Brüten über modulierenden Sequenzen: Teilnehmer des Kongresses der GMTH analysieren Notentexte des 19. Jahrhunderts.
(Bilder: Codex flores)
Der 11.Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH), der 2011 in Bern durchgeführt worden ist, war ein Indikator für einen vielfältigen kulturellen Wandel in der Selbstorganisation der Musikforscher- und pädagogengemeinde.
Der deutschsprachige Raum war im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein höchst innovatives Zentrum der Musiktheorie: Grössen wie Hugo Riemann, Heinrich Schenker und Ernst Kurth standen für unterschiedliche originelle Konzepte der Modellbildung zur Beschreibung musikalischer Strukturen. Nach dem zweiten Weltkrieg ist es den systematischen Musikwissenschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz allerdings nicht mehr gelungen, an die globalen Entwicklungen anzuknüpfen.
Das Zentrum der Disziplin verlagerte sich in die USA, nicht zuletzt dank der aus Europa vertriebenen Wissenschaftler, in erster Linie der Schüler Schenkers, die in der Neuen Welt den Grundstein zu einer Annäherung von Musiktheorie, Musikpsychologie. Linguistik und Kognitionswissenschaften legten, eine interdisziplinäre Sicht auf die Musik, die für echte Fortschritte des Faches vermutlich entscheidend sein dürfte, auch wenn die greifbaren Resultate bislang eher bescheiden ausgefallen sind.
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Weblinks www.gmth.de Offizielle Webseite der Gesellschaft für Musiktheorie www.hkb.bfh.ch/interpretation Hochschule der Künste Bern, Fachstelle F+E (Schwerpunkt Interpretation) www.orpheusinstituut.be Orpheus Instituut Gent www.musik-openbooks.de Ulrich Kaisers Openbooks zur Musik
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In den letzten zehn Jahren seit der Gründung der Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH) ist auch im deutschsprachigen Raum ein zaghafter Neuaufbruch zu verzeichnen. Er wird allerdings nach wie vor dadurch gehemmt, dass entsprechende Universitäts-Lehrstühle fehlen. Die Exponenten sind in erster Linie als Theorielehrer an Musikhochschulen tätig und verfügen über zu beschränkte finanzielle und personelle Ressourcen, um Grundlagenforschungen tatkräftig vorantreiben und eine Art «Europäische Schule der Musiktheorie» begründen zu können.
Entsprechend unsystematisch und thematisch zufällig wirkt das Spektrum der Beiträge an den Jahrestagungen der GMTH. Es erstreckt sich über historische Betrachtungen zu praktisch-pädagogischen Überlegungen für den Unterrichtsalltag bis zu vereinzelten Ansätzen theoretischer Reflektion aktueller Fragestellungen im internationalen Kontext.
Richtete sich der Blick an der Tagung 2010 in einer gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie realisierten Veranstaltung unter dem Thema «Kreativität – Struktur und Emotion» systematisch nach vorne, wandte er sich 2011 an der Hochschule der Künste Bern am 2. und 3. Dezember mit Blick auf die «Musiktheorie im 19. Jahrhundert» wieder eher zurück.
Da standen dann neben zahlreichen Einzelstudien zu Werken Beethovens, Mendelssohns, Chopins, Brahms oder Liszts Themen wie die Art der Verbreitung von Musiktheorien im 19. Jahrhundert und die Fülle noch ungeborgener Schätze an lokalen historischen Publikationen zur Musiktheorie im Fokus des Interesses.
Eines der Kerngeschäfte der Zunft: Der Düsseldorfer Hans Peter Reutter präsentiert die Vervollständigung eines Klavierquartett-Fragmentes des jungen Mendelssohn.
Exemplarisch dafür ist etwa das durchaus interessante Forschungsprojekt «Peter Cornelius als Musiktheoretiker», das von der gastgebenden Hochschule der Künste Bern durchgeführt wird. Es konzentriert sich auf die Aufarbeitung von Unterrichtsbüchern, die Cornelius für seine Lehrtätigkeit an der Königlich-Bayerischen Hof-Musikschule in München ab 1867 verfasste.
Auf dem Weg zum künstlerischen Doktorat
Einiges war an der Tagung aber auch zur Selbsorganisation der Scientific Community und dem Wandel der Kommuniktionswege zu erfahren. Ein Podiumsgepräch thematisierte etwa die Frage, ob und wie die Möglichkeit bestehen soll, im deutschsprachigen Raum Doktortitel in künstlerischer Forschung zu erwerben, und welche Bedeutung solche Dissertationsprojekte für die beruflichen und wissenschaftlichen Karrieren ihrer Verfasser haben können. Da gab’s einen Blick auf Doktoratsprogramme in Graz, Gent, Bern, Freiburg im Breisgau und Lübeck, die alle unterschiedlich aufgestellt sind.
