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Bachs Goldberg-Variationen auf der Harfe


Cover Finch16.05.2009 -- Bachs Goldberg-Variationen auf der Harfe? Vermutlich versteht jeder, dass man bei dem Projekt der walisischen Harfenistin Catrin Finch zunächst skeptisch ist. Und dann liest man zum Abschluss des Booklets von ihr folgendes Zitat: «Hoffwn ddiolch i'm ffrindiau i gyd am yr holl gefnogaeth». Einer Frau, die in der Lage ist, solche Sätze von sich zu geben, kann man nichts nachtragen. Selbst wenn man keine Ahnung hat, was einem damit gesagt wird.

Auch bei der Bach-Transkription fragt man sich, ob sie für Nichtharfenisten einen Mehrwert bringt. Die Antwort fällt zwiespältig aus. Zum einen ist Catrin Finch eine hervorragende Musikerin; ihr zuzuhören lohnt sich dank ihrer Musikalität und Ernsthaftigkeit ganz unabhängig davon, welche Musik sie spielt. Zum andern wehrt sich ihr Instrument doch recht erfolgreich gegen die ihm fremde barocke Polyphonie.

Zwei fast unüberwindbare Probleme ergeben sich. Der Harfe muss die Chromatik, die dem wohltemperierten Cembalo selbstverständlich ist, mit mechanischen Behelfen mehr oder weniger aufgezwungen werden. Um alle Halbtöne erreichen zu können, muss die Spielerin mittels Pedalen die Tonhöhen der Saiten verändern. Wie Catrin Finch selber bemerkt, führt das unter anderem in der Variation 25 zu beeinträchtigendem mechanischem Aufwand, ebenso wie in Variation 11 durch rasche Wechsel von Zupfen und Berühren der Saiten eine Art Sirren erzeugt wird, das sich in diesem stilistischen Umfeld doch recht unmusikalisch anhört. Derart störende Beigeräusche dringen etwa auch in den Variationen 17 und 26 durch.

Darüber hinaus ist aber auch die für diese Musik so wichtige Klangbalance auf der Harfe nicht gegeben. Einer hellen und recht aggressiv anmutenden Oberstimme stehen wummernd-verwischende Mittel- und Unterstimmen gegenüber. Streckenweise, zum Beispiel in den Variationen 14 und 17 sind die eigentlichen Strukturen der Musik so kaum mehr zu erahnen. Nur in ganz seltenen Fällen – etwa in den Variationen 5 und 20 – verleiht der Harfenklang der Musik eine faszinierende eigene Note.

Zum falschen Klanggleichgewicht mag auch die Aufnahmetechnik beitragen. Da wird offensichtlich mit viel Hall gearbeitet. Ein solcher mag Werken des französischen Impressionismus angemessen sein, im Falle von Bachs Goldberg-Variationen richtet er aber streckenweise regelrechte Verwüstungen an.

Trotz solcher Einwände kann man Idee und Durchführung dieser Transkription verteidigen. Sie stellt in Zeiten pianistischen Herdentriebs und interpretatorischer Gleichschaltung einen originellen und anregenden, fast subversiv anmutenden neuen Blickwinkel auf dieses Monument barocker Innerlichkeit dar. Für die Harfenistinnen und Harfenisten bedeutet sie sicherlich ein willkommenes, überaus kompetent erstelltes Studienobjekt und eine horizonterweiternde Herausforderung. Es ist auch vorstellbar, dass ihre Wiedergabe im Konzertsaal (mit geeigneter Akustik), in dem Spielerin und Publikum in einen intensiven inneren Dialog treten können, weit mehr Wirkung entfaltet als auf CD.
(wb)

Info:

Catrin Finch: Goldberg-Variations. Transkription von Bachs Goldberg-Variationen für zweimanualiges Cembalo BWV 988 auf die moderne Konzertharfe. Deutsche Grammophon 477 8165.


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