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«Tempus loquendi...»: Musik für Flöte solo


16.03.2009 -- Der Flöte scheint in allen Kulturen und Zeiten etwas Transzendentes, aber auch Hermetisches eigen. Die im Nahen Osten seit Jahrtausenden gespielte Nay ist nach der Überzeugung der arabischen Mystiker der verlängerte Atem Gottes, und unter japanischen Wandermönchen galt es als gut gehütetes Geheimnis, dass das Spiel der Flöte Shakuhachi den einzigen Weg zur wahren Erleuchtung darstellte. Tatsächlich scheint die Brüchigkeit und Unkörperlichkeit des Flötenklanges so etwas wie ein Widerhall kosmischer Gesetze im filigranen akustischen Detail, ähnlich der fragmentarisch verwischten Spuren von Elementarteilchen in der Nebelkammer der Kernphysiker oder dem Grinsen der Cheshire Cat, das in «Alice in Wonderland» übrigbleibt, nachdem das Tier selber sich aufgelöst hat.

Auch in der Musik der europäischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts bedienten sich zahlreiche Tonschöpfer des Instrumentes, um einen musikalischen Kosmos zu schaffen, der ausserhalb aller zeitlicher und örtlicher Moden scheint und seine zurückhaltende, in akustischen Silbergrau-Tönen verwischten Schönheit bloss den Geduldigen und Aufmerksamen offenbart.

Der Berner Flötist Hans Balmer, der sich immer wieder mit Neuer Musik für sein Instrument intensiv auseinandersetzt, dokumentiert auf der CD «Tempus loquendi...» diese Klangwelten, beginnend bei Edgard Varèses Stück «Density 21.5» (1936) − eine Reverenz an die erste Platinflöte des Instrumentenbauers Georges Barrère, in dem auch erstmals Klappengeräusche als musikalisches Material verwendet werden −, über Franco Evangelistis «Proporzioni» (1958) und Bernd Alois Zimmermanns «Pezzi ellittici» von 1963, die der CD den Namen gegeben haben, bis zum «Zeremonienbuch» (entstanden zwischen 1960 und 1982) des Berner Komponisten Urs Peter Schneider.

Letzteres nimmt mit fast dreissig Minuten Spielzeit den grössten Raum ein und bildet mit Zimmermanns fast viertelstündigem «Tempus loquendi...» das Hauptgewicht des Albums. Verbunden sind die vier Zeugnisse der Moderne mittels virtuoser Entr'actes aus der Feder des holländischen Tonschöpfers Jacob van Eyck.

Zimmermanns Komposition, in der neben der üblichen Sopran- auch Alt- und Bassflöte zum Einsatz kommen, nimmt im Titel bezug auf das biblische Buch des Predigers Salomo oder Kohelet («Ein jegliches hat seine Zeit, (...) zerreissen und zunähen, schweigen und reden...»), das existenzphilosophische Themen anspricht. Sie überlässt - ein Unikum in Zimmermanns Werk - Teile der Ausführung in ihrer konkreten Ausgestaltung dem Interpreten. Die grundlegenden Fragen von Sinn und Sein trieben auch den Komponisten selber um, der sich 1970 in tiefer Depression das Leben nahm. So erhebt sich auch die Musik von «Tempus loquendi» expressionistisch aus erdenschwerer Tiefe, ohne zu wirklicher Erlösung zu finden.

Mit der Einspielung von Schneiders «Zeremonienbuch» für ein Holzblasinstrument erweist Balmer dem Berner Komponisten und Weggefährten, der dieses Jahr siebzig Jahre alt wird, Reverenz. Die achtzig Stücke sind «im Strengen Stil geschrieben, situieren sich im Bereich zwischen radikal experimentellen und radikal expressiven kompositorischen Ansätzen» und rekurrieren auf Texte von Robert Walser (um 1895), Wilhelm Ramler (um 1755), Daniel von Reigersfeld (um 1655) und Ludger von Diedrichsfeld (1975).

Die zugleich nach Perfektion und Reduktion aufs Wesentliche abzielende Musik all dieser Kompositionen macht an den Hörer keinerlei Konzessionen und vermeidet es, zu den nicht minder rätselhaft scheinenden Texten, die ihnen zum Teil zugrundeliegen, Deutungen zu liefern. Vielmehr widerspiegeln sie deren Geheimnisse auf ihrer eigenen Ebene, eine Eigenheit, die in der Ernsthaftigkeit, Disziplin und nie exhibitionistischen Virtuosität des Interpreten eine ideale Entsprechung finden.
(wb)


Tempus loquendi..., Musik für Flöte solo, Werke von Jacob van Eyck, Edgard Varèse, Franco Evangelisti, Bernd Alois Zimmermann und Urs Peter Schneider. Hans Balmer (Flöten), Eigenproduktion, vertrieben über die Schweizer Musikplattform Fontastix (www.fontastix.ch). Webseite Balmers: www.hansbalmer.ch


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