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Christoph Wagners «Hand und Instrument»


28.02.2006 -- «Wir können gar nicht in Muskeln denken, wir denken in Bewegungen und Kräften (oder Spannungen), und auch dies nur, wenn wir Neues erlernen oder einüben wollen. Eigentlich denken wir, früher oder später, immer in Zielen und Zwecken, z. B. ‚Fis’ oder ‚Sforzato!’ Vielleicht auch nur ‚Beethoven!’ – jedenfalls nie ‚Bizeps!’.» (91)

Das Zitat entstammt Christoph Wagners Buch «Hand und Instrument – Musikphysiologische Grundlagen, Praktische Konsequenzen» und bringt ein zentrales Problem der Köperbeherrschung beim Musizieren auf den Punkt. Der eher unspektakuläre Titel liesse kaum vermuten, dass hier ein in allen Aspekten vollendetes und bei aller Komplexität des Themas überaus spannend zu lesendes Buch vorliegt, das für künftige Publikationen zum Thema höchste Massstäbe setzt. Wer sich über die physiologischen und mechanischen Voraussetzungen des Musizierens Gedanken machen will (oder muss), wird an ihm nicht vorbeikommen.

Der hannoveraner Pionier der Musikphysiologie, der – nebenbei bemerkt – ungewöhnlich klar, unprätentiös und anregend zu schreiben versteht, schlägt den Bogen weit: Eine profunde Diskussion zur Geschichte des Instrumentenbaus, die viele Details der heutigen Klangerzeuger in interessantem historischem Licht erscheinen lässt, bereitet den Boden für detaillierte physiologische und anatomische Analysen der Hände und ihrer Eigenheiten. Abgerundet werden diese mit geduldig zusammengetragenem, editorisch überaus sorgfältig aufbereitetem Bild- und Zahlenmaterial (ein dickes Lob dem Lektorat!) zu zahlreichen Musikerhänden und genauen Angaben zur Untersuchung der Hände, die sich nicht bloss auf oberflächliche Details wie Handgrösse oder Fingerlänge beschränkt, sondern ein kluge Systematik entwickelt, welche auch weniger auf der Hand liegende (!) Funktionsmerkmale und Abhängigkeiten umfasst. Neben aktiven und passiven Bewegungsumfängen sind dies unter anderem die sogenannte Supination (Auswärtsdrehung) und Pronation (Einwärtsdrehung) des Unterarmes, die differenziert erfasste Daumenbeweglichkeit und das Verhältnis zwischen mehreren Grössen, etwa der Daumenlänge im Vergleich zu den andern Fingern.

Der aufgrund einer Fülle an experimentellen Daten erfrischend pragmatisch argumentierende Wagner räumt mit zahlreichen Mythen und Vorurteilen auf. So kommt er etwa zum Schluss, dass zwar die Muskeln der Hand trainierbar sind, man aber nach allen gesammelten Indizien davon ausgehen muss, dass sich am strategischen Gelenkwiderstand grössenordnungsmässig nicht viel ändern lässt (182). Mit andern Worten: wer bestimmte Dinge auf seinem Instrument nicht zu greifen oder sonstwie anatomisch zu bewältigen vermag, wird daran auch mit hartem Training kaum etwas ändern können.

Wagner warnt zudem davor, zu glauben, man könne durch «Geschicklichkeit» Defizite in der Beschaffenheit der Hand ausgleichen und hält Studierende dazu an, ihrer eigenen Wahrnehmung zu trauen: «Ich denke hier an jene Studenten, die im Zwiespalt waren, weil sie ihre Barrieren zwar irgendwie fühlten, aber vom Lehrer (bewusst oder intuitiv) angehalten wurden, dieselben zu ignorieren. Ausgleichs- oder Anpassungsbewegungen sollten unterbleiben (...), die musikalische Spannung sollte sich durch Spannung in der Hand (!) ausdrücken und Ähnliches mehr. Die Studenten wagten es in der Regel nicht, ihrem ‚Meister’ zu widersprechen. Selbst wenn die Hindernisse offensichtlich und nachweisbar waren, musste man sie ermutigen, ihren eigenen Wahrnehmungen zu trauen.» (211) Auch vor einem vorschnellen Psychologisieren, das Gründe für spieltechnische Schwierigkeiten als psychosomatische Phänomene begreift, hält der Autor nicht viel (213).

Man könnte vermuten, dass der empirische Forscher aus all den über Jahrzehnte gesammelten individuellen Daten einige allgemeine Regeln über das Vermögen und Unvermögen von Musikerhänden zu extrahieren in der Lage wäre. Das Gegenteil ist aber der Fall: Die eingehende Beschäftigung mit dem Thema hat Wagner zum Schluss kommen lassen, dass es die durchschnittliche Hand nicht gibt und auch das Schliessen von einer Eigenschaft der Hand auf eine andere praktisch nicht möglich ist: «Von 110 Pianisten war es gerade noch ein Einziger, den man hinsichtlich dreier ‚verwandter’ Eigenschaften in der Gruppe des ‚Durchschnitts’ einordnen konnte» (170)

Der Schluss aus dieser Einsicht ist so simpel wie für die Pädagogik folgenreich: Wenn sich Eigenschaften von Händen und der damit verbundenen Strategien für eine angemessene Spieltechnik nicht verallgemeinern lassen, dann kann es auch keine allgemein gültige Spieltechnik geben: «Es gibt keine ‚durchschnittliche Hand’, das Konzept ist eine Illusion. Damit entfällt (...) die Festlegung (...) einer allgemein gültigen, ‚richtigen’ Spieltechnik. Der Wunsch danach war nur allzu verständlich, aber man hat bei der Suche nach dem ‚Know How’ das ‚Know Who’ übersehen.» (139)

Dabei lässt es Wagner allerdigns nicht bewenden. Das Buch liefert denn auch wertvolle Tipps und Hinweise darauf, wie die individuelle Hand gerade aufgrund ihrer Eigenheiten mit Kreativität und guter Beobachtungsgabe optimal geschult werden kann. In seinen Analysen kommt Wagner zum Teil auch zu verblüffenden Schlüssen über die Ursache physiologischer Störungen. So weist er zum Beispiel auf die Gefahren hin, die das Instrument des Nebenfaches für Studierende in sich bergen kann oder dass vordergründige Stärken wie eine ungewöhnlich hohe Flexibilität des Handgelenks oder lange, sehr bewegliche Finger auch wieder spieltechnische Handicaps mit sich bringen können.

Dem Band beigefügt sind vier lose Blätter, mit denen eine erste grobe Einschätzung oberflächlicher Eigenschaften der eigenen Hände oder derjenigen anvertrauter Schüler vorgenommen werden kann. In Relation zu Durchschnittswerten (Wagner nennt sie «Dezile») können Spannweiten, Handgrösse und anderes abgeschätzt und ein grobes Handprofil erstellt werden, und zwar für männliche und weibliche Hände in jungen und erwachsenen Jahren.
(wb)


Christoph Wagner: Hand und Instrument – Musikphysiologische Grundlagen, Praktische Konsequenzen, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2005, ISBN 3765103764, Bei Amazon kaufen

Christoph Wagner hält anlässlich der Neuerscheinung seines Buches am 9. Mai 2006 an der HMT Zürich einen Vortrag. Mehr Infos dazu: Veranstaltungen der SMM


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