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Innovatives in Sachen musikalische Notation


25.05.2011 -- Wer Erklärungen zu musikalischen Symbolen sucht, kann ziemlich im Schilf stehen, «Bourée» «nicht schleppen» «lusingando», «Bridge» lassen sich ja noch relativ einfach einordnen, da alphabetisch klassifizierbar. Wie zum Teufel steht es aber mit einem Zeichen, das aus zwei parallelen waagrechten, zwei darübergelegten parallelen senkrechten Strichen und einem an einem der parallelen Striche hängenden Pfeilchen nach unten besteht? Wo nur findet sich ein Ordnungsprinzip für so etwas? Man kann’s ja sprachlich fassen: es handelt sich um ein «Versetzungszeichen zur Kennzeichnung von Mikrotönen». Das riecht aber nach Köpenikiade oder Catch 22: Um da nachschlagen zu können, muss man ja schon wissen, was man in Erfahrung bringen möchte.

Auf überraschende und ziemlich clevere Art Abhilfe schafft da der in Hamburg lebende Musikwissenschaftler Paul Riggenbach, der laut Lebenslauf «mal ein berühmter Physiker oder Mathematiker werden» wollte, dann aber doch der klingenden Kunst erlegen ist. Ein typisch physiko-mathematischer Hang zur Modellierung von Klassifikationssystemen ist ihm aber offensichtlich geblieben. Das Resultat ist das Nachschlagewerk «Symbol- und Wörterbuch der Musik». Es hat das Zeugs zum Klassiker.

Das sehr ansprechend gelayoutete Nachschlagewerk ist spiralgebunden. Es kann damit auch aufgeschlagen problemlos auf Tisch oder Notenständer gelegt werden, ohne dass es gleich wieder zuklappt. Die musikalischen Symbole teilt es ein, je nachdem wieviel Linien, Ecken und Enden ein Symbol hat. Unser Beispiel findet sich in der Abteilung 4 Linien, 5 und mehr Ecken/Enden.

Daneben finden sich in dem Buch Detailinfos zur grafischen und drucktechnischen Gestaltung von Punkten, Linien und Ecken, Angaben zu internationalen Notennamen, zur Notation Alter und Neuer Musik und auch zur grafischen Umsetzung von Ornamentik. Ein Wörterbuch vervollständigt das Kompendium.

Musikalische Notationen und Klassifikationen sind ein weites Feld. Vor allem in der Harmonik wird da mit historisch gewachsenen Kennzeichnungen gearbeitet, die vom terminologie-theoretischen Standpunkt aus alles andere als befriedigend scheinen. Sobald Harmonien etwas komplexer werden, beginnen sie sich zu verschränken und die Eindeutigkeit von Begriffen wie halbverminderter Septakkord (verkürzter Dominantspetakkord mit None?), Quartenschichtung (oder Dursextakkord mit Sexte und None?) und so weiter zu verwischen. Tritonussubstitutionen und Umkehrungen tun das ihre.

Der deutsche Musikpädagoge und Systemprogrammierer Wilhelm Paul Becker hat sich zum Ziel gesetzt, ein Klassifikationssystem für Akkorde zu entwickeln, das alle möglichen Tonschichtungen eindeutig benennt. Dazu trennt er Bezeichnung und harmonisch-kontextuale Deutung von Zusammenklängen.

Becker weist den Intervallen Prim bis Tritonus die Zahlen 1 bis 6 zu und benennt Akorde als Abfolge von Intervallen. Ein simpler Durdreiklang aus grosser Terz und kleiner Terz erhält so die Zahl 43. Kern des Bezeichnungssystems ist eine sogenannte engste Form von Akkorden. Becker definiert sie als Folge von Intervallabfolgen, die die kleinste Quersummer ergeben.

Aus diesem einfachen Grundkonzept konstruiert Becker – zum Teil mittels pragmatischer Ad-hoc-Lösungen für praktische Probleme wie erst nach und nach sich bildenden Akkorden im polyphonen Ablauf – ein komplexe Analysetechnik.

Becker ist überzeugt, mit seinem System würden «die Ergebnisse der harmonischen und tonalen Analyse damit – zum ersten Mal – allgemeingültig und für alle Epochen und Stilrichungen» vergleichbar. Das ist ein ziemlich ambitioniertes Unternehmen. Der Ansatz scheint zumindest aber recht interessant, wobei sich in der praktischen Analysearbeit erst erweisen dürfte, ob damit mehr Erkenntis gewonnen werden kann, als mit den traditionellen musiktheoretischen Methoden.
(wb)


Symbol- und Wörterbuch der Musik. Hrsg. Paul Riggenbach. 252 Seiten A5 quer, Spiralbindung an der Längsseite, 22,80 Euro inkl. Versand in ganz Europa, ISBN 978 3 911109 02 5. Bezugsnachweis: www.odradec.de
Wilhelm Paul Becker: Harmonik und Tonalität. Grundlagen einer neuen Musiktheorie. Verlag Peter Lang Bern 2009. 122 Seiten., zahlr. Notenbeispiele, Europäische Hochschulschriften: Reihe 36, Musikwissenschaft. Bd. 258. ISBN 978-3-631-58688-4, 29 Fr. Bezugsnachweis: www.peterlang.com


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