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03.12.2009
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Aspekte einer zeitgemässen Musikkritik

Anton Bruckner mit seinen Kritikern Eduard Hanslick, Max Kalbeck und Richard Heuberger im Schlepptau. Kalbeck schrieb auch unter dem Pseudonym «Jeremias Deutlich». Zeitgenössische Karikatur von Otto Böhler. (Bilder: Archiv)


Praktische Aspekte der Musikkritik werden theoretisch wenig reflektiert. Vor allem die menschlichen Dimensionen sind nach wie vor weitgehend tabuisiert. Über ethische und stilistische Regeln der öffentlichen Beurteilung von Musikleistungen sollte aber immer wieder neu nachgedacht werden.

Sie ist wohl eine der anspruchsvollsten journalistischen Formen. Die Wertungskriterien, auf die sich die Musikkritik berufen kann, sind ausserhalb eines Expertenkreises schwer vermittelbar, ihr Gegenstand unterliegt in hohem Masse individueller Wahrnehmung, Beschreibungen dessen, worauf man sich beruft, sind – zumindest im Falle einmaliger Konzertereignisse – meist nicht überprüfbar.

In den letzten Jahrzehnten ist dazu eine erhebliche Ausweitung der Musikberichterstattung auf eine Vielfalt von Musikstilen gekommen, die alle ihre eigenen Regeln und ästhetischen Gesetze kennen. Zusätzlich ist der Musikkritiker wie kaum ein anderer Berichterstatter mit Aspekten der emotionalen Verletzlichkeit der Akteure konfrontiert, inklusive seiner eigenen.

Erstaunlicherweise wird die Kunst der Musikkritik abgesehen von recht abgehobenen ästhetischen Erörterungen theoretisch kaum reflektiert (eine Ausnahme bildete 2004 eine Tagung an der Berner Musikhochschule, siehe dazu die Codex-flores-Besprechung). Viele ihrer wichtigen menschlichen Aspekte sind überdies nach wie vor tabuisiert, obwohl ihre hohen Ansprüche eine solche Reflektion im Grunde genommen notwendig machen würden.

Wohl gibt es einzelne wissenschaftliche Abhandlungen und praktische Einführungen in die Materie, eine systematische Grundlagendiskussion findet jedoch kaum statt, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass Musikkritik wie Kunstkritik von Chefredaktoren und anderen publizistisch Verantwortlichen bloss als inhaltliches Ornament und damit eher als eine Form des gehobenen Gesellschaftsklatsches denn als Mittel der seriösen Berichterstattung betrachtet wird. Eine folgenreiche Fehleinschätzung.

Der Kritiker Eduard Hanslick, Richard Wagners «Sixtus Beckmesser», beweihräuchert sein Idol Johannes Brahms.


Es kommt aber nicht von Ungefähr: Historisch hatte Musikkritik im Grunde genommen immer Kolumnencharakter und wurde eher von der Persönlichkeit herausragender Feuilletonisten als von bestimmten Positionen und einem kontinuierlichen Diskurs geprägt. Dass die Textsorte menschlich Heikles berührt, zeigt auch die Tatsache, dass viele klassische Autoren ihre Urteile Kunstfiguren in den Mund legten.

Die genauso wünschbare wie unmögliche theoretische Fundierung der Musikkritik soll im Folgenden nicht das Ziel sein. An dieser Stelle sollen bloss einige Aspekte dieser journalistischen Form herausgegriffen und dazu praxisorientierte Regeln vorgeschlagen werden. Die Schwerpunkte sind zum einen der noch immer tabuisierte Bereich der emotionalen Verletzlichkeit – die sehr persönliche Seite der Kritik –, zum andern die erkenntnistheoretische Frage nach den angemessenen Mitteln von Beschreibung und Beurteilung von musikalischen Ereignissen.

