Vor einigen Tagen ist im Kultur- und Kongresszentrum Trafo Baden das dritte Forum Musikalische Bildung (FMB) des Verbandes Musikschulen der Schweiz (VMS) über die Bühne gegangen. Weil dahinter Initianten stecken, die – eher die Ausnahme unter den Kulturschaffenden – politisches Wirken mit hohem praktischem und professionellem Engagement in ihre tägliche Arbeit integrieren, entwickelt es sich immer mehr zu einem allgemeinen Forum für die kulturpolitische Grundsatzdebatte in der Schweiz (ein Bericht zum Forum findet sich in der Februar-Ausgabe der Schweizer Musikzeitung).
Eine ziemlich lehrreiche Sache: In einem FMB-Podium rund um die bundesrätliche Ablehnung der Musikinitiative hat der St. Galler Jurist und Bundesrats-Berater Rainer Schweizer eine Bemerkung gemacht, die Aufhorchen lassen müsste: Die Dimension Bildung, Kultur und Musik, so Schweizer, werde in der bundesrätlichen Botschaft zur Musikinitiative gar nicht angesprochen. Die Exekutive ziehe sich auf administrative und bürokratische Aspekte des Themas zurück. Die notwendige Diskussion, was Bildung und Kultur in der Schweiz ganz grundsätzlich für eine Aufgabe hätten, werde politisch nicht geführt. Schweizer fragte sich überdies, ob der Bundesrat die Realitäten, die sich hinter den Paragraphen verbärgen, überhaupt wahrnehme.
Das ist kein Feuilletonist, Kulturkritiker oder Nouvel Philosophe, der da die üblichen Klagen über den steinigen Boden anstimmt, den die Schweiz für die Kultur darstellt. Schweizer ist ein bodenständiger Professor für Öffentliches Recht.
Und er war bei weitem nicht der einzige, der am FMB das Fehlen einer konstruktiven Debatte beklagte. Ähnliche Kritik übte Hans Ambühl, der Generalsekretär der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, am Weissbuch «Zukunft Bildung Schweiz» der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften zur Bildung 2030.
Zufälligerweise hat Rudolf Strahm, der ehemalige Preisüberwacher und gegenwärtige Präsident des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB), wenige Tage später eine ganz ähnliche Diagnose gestellt, und zwar im «Club» des Schweizer Fernsehens zur Hochschulpolitik (und der Bedeutung der Deutschen in der akademischen Landschaft der Schweiz).
Strahm beklagte den Umstand, dass «alle Parteien ausser der SVP in Sachen Bildungspolitik jahrelang nichts gemacht haben, ausser der Bürokratie nachzurennen». Die bürgerliche Mitte, sprich der Freisinn und die CVP, aber auch SP verteidigten seit langem nur noch die administrativen bildungsbürokratischen Linien. Ausgerechnet der Freisinn und die SP seien, monierte Strahm, ursprünglich Bildungsparteien gewesen. Diese würden zu dem Thema nun schweigen.
Was die bürgerliche Intelligenz heute Grundsätzliches zur Kultur zu sagen hat, exemplifizierte am FMB der an der Universität Zürich lehrende politische Philosoph Georg Kohler. In einem Vortrag zur Musik und der «Logik der Gefühle» wandte er sich zurück zur mittlerweile deutlich angestaubten Hermeneutik des wegen des Zürcher Literaturstreites umstrittenen Emil Staiger. Kohler zeigte sich froh darüber, dass «die allzu strukturalistische Phase» in der Literaturwissenschaft überwunden sei und man etwa wieder davon sprechen könne, dass wir uns den «dunkel gefühlten Gehalt von Gedichten zu eigen machen» könnten.
Auf der Grundlage einer Geisteswissenschaft, welche die methodischen Entwicklungen der letzten vierzig Jahre (die es neben dem Strukturalismus auch noch gegeben hat) offenbar nicht zur Kenntnis nimmt, und mit akademischer Nostalgie, die mit den Herausforderungen der Gegenwart praktisch nichts mehr zu tun hat, lässt sich tatsächlich keine zeitgerechte Kulturdebatte führen.
Wenn man sich noch daran erinnert, in welchem Ton aus der bürgerlichen Mitte in den Erörterungen zum Kulturförderungsgesetz die Idee eines Kulturrates lächerlich gemacht worden ist (siehe Editorial), kann man nur zu einem Schluss kommen: In der Schweizer Bundespolitik bewegen sich die Alternativen im politischen Zentrum zwischen Defätismus und restaurativem Antiintellektualismus.
Die dringend notwendige Dynamisierung der Schweizer Gesellschaft rückt so mehr und mehr in die Ferne. Angesichts der aktuellen globalen Herausforderungen für Gesellschaft und Ökonomie unseres Landes äussert sich da eine erstaunliche Verdrängungskunst. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
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