Bislang, so erklärte etwa der an der Grazer Kunstuniversität für das Doktoratsprogramm zuständige Ulf Bästlein, hätten Musikhochschulen künstlerische Forschung, die es immer gegeben habe, behindert. Nun sei möglicherweise der historische Moment gekommen, in dem die Ausbildungstätten solche Programme als Chance wahrnähmen.
Peter Dejans bot einen Blick in das erstaunliche Orpheus Instituut Gent, das in Belgien dank verständnisvollem Umfeld in der Politik schon seit 1996 ganz der künstlerischen Forschung verpflichtet ist und dabei als frühes Pionierprojekt umfassende Freiheiten geniesst und unter dem Label «docARTES» seit 2004 auch ein Doktoratsprogramm anbietet.
Podium zum künstlerischen Doktortitel (v.l.n.r.): Moderatorin Marie Caffari, Oliver Korte, Anselm Gerhard, Ludwig Holtmeier, Ulf Bästlein, Peter Dejans.
Der Berner Musikwissenschaftler Anselm Gerhard wiederum stellte das Berner Projekt einer Graduate School of the Arts vor, das die Universität Bern und die Berner Hochschule der Künste gemeinsam realisieren. Es wurde nicht zuletzt ins Leben gerufen, weil mit den letzten Reformen Schweizer Absolventen von Fachochschulen gegenüber ausländischen Studierenden faktisch benachteiligt sind. Deutsche oder Österreicher haben dank einer Ausbildung auf Fachhochschul-Niveau in ihrem Heimatland und internationalen Bestimmungen in der Schweiz im Gegensatz zu den einheimischen die Möglichkeit, zu promovieren.
Die Verhandlungen mit der Berner Universitätsleitung gestalteten sich allerdings nicht ganz einfach, bewegte man sich da doch in den generell sensiblen Diskussionen der Anerkennung von Fachhochschul-Abschlüssen durch die Schweizer Universitäten. So können zur Zeit auch nur Angehörige und Absolventen der Universität Bern und der Hochschule der Künste Bern ins Programm aufgenommen werden. Vorgesehen ist aber, den Horizont zu erweitern.
Oliver Korte wiederum stellte die neugeschaffenen Promotionsmöglichkeiten in Lübeck vor, und der Freiburger Ludwig Holtmeier, der auch als Herausgeber der Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie amtet, wies darauf hin, dass in Baden-Württemberg starke Tendenzen bestehen, einen Doctor of Musical Arts (D.M.A.) nach amerikanischem Vorbild einzuführen.
Auch dies verändert die Kommunikation in der Scientific Community: Skype-Schaltung in die USA während des Kongresses
Mit Blick auf den DMA wurden allerdings auch Bedenken geäussert. Er habe in den USA dazu geführt, dass eine Professur an einer Musikhochschule praktisch nur noch an Inhaber eines solchen Doctor of Musical Arts – häufig auf unbefriedigendem Niveau abgeschlossen – vergeben würden, die meisten von diesen allerdings nie auf einer Bühne gestanden seien und damit keinerlei praktische Erfahrung im Musikleben hätten. Peter Dejans wies dabei darauf hin, dass der DMA in den USA in den 1950er-Jahren als Ausbildungsgang konzertierender Musiker ins Leben gerufen wurde und keine Tradition als Forschungsbefähigung habe.
Die Podiumsteilnehmer waren sich einig darin, dass etwas schiefläuft, wenn ein DMA zu einer Berufsqualifikation wird. Auch wenn der Erwerb eines künstlerischen Doktortitels einfach angestrebt werde, weil Betreffende nach dem Abschluss ihres Musikstudiums keine Stelle fänden, müsse korrigiert werden.
Kontrolle über die eigenen Publikationen
Einblick ins durchaus nicht unproblematische Verhältnis zwischen Verlegern und Musiktheoretikern als Publizisten von Lehrbüchern und Forschungsresultaten bot der in München tätige Ulrich Kaiser, der auch den Arbeitskreis «Musiktheorie und Neue Medien» der GMTH leitet. Er bietet unter der Webadresse musik-openbooks.de von ihm selber vefasste und gelayoutete Lehrbücher zu Sonate und Sinfonie sowie zum Werk Bachs an.
Weitere Titel – unter anderem eine Harmonielehre für Kinder – sollen folgen. Damit verzichtet Kaiser zwar auf mögliche Einnahmen durch die Publikationen (die auch im Fall einer traditionellen Zusammenarbeit mit einem Verlag heute ohnehin illusorisch sind), befreit sich dafür von den Fesseln der Vorgaben eines Verlagslektorats.
Kaiser hofft damit «mehr Interessierte über Bildungsportale und Internet-Tauschbörsen zu erreichen als über die Regale der Fachbuchhandlungen». Initiativen wie diese deuten darauf hin, dass die pädagogische und wissenschaftliche Literatur zum Fach künftig über weitaus vielfältigere Wege zu den mündigen Lesern gelangen werden, als dies im traditionellen Wissenschaftsbetrieb der Fall ist.
11. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH) an der Hochschule der Künste Bern. Freitag, 2. bis Sonntag, 4. Dezember 2011
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