Der Eiertanz im Glashaus

Ungünstige Beurteilungen von Tonträgern können für Musiker unerfreulich sein, Besprechungen persönlicher Auftritte stellen aber in noch weit höherem Masse ihre Gesamtpersönlichkeit aus und sind für ihr Selbstwertgefühl eine existentielle Herausforderung. Die sprichwörtliche Empfindlichkeit ist nicht Legende: Aus der Praxis der musikmedizinischen Beratung weiss man, dass Musikkritiker (aber auch Dirigenten im Orchesteralltag) mit einer saloppen Bemerkung in einem Nebensatz eine Musikerkarriere zerstören, einen Künstler emotional ein Leben lang lähmen oder gar in den Selbstmord treiben können.

Nicht nur zeitgenössische Castingshows der Popmusik (etwa «Deutschland sucht den Superstar»), sondern auch historische Vorbilder aus der ernsten Musik festigen dessenungeachtet das Vorurteil, dass Kritik hart, erbarmungslos und emotional zu sein habe, um Musiker zu Spitzenleistungen zu provozieren. Auf andern Gebieten hat Political Correctness Entwertungen, Ausgrenzungen und Blossstellungen bereits der gesellschaftlichen Ächtung überantwortet. In der Musikkritik ist dies interessanterweise noch kaum der Fall, wie die Diskussionen um den Umgangston in den einschlägigen Fernsehformaten zeigen.

Auch Künstler der ernsten Musik, die sich (selbst völlig zu recht) über schlechte Behandlung in der Presse beklagen, gelten in der Regel als zickig oder schwierig. Bezeichnungen wie «Diva» werden praktisch nicht hinterfragt. Sogenannt divenhafte Allüren stellen in den allermeisten Fällen eine Art Selbstschutz gegen das Ausgeliefertsein an Kritik dar. Dahinter verbirgt sich ganz normale und gesunde Verletzlichkeit.

Ein Kritiker sollte sich deshalb immer bewusst sein, welche Verantwortung er gegenüber den von ihm öffentlich Beurteilten hat. Um dabei den richtigen Ton zu finden und sich über die guten Gründe eines Urteils wirklich Gedanken zu machen, hilft eine Faustregel: Geschrieben werden sollte nur, wovon der Schreibende sicher ist, dass er es dem Beurteilten im persönlichen Gespräch jederzeit direkt ins Gesicht sagen könnte.

Selbstporträt von Johannes Kreisler alias Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, eines der Begründer der romantischen Musikkritik.

Wie glatt das Parkett ist, auf dem man sich hier bewegt, zeigt sich auch in den Reaktionen der Musiker auf öffentliche Beurteilungen ihrer Leistungen. Erfahrungsgemäss lesen Musiker Konzertbesprechungen sehr häufig mit hoher Bereitschaft, darin eine Herabwürdigung ihrer Arbeit zu entdecken. Auch wer auf jahrzehntelange Erfahrung als Kritiker zurückblicken kann, staunt immer wieder darüber, dass einzelne Formulierungen oder ganze Texte in einer Art interpretiert werden, die der Schreibende selber nie beabsichtigt hätte und auf die er selber im Traum nicht gekommen wäre.

Dass selbst offensichtliche Ironie meistens nicht als solche verstanden wird, ist eine der ersten Erfahrungen von journalistischen Debütanten. Vor Fehlschlüssen muss jedoch gewarnt werden: Eine rechte Portion Misstrauen und Angst vor Denunziation ist Ausdruck einer gesunden Persönlicheit. Musiker, die von Kritikern Rechenschaft erwarten, sollten mit allem nötigen Respekt behandelt werden. Die Beweislast liegt beim Kritiker.

Musikern wiederum, die der Meinung sind, sie würden von missgünstigen und feigen Journalisten bloss zum eigenen Vergnügen öffentlich blossgestellt oder gar fertiggemacht, sollte man eines zu bedenken geben: Es gibt natürlich die Beckmesser und Kleingeister der Kritikergilde. Aber auch die Journalisten spüren den Druck der öffentlichen Blossstellung.

Die Arbeit keines Berufsstandes ist derart exponiert und von der Allgemeinheit kontrollier- und kritisierbar wie diejenige der Journalisten. Alles, was diese tagtäglich leisten – ob sie nun gut oder weniger gut drauf sind – kann von allen jederzeit in der Zeitung nachgelesen oder im Radio abgehört werden. Journalisten sind naturgemäss die exponiertesten Berufsleute, die es überhaupt gibt.

