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23.09.2003
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Eine Seelenchronik Europas

Johann Strauss (Bild: Cf-Archiv)

Die Anfänge des Paartanzes im Dreivierteltakt finden sich in der Zeit der Renaissance. Die Geburtsstätte der Volte, die das «Walzen», das heisst das Drehen, nicht nur in ihrem Namen vorwegnahm, ist die französische Provence. Ihre ersten Zeugnisse gehen zurück auf das Jahr 1178, ihr choreografischer Chronist ist Thoinot Arbeau, der in seiner «Orchésographie» aus dem Jahr 1589 auf ihre Unsittlichkeit hinwies: «Ie vous laisse à penser si c`est chose bien séante à une jeune fille de faire grands pas et ouverture de iambes» («Ich überlasse es Ihnen zu entscheiden, ob es sich für ein junges Mädchen schickt, grosse Schritte zu machen und die Beine zu spreizen»).

Ein anderer Chronist, Johann von Münster, wurde noch deutlicher («Ein Gottseliger Tractat von dem ungottseligen Tanz», 1594): «Unfletiger Tanz, la volte geheissen in einen wirbel herumb fliegen. In diesem Tanzt nimpt der täntzer mit eine Sprung der Jungfrau – die auch mit einem hohe Sprung / Auss an leytung der Musik / heran komt – wahr und greiffet sie an eine ungebührlichen ort da sie etwas von holtze oder anderer Materien hat machen lassen / un wirft die Jungkfrau selbst / und sich met ihr / etlich vil mal sehr künstlich und hoch uber die Erden herumb also auch / dass der Zuseher bissweilen meinen sol / dass der Täntzer mit den Tänzerinnen nicht wider zur Erden kommen können: sie haben dann beyde ihre Hälse und Beine zubrochen.» Frühbarock-Rock-’n’-Roll, sozusagen.

Der berüchtigte Jurist Jean Bodin l’Angevin weiss uns in seinem Traktat «De la démonomanie des sorciers» (1593) sogar zu berichten, wo und zu welchem Zweck die Volte getanzt wird: «il ne se faict point d’assemblée oú l’on ne danse». Bei den Hexen nämlich. «Elles disoyent en dansant har, har, diable, diable, saute icy, iouë icy, iouë là.» Manche Tänzer entgingen nur dank der Fürsprache besonnener Kleriker der Exkommunikation, weniger gut hatten es diejenigen, deren Leidenschaft auf dem Scheiterhaufen zu kühlen versucht wurde. Die systematische klerikale Repression, der zölibatäre Kreuzzug wider den Paartanz, war nicht aufzuhalten. Allzu gefährlich schienen seine Folgen. Praetorius:, «Blocksberg Verrichtungen» (1668): «...einem welschen Tanze, da man einander an schamigen Orten fasset und wie ein getriebener Topf herunterhaspet und wirbelt und welcher durch die Zauberer aus Italien und Frankreich ist gebracht worden . . . Wirbletanz voller schändlicher unflätiger Geberden und unzüchtiger Bewegungen auch das Unglück auf sich trage, dass unzählig viel Morde und Missgeburten daraus entstehen . . .» (Zitate aus: Remi Hess, ,La valse», Paris 1989).

Der Tanz des erwachenden Bürgertums

Während der Französischen Revolution von 1789 schuf sich die Lust am Paartanz im Dreivierteltakt jedoch mit unbändiger Kraft wieder Raum: Die verwaisten Pariser Klöster – seine früheren Bewohner waren um Köpfe kürzer gemacht worden – dienten als Tanzsäle. Man tanzte im Hof von Saint-Sulpice inmitten der Gräber. Die Altäre ächzten unter der Last der bäuerlichen Bankette. Und Napoleon brachte Europa in der Folge nicht nur die Ideen von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, genauso exportierten seine Armeen ein anderes Produkt der Revolution: das aus der Verbannung durch die Kirche wiederauferstandene Walzen.

Über die Urheberschaft für den eigentlichen Wiener Walzer streiten sich französische und deutsche Musikhistoriker, wobei nationalistische Gefühle eng mit entsprechenden Theorien verbunden sind. Nach Klingenbeck («Unsterblicher Walzer», Wien 1943) ist das berühmte Lied «Oh du lieber Augustin, alles ist hin» aus dem 17. Jahrhundert das erste Walzerzeugnis. Eine Melodie, die Arnold Schönberg sinnigerweise in dem Streichquartett zitiert, mit dem er den Schritt in die Atonalität vollzieht und damit der melodienseligen Welt des Walzers zu Anfang unseres Jahrhunderts eine Absage erteilt. Der Name «Walzer» selber geht vermutlich auf ein Lied in einer Komödie von Josef Kurz aus dem Jahr 1754 zurück: «Bald Singen, bald Springen/Bald sauffen bald ranzen./Bald spielen und tanzen,/Bald steirisch, bald schwäbisch,/Hanakisch, slowakisch,/Bald walzen umatum/Heissa rum-rum.» Den ersten eigentlichen Walzer wollen verschiedene Autoren in der Oper «Una cosa rara» von Vincent Martin entdeckt haben, die Mozarts «Figaro» 1787 im Theater an der Wien verdrängte. Zu einem Massenphänomen wurde er im deutschen Sprachraum jedoch sicherlich erst dank den napoleonischen Umwälzungen.

