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«HarmoS» und der Lerneifer der Kinder

Von Wolfgang Böhler

Die Schweizerische Volkspartei SVP hat der Harmonisierung der Volksschule im Bundes-Projekt «HarmoS» den Kampf angesagt. Sie wirkt dabei auf den ersten Blick allerdings unfreiwillig komisch. Bei «HarmoS» geht es grundsätzlich darum, die verschiedenen kantonalen Schulsysteme abzugleichen. Eine Attacke gegen den urschweizerischen Föderalismus, finden die SVP-Strategen und selbsternannten Hüter schweizerischer Eigenheiten. Und was kündigt SVP-Pressesprecher Alain C. Hauert (auf der Webseite der Partei) wörtlich an? «Als Sofortmassnahme wird die Partei in der ganzen Schweiz geschlossen gegen das Konzept kämpfen.» Was der SVP recht ist (von oben diktierter Kampf gegen regionale Vielfalt in den eigenen Reihen), darf der Schule offenbar nicht billig sein.

Stossender ist der Fehlschluss, es gehe in einem zweiten wichtigen Anliegen von HarmoS − der frühen Einschulung − um eine Verstaatlichung der Erziehungsaufgaben. O-Ton Hauert: «Der Entzug der elterlichen Erziehungshoheit kann nicht die Lösung sein, um den Niedergang der Volksschule zu stoppen.» Nun bedeutet aber zusätzliche obligatorische Förderung keineswegs den Entzug der Erziehungshoheit. Das eine hat mit dem andern wenig zu tun. Eltern nehmen ihre Erziehungshoheit unabhängig von ausserfamiliären Förder- und Schulungstätigkeiten wahr oder eben nicht. Es geht auch nicht darum, wie SVP-Mann Ulrich Schlüer im Schweizer Fernsehen erklärte, Kinder zu Lernmaschinen umzupolen. Ihnen soll in einem kritischen Alter bloss das geboten werden, was sie von sich aus gerne machen: viel, gut und schnell lernen. Die heutige Grundschule schafft für das Durchschnittskind nämlich nicht Probleme, weil sie es überfordern würde, sondern weil sie es unterfordert − Erfahrungen aus andern Ländern belegen dies eindrücklich. Das Menschenbild der SVP wirkt mit Blick auf Kindheit und Erziehung reichlich spätromantisch antiquiert. Die Fakten sprechen eine andere Sprache.

Dasselbe gilt in noch höherem Masse für die musikalische Früherziehung. Wenn in plauschigen Grüppchen ein bisschen auf Orff-Instrumenten herumgeklimpert wird, dann sind die Kleinkinder ebenso unterfordert. Anspruchsvolle, aber altersgerechte Entdeckungs- und Übemethoden für Rhythmus-, Melodie- und Klanggefühl können in diesem Alter den Grundstein dazu legen, dass der Nachwuchs später einen hochkarätigen Instrumentalunterricht mit Begeisterung und schnellen Fortschritten absolviert und das aktive Musizieren später als selbstverständlich zu seinem Leben gehörend empfindet.

Ob solche frühe Fördermassnahmen zum Greifen kommen, hängt aber auch mit dem Prestige der Lehrkräfte zusammen. Zur Zeit müssen Kindergärtnerinnen und musikalische Früherzieherinnen noch darum kämpfen, auf Augenhöhe mit der Lehrerschaft der «richtigen» Schule wahrgenommen zu werden. Musikalische Früherziehung und Einschulung müssten aber zu Berufsbildern werden, die eine Art Elite im Bildungssystem bezeichnen. Sie müssten ständige universitäre Weiterbildung und kontinuierliche eigene Forschungsprojekte als Selbstverständlichkeit umfassen − und ihre Entlöhnung müsste sich (mindestens) auf dem Niveau der Gymnasiallehrpersonen bewegen.

Zudem ist das eines der wenigen Gebiete, auf dem der Feminismus auf den Kopf gestellt werden müsste: Unerlässlich wären gezielte Fördermassnahmen für Männer, um die deutliche Dominanz von Frauen als Kindergarten- und Grundschullehrpersonen zu durchbrechen. Ob man das nun als gerecht empfindet oder nicht: Mehr Männer in dem Gebiet gäbe ihm ein höheres soziales Ansehen und politisches Gewicht.
(wb)


Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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