Heisse Suppen mit kaltem Löffel essen

Aus diesen Überlegungen lassen sich erste Regeln des Schreibens von Musikkritiken ableiten:
  • Erstes Prinzip: Interpretationskritik sollte, vor allem im Falle der Beurteilung von Bühnenauftritten, möglichst direkt und geradlinig sein und alle Arten von Doppeldeutigkeiten vermeiden.
Flotte Schreibe, Sarkasmus, Ironie oder sogar Zynismus gelten als Ingredienzen einer interessanten Kritik. Fertigmacher sind die Stars der Szene. Dies befördert den Irrtum, dass Kritiken nur interessant sein können und gelesen werden, wenn sie sich als eine Art «Anwalt des Lesers» über nicht Gelungenes empören oder ihre eigene Langweile zum Skandalon erheben, für das der Kritisierte verantwortlich gemacht wird. Damit können Häme, Neid und Missgunst bedient werden. Ein Beitrag zur Erhöhung der Qualität des Musiklebens wird damit nicht geleistet. Hohe Musikkulturen zeichnen sich durch emotionale Kompetenz aus. Diese wiederum äussert sich bei aller Klarheit des Urteils in Respekt und Einfühlungsvermögen. Es gibt nichts Provinzielleres als Rechthaberei, Mangel an Grosszügigkeit und schlechtgelaunte Krittelei.
  • Zweites Prinzip: Je negativer ein Urteil ausfällt, umso sachlicher soll es formuliert werden und umso genauer und transparenter muss es begründet werden.
Interessanterweise spielt für die Härte der Wirkung eines Urteils kaum eine Rolle, wie scharf es formuliert ist. Texte von Kritikern, die sich der Litotes bedienen und ihre Bandbreite statt von «genial» bis zu «kompletter Mist» bloss zwischen «ganz ordentlich» und «noch ausbaufähig» spannen, werden gleich hart gedeutet. Ein Beurteilter liest aus einem «hat noch Potential» eines subtil argumentierenden, wohlwollenden Rezensenten genauso das «kompletter Mist» heraus wie aus dem Text des zynischen Kollegen, der genau das auch so schreibt. Harte Urteile können also auch sehr milde formuliert werden, ohne im Grundsatz an Schärfe zu verlieren.

Gelingen oder Scheitern einer Rezension hängen häufig von subtilen, multifaktoriellen Details ab. Sportreporter können Tore und Punkte zählen und in Schlussinterviews die Eigeneinschätzung der Athleten abfragen, politische Berichterstatter Ratsprotokolle konsultieren. Diese Mittel der Objektivierung hat der Musikkritiker nicht. Er ist gezwungen, ohne Netz und doppelten Boden zu arbeiten.

Für Dritte (wie für Fachleute mit Blick auf zurückliegende Ereignisse) ist es deshalb ungewöhnlich schwierig, die Qualität von Kritiken zu beurteilen. Fakes sind einfach erstellbar und schwer eruierbar. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Kritiker können sich vor allem bei der Aufführungsbesprechung den Anstrich hoher Kompetenz geben, indem sie subtile Urteile fällen und präzise Beschreibungen liefern, die gedruckt überaus überzeugend wirken, aber im Extremfall pure Erfindung sind.

Der Komponist Claude Debussy (in dieser zeitgenössischen Fotografie am Klavier) veröffentlichte unter dem Pseudonym «Monsieur Croche» Konzertkritiken.

Da es sich bei Konzerten um nicht wiederholbare Ereignisse handelt, sind die Argumente kaum überprüfbar. Einwände kann der Schreibende immer mit Blick auf «Störfaktoren» entkräften, etwa darauf, dass ein Konzert sehr unterschiedlich erlebt werden kann, je nachdem wo im Saal eine Person sitzt, auf welchen der zahlreichen Aspekte einer Beurteilung er gerade seinen Fokus richtet und so weiter.

