Die urbane Künstlergruppe «Bitnik» erlaubt sich einen Hochkultur-«Hack». Der sieht zunächst aus wie ein trendiger Gag, macht dann aber doch recht stutzig. Die Künstler haben im Zürcher Opernhaus im Rahmen einer Aktion mit Namen «Opera Calling» Abhörwanzen versteckt. Damit übertragen sie in mehr schlechter als rechter Telefonqualität Opernvorstellungen nach draussen (Codex flores berichtete). Ein in einer nahe gelegenen Avantgarde-Galerie situierter Kommunikations-Computer wählt nach dem Zufallsprinzip eine Telefonnummer und überspielt dem Empfänger die Live-Aufnahme. Der Zufallshörer kann in der Folge – so ihn die Hörmuschel am Ohr nicht bald einmal zu drücken beginnt – Puccinis «Bohème» und andere Klassiker live mitverfolgen.
Selbstverständlich versuchen die Verantwortlichen des Opernhauses, ihrer Rolle gemäss, die Wanzen aufzuspüren und die ihrer Ansicht nach illegalen Mitesser loszuwerden. Man glaubt ihnen zwar, dass sie mit der Sache nichts zu tun haben. Schwer fällt es aber dennoch – allzusehr könnte die Aktion einem Lehrbuch des «viralen Marketings» oder der «Guerilla-PR» entsprungen sein. Deren Ziel ist es, mit unkonventionellen Mitteln Aufmerksamkeit für ein Produkt zu erzeugen und dafür zu sorgen, dass die Meldung sich von sich aus weiterverbreitet.
Das Opernhaus hat ja selber vor Wochenfrist mit der simultanen Übertragung der «Zauberflöte» auf zwei Kanälen des Schweizer Fernsehens – einmal vor und einmal hinter der Bühne – einen cleveren Schachzug im ständigen Kampf auf dem Schlachtfeld der konsumentalen Aufmerksamkeit gemacht (Codex flores berichtete). Der zugleich subversive Touch von «Opera Calling» und die Tatsache, dass einem eher jungen und hochkulturfernen Publikum eine «Bohème» als obskures Objet du désir angedient wird, bedeutet für das Opernhaus aber vielleicht die noch schlagfertigere Form der Imagewerbung.
«Opera Calling» ist aber auch von der Grundidee her mehr als ein simpler Gag. Bitnik erinnert damit nämlich auch an die ursprüngliche, heute nicht minder subversiv anmutende Hoffnung des Telefon-Erfinders Graham Bell, der Apparat könne zur Übermittlung und damit Demokratisierung von Konzerten dienen – an die unablässigen Klatschorgien, mit welchen die Quasselknochen schliesslich die Menschheit beglückt haben, dachte Bell nicht einmal im (Alp-)traum. Tatsächlich wurden zunächst Systeme im Sinne Bells realisiert, so Ende des 19. Jahrhunderts in Ungarn die sprechende Zeitung «Telefon Hirmondo», die auch Konzerte übertrug, oder das Pariser «Théâtrophone», über das 1907 sogar Debussys «Pelléas et Mélisande» in die städtischen Haushalte übertragen wurde.
Der Haken an «Opera Calling» ist der Mangel an Nachhaltigkeit. Denn die Piraten-Sendungen, die nach dem Zufallsprinzip wohl eher ein paar wenigen Uninteressierten oder gerade nicht Disponierten angedient werden, vermögen eben gerade nicht die Massen zu mobilisieren. Der Kern der Kunstaktion dürfte deshalb eher aus der Medienresonanz bestehen, die sie in der Limmatstadt und anderswo ausgelöst hat. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
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