Wien 1815. Der Kongress tanzt: Der europäische Walzerraum, das ist der Ballsaal. Das berühmteste Etablissement in Wien, zwischen dessen Mauern eine geistreiche neue Erfindung – das Parkett – den Wandel vom springenden Tanzen zum gleitenden Wogen erlaubte, richtete sinnigerweise der englische Prothesenmacher Sigmund Wolfsohn ein; dank seinem Metier war er durch die napoleonischen Kriege reich geworden. Es war sein «Apollo» vor allem, in dem die Neuordnung Europas entschieden wurde: Der französische Graf La Garde war der einzige, der – gemeinsam mit ungenannten deutschen Prinzessin – noch einen Versuch unternahm, der strengen Schönheit und Würde des höfischen Menuett zu ihrem Recht zu verhelfen. Man schaute, applaudierte – höflich –, aber folgte nicht. Die Abgeordneten aus ganz Europa tanzten den Walzer des selbstbewusst gewordenen Bürgertums.

Chronik der Industrialisierung

Auch Johann Strauss, der Walzerkönig des neunzehnten Jahrhunderts, schien zu wissen, was die Durchschnittsbürgerin und den Durchschnittsbürger beschäftigte. Mit seinen Kompositionen schuf er eine frivol klingende Chronik der Industrialisierung und der imperialistischen Fortschrittsgläubigkeit – und starb selber als Millionär (dank geschickter Art, die Autorenrechte zu verwalten – zu seiner Zeit noch alles andere als eine Selbstverständlichkeit). Sein Nachlassvermögen, 835 000 Gulden, darunter sieben Häuser, ging an die «Gesellschaft der Musikfreunde» in Wien. Der vom Testament ausgeschlossene Bruder Eduard liess zur Rache nach der Auflösung der Strauss-Kapelle das gesamte Notenmaterial des Orchesters vernichten. «Dreimal wurden im Oktober 1907 Ofen-Fabriken mit Notenpaket-Ladungen beliefert, die in Eduards Gegenwart verbrannt werden mussten.» (Norbert Linke, «Johann Strauss», Hamburg 1982).

Das sind die Geschichten, wie sie die Klatschspalten der Massenpresse lieben – einer Massenpresse, die ohne die Errungenschaften des Straussschen Jahrhunderts undenkbar wäre und deren Boulevardthemen in den Wiener Walzern, Polkas und Märschen vorweggenommen zu sein scheinen: «Eisenbahn-Lust» von Johann Strauss (Vater) wurde am 18. Juli 1836 an einem Sommerfest aufgeführt, an dem ein riesiger Luftballon, ein magisch aufleuchtender Telegraphenapparat und die Attrappe eines fahrenden Eisenbahnzuges die Publikumsattraktionen bildeten; in die Introduktion des Walzers sind denn auch Geräusche wie das Rattern der Rädern, Zischen und Keuchen eingearbeitet. Die «Aether Träume» sind ein Persiflage auf die im Jahr 1847 von Wiener Ärzten eingeführte Narkose, mit der Geschwülste operiert und Zähne extrahiert wurden. «Cycloiden» von Johann Strauss (Sohn) reflektiert die sogenannte «Radlinie», die in der «Ingenieurtechnik der Dampfschiffe, Leuchttürme, Erdvermessungen und Hochöfen» eine Rolle spielte; nach ihren Rhythmen tanzten «die Herren Hörer der Technik» am 9. Februar 1859. «Feuilleton-Walzer» und «Leitartikel» sind Reverenzen an neue Formen des Zeitungswesens, die gerade auch von der Wiener Presse – bis hin zu Karl Kraus – intensiv gepflegt wurden. «Geheime Anziehungskräfte (Dynamiden)» von Joseph Strauss schildert die Ideen des Maschinenbauingenieurs Redtenbacher und zugleich die «unerforschlichen dynamischen Kräfte der industriellen Gesellschaft in ihrem Vereinswesen» (Max Schönherr/Johann Ziegler, «Aus der Zeit des Wiener Walzers», Dortmund, 1981).


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