Zwischen Werturteil und Stimmungsvermittlung

Angesichts solcher Komplexitäten fragt es sich, ob es die Aufgabe der Musikkritik sein kann, partikuläre Urteile zu fällen, oder ob diese nicht vielmehr darin bestehen müsste, dem weniger geübten allgemeinen Publikum mit möglichst exakten Beschreibungen des Ambientes eines Konzertes eine Hörhilfe mitzugeben. Seit einigen Jahren ist diese Art der Verschiebung der Aufgaben der Musikberichterstattung von der Kritik zur Vermittlung auffällig, und sie wird unter Feuilleton-Redaktoren auch immer wieder beklagt.

Das Unbehagen hat Gründe. Es hat eine Verlagerung stattgefunden weg von der klassischen Interpretationskritik hin zu Hinweisen auf ein Konzert im Vorfeld. In der Regel wird dies mit einem nie wirklich abgefragten «Leserinteresse» begründet (das sich bei näherem Hinsehen in Tat und Wahrheit als Veranstalter- und damit Werbekunden-Interesse entpuppt) oder eben mit dem Hinweis auf die Unwägbarkeiten bei der Würdigung musikalischer Leistungen.

Da diese Verschiebungen Hand in Hand mit der enormen Ausweitung und Pluralisierung des Musiklebens stattgefunden haben, ist ein Urteil darüber, ob man sie beklagen oder begrüssen soll, schwierig. Eine eindeutige Antwort verbietet sich. Eine der ersten Entscheidungen des Konzert- und Theaterberichterstatters muss heute deshalb sein, ob ein Ereignis nun nach einer vergleichenden Interpretationskritik, einem Stimmungsbericht, einer subjektiven Glosse oder noch einer andern Form verlangt.

Unfair ist etwa, wer die Bach-Interpretation im Konzert eines Studierenden an CD-Aufnahmen der Weltklasse misst oder ein stimmungsvolles, volkstümliches Weihnachtskonzert an den Anforderungen aktueller historisch-kritischer Interpretationskunst. Das scheint selbstverständlich, aber eine derartige Systematik ist in den durchschnittlichen Kritiken, die heute publiziert werden, kaum zu erkennen.
  • Drittes Prinzip: Interpretationen sollten an den Ansprüchen der Interpreten an sich selber gemessen werden.
Textlängen und Schärfentiefen

Es stellt sich angesichts dieses Pluralismus natürlich auch die Frage nach den angemessenen sprachlichen Mitteln. Der Schreibende bewegt sich da in einem breiten Feld zwischen einer rein metaphorischen Charakterisierung und einem Stil, der sich an einer scheinbar exakten Darlegung der technischen Beschaffenheit und Umsetzung orientiert. Wo der eine vom «feinen Schweben in pastellfarbener Durchsichtigkeit» schreibt, ortet der andere mit Blick auf den gleichen Sachverhalt «in den ersten Geigen einen exakten und perfekt synchronisierten Übergang ins Vibrato».

Kritiker, die zu letzterem neigen, sind gezwungen, sich auf die Analyse von Details zu kaprizieren. Sinnvoll ist dies bloss, wenn damit Exemplarisches dargelegt werden kann. Meist exemplifiziert es allerdings eher das Bemühen des Schreibenden, kompetent zu wirken, als dass es dem Leser wirklich einen Zugang zum Besprochenen öffnen könnte.

Technisch detaillierte Interpretationskritik hat ihren Platz im Studierzimmer der Musikhochschule oder im Seminar der Universität. Sich in einem 2000-Zeichen-Text darüber aufzuhalten, dass zwei schnelle Oktavsprünge einen Pianisten an die Grenzen seiner technischen Möglichkeiten gebracht haben oder das Detaché des Geigers in der Reprise unangebracht war, heisst, die Relationen zu verkennen. Ähnlich wie die (digitale) Auflösung eines Bildes einerseits über die Detailschärfe des Abgebildeten abhängig von der Bildgrösse und damit dem darstellbaren Ausschnitt einer Szene bestimmt, legen Textlänge und Zielpublikum den Auflösungsgrad der Detailkritik fest.
  • Viertes Prinzip: Der «Auflösungsgrad» von Beschreibung und Urteil in einer Kritik soll der Länge des Textes entsprechen.
Auch dies ist ein an und für sich selbstverständliches Prinzip. Ihm in einem Text in der Argumentation oder Beschreibung tatsächlich zu folgen, ist – vor allem wenn es um kürzere Besprechungen geht – allerdings häufig eine Herausforderung. Unter Umständen müssen für sehr differenzierte Aussagen zugleich knappe und griffige Formulierungen gefunden werden. Je knapper der Text, um so metaphorischer und emotionaler wird die Charakterisierung, umso sorgfältiger sollte an den Sprachbildern gearbeitet und auf die üblichen Verdächtigen unter den Vergleichen verzichtet werden.

