleichwertig neu erfindet, dürfte in die inneren Zimmerfluchten des neu zu zimmernden Hauses und damit zu gültigen Resultaten gelangen. Unser schnelllebiges Musikgeschäft scheint dazu allerdings nicht die besten Voraussetzungen zu bieten. (wb)

 

Info: Avital meets Avital, Deutsche Grammophon, 2017


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