Man könnte meinen, die Geschäfte von Kunst und Politik unterschieden sich grundsätzlich: Hie arbeiten an den hehren Idealen des Schönen, Guten und Wahren, da opportunistisches Wühlen in den Niederungen der Macht. Hat natürlich etwas für sich. Ist aber bloss die halbe Wahrheit. Politiker und Künstler haben nämlich das gleiche Problem: Ob ihre Werke Wirkung zeigen, zeigt sich in der Regel erst, wenn sie im Alters- und Pflegeheim gemeinsam einen Jass klopfen oder schon nicht mehr unter den Lebendigen weilen. Im zweiten Fall wäre das eine besonders frustrierende Erfahrung, bliebe sie einem aus naheliegenden Gründen nicht erspart. Der Tod hat auch seine guten Seiten.
Im Grunde genommen macht die verzögerte Langzeitwirkung ihres Schaffens Kreative und Arbeiter im Dienste des Souveräns zu Brüdern und Schwestern im Geiste: Tun sie das Richtige, werden die einen abgewählt und ihre Nachfolger ernten die Früchte; die andern sterben und ihre Agenten halten sich am Erbe schadlos. Erlegen sie dem Reiz der schnellen Wirkung, geben beide (wissentlich) die Wahrheit preis. Dumm, dumm.
Beide machen also die Erfahrung, dass Leistung und Belohnung nicht wie beim einfachen Reiz-Reaktionsschema unmittelbar aufeinander folgen. Ob die einen bei den andern etwas abschauen können, wie man damit umgeht?
Man neigt dazu, Politikern da weniger Souveränität zuzuschreiben. Weil sie wieder gewählt werden wollen, entscheiden sie sich für Aktivismus in Sachen schnelle und öffentlichkeitswirksame (Schein-)lösungen und Liegenlassen langfristiger Probleme – so das Klischee. Der Künstler wiederum schaffe bloss seinem Gewissen folgend und lehne Aufträge ab, die Geld und Beachtung einbringen, aber (für ihn) künstlerisch uninteressant seien – so das Klischee.
Man kann aber auch Verständnis haben für die Attitüde der Politiker, denn ihre Arbeit zielt ganz auf Wirkung ab, und da Prognosen bekanntermassen schwierig sind (von wegen Zukunft und so), bleibt der schnell sich zeigende Effekt der einzige zuverlässige Massstab des Erfolgs ihrer Bemühungen. Demgegenüber zielt die Arbeit der Künstler auf Verstehen ab. Da kann einer seinem Werk gegenüber durchaus ratlos stehen und darauf hoffen, dass spätere Generationen erst begreifen, was er eigentlich geschaffen hat.
Auf alle Fälle sind beide persönlich gefordert, ihrem eigenen Gewissen und ihrer eigenen Integrität mehr zu folgen, als dem allzumenschlichen Bedürfnis nach sofortiger Rekompensation – dem sogenannten Applaus – zu folgen. Mehr noch: in einer Zeit der «Alles sofort, hier und jetzt»-Mentalität sollten sie daran erinnern, dass alles seine Zeit braucht, ob gesunde Staatsfinanzen und Wettbwerbesfähigkeit oder die Akzeptanz kühner Gestaltungsprinzipien und Perspektiven der Weltwahrnehmung.
(wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.