Metaphorisches Schreiben ist in den postromantischen Epochen eher in Misskredit geraten. Dabei bedeutet Denken und Urteilen in Metaphern keineswegs eine Flucht in die Beliebigkeit. Metaphern können treffen oder falsch sein, Ein richtiges Gespür für bildhafte Beschreibungen ist eine weitherum unterschätzte Kunst. Sie wird auch kaum noch gepflegt, obwohl die Fähigkeit, Querverbindungen zwischen den unterschiedlichsten Schemata der Welterfahrung herzustellen, eine der wichtigsten und lohnendsten ist, die ein Kritiker ausprägen kann.

Kritiker drücken sich entweder vor der im Grunde genommen einzigen wirklich interessanten Aufgabe, nämlich dem Entwickeln eines aussagekräftigen persönlichen Metaphernstils, indem sie ihren Texten einen scheinbar objektiven Anstrich dadurch geben, dass sie sich auf technische Beschreibungen zurückziehen. Oder sie machen die eigene subjektive Befindlichkeit zum Massstab. Letzteres hat auch auf andern Gebieten in den vergangenen Jahren vor allem in der gedruckten Presse zu einer Kolumnenschwemme mit hohem Eitelkeitsfaktor geführt.

Kolumnisten, die vor allem flapsige Sätze über ihre eigene Befindlichkeit absondern, entsprechen in Zeiten, in denen narzisstische Persönlichkeitsstörungen zur Volkskrankheit werden, zwar durchaus der Mode; nichtsdestotrotz ist das Phänomen Zeichen von Kulturzerfall. Die Unkultur der flotten Sprüche hat mir der hohen Kunst der Metapher nichts zu tun.
  • Fünftes Prinzip: Gute Kritik ist die Kunst der angemessenen, originellen und überraschenden Metapher.
Bildhafte Sprache ist nicht risikofrei. Vor allem die Liaison dangereuse von Metapher und Hyperbole hat es in sich. Metaphern verführen zu Übertreibungen, mit denen Durchschnittliches zum Ereignis hochstilisiert und simpel Misslungenes zur heroischen Tat verklärt wird. Treffende Metaphern, die dem Leser ein lebhaftes und richtiges Bild des Beschriebenen geben, zeichnen sich durch zwei Dinge aus: einerseits durch die Übereinstimmung der faktischen Bedeutung des Sachverhaltes und der impliziten Gewichtung durch die Metapher, andererseits die Originalität und unmittelbare Fasslichkeit des Sprachbildes.

Giftschrank (lesen selbstverständlich verboten)

Musikkritiker verfügen über eine patente Geheimwaffe. Es handelt sich um etwas, was am besten als «flexible Argumentation» umschrieben wird. Jeder Anlass und jede Interpretation kann je nach Massstab (der aber nicht offengelegt wird) ins Positive oder Negative gedreht werden, weil die Massstäbe angesichts der Demontage absoluter Werte durch die moderne pluralistische Gesellschaft selber eben nicht mehr gerechtfertigt werden müssen.

Ein unentschiedener Interpret kann als «Zumutung für den verwöhnten Hörer» abklassifiziert oder als «erster, der den Mut hat, die effekthascherischen Extreme zu meiden» in den Himmel gelobt werden, profilierte Persönlichkeiten lassen sich genausogut als «eitle Selbstdarsteller» wie als «authentische Persönlichkeiten» verkaufen und so weiter und so fort. Die Pufferzone zwischen Manipulation und integrem Urteil ist schmal, der Missbrauch der flexiblen Argumentation weit verbreitet. Umso skrupulöser gilt es für Rezensenten, sich der Lauterkeit und Kontrolle der eigenen Einschätzungen zu versichern.

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