Onlinemagazin für Klassik, Jazz, Weltmusik und Musikwirkungsforschung

 

 

Der Tod in Musik und Kultur


02.03.2008 -- Es war ihm nur ein kurzes Leben beschieden: Herzog Philipp der Schöne, 1478 in Brügge geboren, starb 1506 im spanischen Burgos im Alter von 28 Jahren. Bekannter – wenigstens dem Namen nach – ist die Frau, mit der sich Philipp, der Habsburger, zehn Jahre zuvor vermählt hatte: Juana la Loca, Johanna die Wahnsinnige. An herausragender Stelle in die Geschichte eingegangen sind zwei ihrer sechs Kinder: Karl V., Kaiser von 1530 bis 1556 («Ich spreche Spanisch zu Gott, Italienisch zu den Frauen, Französisch zu den Männern und Deutsch zu meinem Pferd»), und Ferdinand I., dessen Nachfolger (Stichwort: Augsburger Religionsfrieden von 1555).

Zur Ergänzung (denn Dynastien, Familienbande und Banden spielen in der Geschichte eine der Hauptrollen): Philipps Eltern waren Kaiser Maximilan I. und Maria von Burgund. Seine Schwester Margarete von Österreich machte sich einen Namen als Mäzenin und als bedeutende Sammlerin von Manuskripten, Folianten und Kompositionen (siehe Rezension vom 24.10.2006).

Anlässlich des 500. Todestags Philipps des Schönen (den Zunamen soll er nicht seinem Antlitz, sondern seinen wohlgeformten Waden verdankt haben) führte das Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien eine Tagung durch unter dem Titel «,cum maioribus lachrymis et fletu immenso’ – Der Tod in Musik und Kultur des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit».

Während viele Fakten zur Organisation der Funeralien von Kaisern, Königen und Fürsten in Quellen aus dem 15. und 16. Jahrhundert gut dokumentiert sind, mangelt es an konkreten Informationen über die bei Begräbnisfeierlichkeiten erklungene Musik, deren Ausführung und Interpreten.

In interdisziplinärem methodischem Ansatz griff eine Reihe internationaler Experten im Wiener Symposium Themen des Totengedenkens auf und diskutierte zeitgenössische Vorstellungen und Konzeptionen von Tod, Trauer und Jenseits. Im vorliegenden Band sind 15 Beiträge versammelt, vier davon in englischer Sprache.

Mit dem plötzlichen Tod Philipps und der Krise des Hauses Habsburg befasst sich Alfred Kohler. Franz Römer untersucht die Lobschriften auf Philipp von Erasmus (1504), von Bartolini und Remacle d’Ardenne und ein Trauergedicht aus einer Wiener Matrikel.

In ein weites Blickfeld nimmt Meta Niederkorn-Bruck die Lebenswelt und das Lebensgefühl des ausgehenden Mittelalters (Visionen, Totentanz, Artes-moriendi-Literatur, bildende Kunst, Pilgerfahrt, Ablasshandel). Totenrituale, Requiem-Messe (noch ohne Dies-irae-Sequenz) und die Feierlichkeiten für Philipp in Dijon und Brüssel stehen im Zentrum der (engl.) Studie von Barbara Haggh. Franz Körndle erforscht Ritual und Repertoire der Memorialfeierlichkeiten im Rahmen des Konstanzer Reichstags von 1507. Den im 14./15. Jahrhundert verbreiteten Vorstellungen über die Engelsmusik, welche die Verstorbenen im Jenseits erwartet, widmet sich Björn R. Tammen in seiner musik-ikonografischen Abhandlung.

Verschiedene Aspekte des eigentlichen Repertoires von Totenmusik werden in den folgenden Studien behandelt von Honey Meconi (Korrelation von Tonumfängen; engl.), Hartmut Krones (Tonartencharakteristik), Wolfgang Fuhrmann (Pierre de la Rues vier Trauermotetten und die Quis-dabit-Tradition), Markus Grassl (Vertonungen von Jeremias’ Klageliedern) und Paula Higgins (Trauermotetten von und für Ockeghem; engl.). Einen Einblick in Organisation, Bedeutung und Kosten von Trauerfeiern beim Adel gibt Andreas Zajic.

Auf Italien ausgerichtet sind die drei letzten Aufsätze von Iain Fenelon (die Funeralien von Dogen in Venedig und der Medici in Florenz; engl.), von Katelijne Schiltz (die burlesken Lamenti für Adran Willaert) und von Bernhold Schmid (Monteverdis «Ballo delle ingrate» von 1608 und der Totentanz).

Im Anhang finden sich ein detailliertes Register (Personen und Werke) sowie die Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren. Der mit vielen Schwarzweiss-Abbildung und Notenbeispielen ausgestattete, gediegen in Leinen gebundene Band bietet neue Erkenntnisse und eine Fülle von Anregungen auch auf den Gebieten Geschichte, Literatur und bildender Kunst.
(ws)


Stefan Gasch und Birgit Lodes (Hrsg.): Tod in Musik und Kultur. Zum 500. Todestag Philipps des Schönen. Wiener Forum für ältere Musikgeschichte, Band 2. Mit Abbildungen und Notenbeispielen. Verlag Hans Schneider, Tutzing 2007. 421 Seiten. € 55,–. Fr. 84.30.


Nachrichten

Kritiken

     

 

Impressum
AGB/Datenschutz